China-Tagebuch, 1.Teil

Hermann Dworczak berichtet

17.10.2012

Nach einer urlangen Reise von Wien nach Nanching- ich musste in Beijing am Flughafen 5 Stunden warten- hatte ich heute auf der Audit Universitaet in Nanjing meiner ersten „Arbeitstag“.

Das Thema meiner Vorlesung war: „Die Krisen in Europa- Die Antworten der Linken“. Ich entwickelte in vier Thesen meine Position: die Krisen des Kapitalismus sind kombiniert und daher in ihren Auswirkungen viel stearker als in der Vergangenheit; die neoliberale Politik der Regierungen verstaerkt die Krisen; die unzureichende Antwort des Neokeynsianismus; die unterschiedlichen Antworten der Linken- die nationalistische der stalinistischen griechischen KP; die
internationalistischen Antworten der radikalen Linken bzw. von Teilen der Sozialforumsbewegung. Ich legte schliesslich dar, warum ich der Meinung bin, dass innerhalb des kapitalistischen Rahmens keine wirkliche Loesung der Krisen moeglich ist und warum es daher notwendig ist „ueber diesen engen Rahmen hinauszudenken, den Kampf um eine sozialistische Gesellschaftsordnung wieder voll ins politische Tagesprogramm zu integrieren“.

Die Debatte war spannend und kontroversiell- etwa ueber meinen Vorschlag Griechenland vollstaendig die Schulden zu streichen. Aus einigen Aeusserungen konnte man/frau entnehmen, dass die Ideolgie „die Griechen sind selbst schuld an der Misere“ auch in China Fuss gefasst hat. Sehr interssant war auch die Diskussion ueber die politische Zukunft der Europaeischen Union- etwa ueber die spezifischen Interessen des britischen Imperialismus. Richtig „heiss“ wurde es jedoch als ich die unruehmliche Praxis chinesischer Firmen in Griechenland ansprach: die chinesische Company Cosco hat- gegen den Willen der ArbeiterInnen- die Haelfte des – bisher oeffentlichenn- Hafens in Piraeus gekauft und dort ein extrem rigides „Modell“ eingefuehrt- Entlassungen um „die Produktivitaet zu steigern“, Abbau von Gesundheitsschutz, wenig bis keine Gewerkschaftsrechte etc. Nach Einschaetzung eines Teilnehmers unserer Debatte ging das Match fifty: fifty aus- was heisst, dass sich nur die Haelfte der Diskutanten in dem universitaeren Bereich „ideologische und politische Theorie fuer internationale Theorie“ fuer eine solidarische, internationalistische Position entschied. Wahrlich kein berauschendes Resultat in einem Land , dass sich auf den „Sozialismus“ beruft.

20.10.2012

Der neue Campus der Audit Universitaet in Nanjing, auf der ich ueber „Die Krisen in Europa-Die Antwort der Linken“ referierte( siehe meinen ersten Bericht), spielt alle Stueckeln. Studieren in China ist jedoch alles andere als ein Honiglecken- vor allem was die finanzielle Seite betrifft.

Die Audit Universitaet gibt es seit rund dreissig Jahren. Der aeltere Teil im Stadtzentrum beherbergt 3000 StudentInnen, auf dem 2008 fertiggestellten Campus sind 20000 StudentInnen untergebracht. Nur rund 3000 haben Audit (Rechnungswesen) belegt. Insgesamt verfuegt die Uni ueber 13 Departements mit nichtnaturwissenschaftlicher bzw. nichtmedizinischer Ausrichtung.

Die Anlage der Uni ist schlicht eine Wucht- mit viel Gruen und Teichen zwischen den Gebuaeden. Die Atmosphare erscheint mir locker- auch wenn die Blocks fuer StudentInnen und Studenten geschlechtlich getrennt sind.

So weit so gut. Auf meine Fragen erhalte ich auch Antworten, die weniger optimistisch stimmen. Das Studim ist stark verschult- wie bei uns gespickt mit vielen Tests, Pruefungen etc.

Finanziell kann von „freiem Studium“ ueberhaupt keine Rede sein. Die Jahres-Kosten des Studiums (Studiengebuehren, Unterkunft, Essen,…) belaufen sich auf rund 20000 Yuan (1 Euro: etwas mehr als acht Yuan)- also in etwa 2500 Euro. Zur Orientierung: ein durchschnittlich qualifizierter Arbeiter verdient im Monat rund 2500-3000 Yuan. Fuer viele StudentInnen ist diese Summe absolut unerschwinglich- also muss die ganze Familie kraeftig herhalten, wird „nebenbei“ gejobbt etc. Auch das Stipendienwesen macht die Unzulaenglichkeiten nicht wett. Bei den -je nach finanziellem Background und Leistung- gestaffelten Stipendien liegt die Obergrenze bei 10000 Yuan. 10000 Yuan muessen also in jedem fall selbst berappt werden!

Als ich in die Gespraeche und Diskussionen einbrachte, dass Bildung eigentlich generell kostenlos sein sollte, wird mir gesagt, dass diese Forderung schon mehrmals erhoben wurde, aber am Widerstand der Regierung scheiterte.

Interessant auch ein weiterer Aspekt: waehrend frueher Studium eher nicht als „etwas Besonderes“ stilisiert wurde, webt jetzt die Regierung an einem
„Elite“schleier. Und leider -so wurde mir gesagt- verfaengt sich diese Ideologie zunehmend unter der StudentInnenschaft.

[Fortsetzung folgt]

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