China-Tagebuch, 2.Teil

Hermann Dworczak berichtet

22.10.2012

„SOZIALISMUS MIT CHINESISCHEN CHARAKTERISTIKA“

Zweifelsohne hat China in den beiden letzten Jahrzehnten oekonomisch maechtig zugelegt. Jaehrliche Wachstunsraten um die 10 Prozent- in aktuellen 3.Quartal 7,4 Prozent- lassen die „China-Experten“ nur so staunen. Auch bei der Reduktion der Armut im Lande gab es betraechtliche Fortschritte. So gelang es in dem 1,4 Milliarden EinwohnerInnen zaehlenden Land die extreme Armut um  250 Millionen Menschen zu reduzieren.

Zumindest in den oestlichen Regionen ist die Versorgungslage gut. In Qingdao- auch international wegen seines Biers bekannt- gehe ich in einen Supermarkt in einem Viertel, wo nicht die Gestopften mit ihren Glitzerpalaesten und Luxuskarrossen wohnen. Das Warenangebot ist breit- wenn auch nicht fuer alle so leicht erschwinglich. Ein halbes Kilo Zwetschken kostet 7,90 Yuan, etwas weniger als ein Euro- bei einem ArbeiterInneneinkommen von 2500-3000 Yuan  nicht gerade wenig.

Trotz der Aufwaertstrends ist China nach wie vor – auch in der offiziellen Selbsteinschaetzung(!) ein „Entwicklungsland“. Die Mehrheit der Bevoelkerung lebt auf dem Land. Auch wenn es dort Verbesserungen gegeben hat, von einem generellen „take off“ des Landes kann keine Rede sein. Nur von einer „Unterentwicklung des inneren Marktes“ zu sprechen waere eine glatte Untertreibung.

Der oekonomische Fortschritt ist das Ergebnis einer massiven Reform- und Oeffnungspolitik. „Reform“ meint starkes Setzen auf den „Markt“- „Oeffnung“ erfolgt in weit ausholender Manier gegenueber dem inlaendischen und auslaendischen Kapital.

China zaehlt zu den Laendern mit dem staerksten Auseinanderklaffen der Einkommensschere. Die Arbeitsbedingungen in den -multinationalen- Konzernen sind schlicht beschaemend: die Zustaende bei Foxconn, die zu einer Serie von Selbstmorden unter den Beschaeftigten fuehrten, haben international fuer Schlagzeilen gesorgt. Geaendert hat sich bei Foxconn nicht viel- dafuer liess die Firmenleitung an den Gebaueden Netze (!) anbringen, damit es bei Selbstmordversuchen  keine weiteren Toten gibt…

Bei mehreren Gelegenheiten habe ich waehrend meines China-Aufenthalts diese Dinge problematisiert. Ich betonte stets , dass in einer „Uebergangsgesellschaft“ zum Sozialismus auf Marktmechanismen NICHT verzichtet werden kann. Ich erwaehnte auch die Lage in der jungen Sowjetunion- Einfuehrung der „Neuen Oekonomischen Politik“ (NEP)-, die damaligen, offen ausgetragenen Debatten und die katastrophalen  Folgen der exzessiven Anwendung der „Reform“politik unter der Aegide von Stalin/Bucharin, die die Parole „Bereichert Euch!“ ausgeben hatten.

Bei offiziellen Repraesentanten- auch im Uni-Berteich- gibt es fuer solche  triftigen Argumente meist nur die kalte Schulter. Ein beliebtes Argumentationsmuster lautet: „Ja es gibt da und dort Probleme, aber im Kern hat die Partei die Dinge im Griff“. Konkreten Debatten wird gerne  ausgewichen. Wenn ich etwa an Hand von Beispielen wie privatem Wohnungsbau, Stadtplanung, Ueberhandnehmen des Individualverkehrs, Kommerzialisierung in immer mehr Bereichen etc. unterstrich, dass das Kapital einer ganz anderen gesellschaftlichen Entwicklungs-Logik folgt und nicht ueber Jahrzehnte hinweg „zur Entwicklung der Produktivkrafte ausgenutzt werden kann“, hoerte ich nur allzuoft ganz allgemein und unverbindlich: „Die Enwicklungsrichtung stimmt schon, und wie lange der Weg zum Sozialismus dauert, kann niemend sagen  “

Mittlerweilen haben auch Kapitalisten in der KP Chinas ihren Platz. Die neuen, am kommenden Parteitag (Beginn 8.November) zu waehlenden Fuehrer haben schon jetzt angekuendigt, dass sie noch weiter in Richtung „Reformen“ gehen werden. Und der Fall Bo Xilais dient als Schwungrad fuer diese neuerliche Rechtsentwicklung.

Realistischer weise muss man/frau sagen, dass es nur wenig -sichtbaren-Widerstand gegen diese Negativ-Entwicklung gibt. Das rigide politische System laesst kaum Spielraum zu. Die ArbeiterInnenproteste der letzten Jahre sind zwar ein erstes Fanal, aber verbleiben zumeist  auf der („gewerkschaftlichen“) Betriebsebene.

Im akademischen Bereich gibt es einige interessante diesbezuegliche Debatten. Wenn ich am Ende meiner speakers-tour nach Beijing komme, werde ich in der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS)- von der ich eingeladen wurde- im Departement Marxismus folgenden Vorschlag unterbreiten: angesichts der Tatsache, dass in Laendern wie China, Vietnam und Cuba aehnliche Debatten ueber „Marktreformen“ gefuehrt werden, erscheint es sinnvoll eine breit angelegte  internationale Konferenz ueber die „Zukunft des Sozialismus“ zu organisieren. Ich bin schon gespannt, wie die Reaktionen auf meinen Vorschlag sein werden…

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26.10.2012

FRAGEN VON CHINESINNEN

Egal wo und worüber ich bislang während meiner Speakers-Tour in China referierte, gut 80 Prozent der ZuhörInnen wollten wissen, wie es China (mit dem Sozialismus) weitergeht.

Meine dreiwöchige Speakers-Tour in China führte mich bisher nach Nanjing, Qingdao und Rizhao- Shanghai und Beijing stehen noch bevor. Ich referierte auf Unis über „Die Krisen in Europa- Die Antwort der Linken“ bzw. „Die Methode der Kritik der Politischen Ökonomie“. Dieses erkenntnistheoretische Thema meiner Dissertation behandelt die spezifische Methode mit der Marx „Das Kapital“ schrieb (insbesondere das für das umfassende  Verstehen sozialer Prozesse notwendige „Aufsteigen von Abstrakten zum Konkreten“).

Ich fand jeweils eine sehr interessierte und diskussionsfreudige ZuhörInnenschaft vor. Einige wenige Fragen bezogen sich auch auf die zentralen Punkte meiner Vorlesungen. So wurde ich gefragt, ob es in Frankreich nach der Wahl Hollands eine wesentliche Kursänderung gegeben hat- was ich an Hand einiger konkreter Beispiele verneinte. Ein weiterer Punkt  war, ob Marx nur in den entwickelten kapitalistischen Ländern eine Revolution erwartete.

Gut 😯 Prozent bezogen sich jedoch  auf China- die aktuelle Lage im Land und seine ökonomische und politische Zukunft. Meistens lief die Zeit davon, um alle Fragen ausführlich beantworten zu können!

Dauerbrenner bei  Diskussionen war, wie mit dem „Markt“ umzugehen ist und ob denn nun China „ein sozialistisches Land ist“. Ich führte aus, dass JEDE „Übergangsgesellschaft zum Sozialismus“ auf Marktelemente nicht verzichten kann – nicht einmal reiche Länder wie Deutschland, wenn es dort einmal zu revolutionären Veränderungen kommen sollte. Erst recht kann China – ein  Land mit einem viel niedrigeren Entwicklungsstand der Produktivkräfte – Marktelemente nicht ausschliessen. Die konkret zu behandelnde Kardinalfrage ist, WIEWEIT auf die „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) gesetzt wird. Was in China aktuell zu beobachten ist, ist ein regelrechter Wildwuchs des Marktes – bis hin zu (Monopol)kapitalismus der schlimmsten Ausprägung! Und ich legte dar, dass nicht durch eine lineare Entwicklung des status quo „in den Sozialismus hineingewachsen werden kann“: weil Kapital und gesellschaftliches Eigentum einer GÄNZLICH ANDEREN (Entwicklungs)logik folgen: Profit versus Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse.

Eh klar, dass ich darauf gefragt wurde, was konkret zu machen wäre. An Hand von 2 Beispielen versuchte ich – ohne mich zum „China-Kenner“ aufzuspielen! – die Probleme dingfest zu machen. Das erste, was einem in Chinas Großstädten – unangenehm – auffällt, ist das gigantische Ausmass des Individualverkehrs und die durch eine Unzahl von Stadtautobahnen geschaffene „Unwirtlichkeit der Städte“ (Alexander Mitscherlich). Freunde in Qingdao erzählten mir, dass schon seit fast 20 Jahren dort an Plänen für eine U-Bahn gebastelt wird, aber es bisher keinen einzigen Kilometer Metro gibt! Mein Argument: anstatt zentral „aufs Auto zu setzen“ und die Individualverkehrshoelle weiter anzuheizen – rasche und verstärkte Investitionen in den öffentlichen Verkehr (Metro, Nahverkehrszüge,…).

Zweites Beispiel: selbst die zentralen Nachrichten sind Opfer der völlig aus dem Ruder gelaufenen Kommerzialisierung von immer mehr Lebensbereichen. Auf Kanal CCTV 13 gibt es am Beginn, einige(!) Male während und am Ende der news Werbung! Ich formulierte deftig: dieser Unfug (der allerdings Methode hat!) gehört schleunigst abgestellt.

Angesichts der weitgehenden Konzentration des „Reichtums“ Chinas im Osten des Landes, des einseitigen Export-„Modells“, das den inneren Markt sträflich vernachlässigt, der undemokratischen Zustände (Marx wurde nicht müde von der SELBSTtätigkeit der ArbeiterInnen zu sprechen und eben NICHT von einer Zwangsbeglückung von oben!) kann von einem – bereits erreichten -Sozialismus keinerlei Rede sein.

Nich unerwähnt möchte ich lassen, wie die Ohren gespitzt wurden, als ich das Thema „Marx und Natur“ anriss- etwa seine berühmte Kritik am Arbeitsfetischismus der deutschen Sozialdemokratie („Kritik des Gothaer Programms“), der die Natur schlicht „vergessen“ hatte. Ökologie ist offenkundig auch für die chinesische Linke ein zentraler Fokus.

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27.10.2012

Alltagsleben in Chinas Staedten

Neben meinen Uni-Vortraegen und Diskussionen mit meinen linken FreundInnen versuche ich mir ein Bild vom chinesischen Alltagsleben- in den Staedten- zu machen. So weit ich das beurteilen kann, verlaueft es in ziemlich engen Bahnen. Von „sozialistischer Alternative“ ist wenig bis nix zu bemerken.

Selbstredend gilt es vorerst einmal den enormen Nachholbedarf der chinesischen Gesellschaft voll in Rechnung zustellen. China wurde im 19.Jahrhundert zu einem begehrten Objekt diverser Kolonialmaechte- anders als in Japan gab es keine „Reform von oben“. Die Kaiserinwitwe etwa verwendete den Etat, der fuer die Modernisierung der chinesischen Marine bestimmt war, dafuer, sich den „Sommerpalast“ in Beijing luxurioes umzugestalten…

Die „nationale“ Bourgeosie zeigte sich unfaehig und unwillens das Land aus den Klauen des Imperialismus und einer Unzahl von „warlords“ zu befreien. Erst die „rote“ Revolution- siegreich 1949; und von Stalin nicht gewollt!- schuf die Basis fuer eine Entwicklung des Landes nach vorne.

Voluntaristische „Experimente“ der maoistischen Fuehrung(„Grosser Sprung nach vorne“; Kulturrevolution) setzten einer ausgegeglichenen Entwicklung jedoch maechtig zu. Die „Reform“politik in den letzten beiden Jahrzehnten fuehrte zwar zu einer sichtbaren oekonomischen Besserung- aber mit enormen Schlagseiten (siehe meine vorherigen 4 Berichte).

Die chinesische Gesellschaft ist auf Grund dieser Historie vor allem mit (Nachhol)konsum beschaeftigt. Und die Buerokratie in Partei und Staat foerdert diesen fuer sie ungefaerlichen Trend. „Brot und Spiele“ ist sicher die erste Assoziation, die sich einstellt. Selbst der am 8.Nobember beginnende Parteitag spielt -zumindest bislang- im oeffentlichen Leben keine besonders praegende Rolle.

Nirgensdwo sah ich bislang in Staedten Diskussionsrunden. Alte Maenner spielen auf der Strasse Karten, die Kaufhaeuser sind bummvoll, die Jugend nimmt sich genauso wie bei uns aus: permanentes Hantieren mit dem Handy, „Stoepsel“ in den Ohren etc. In dem Haus, in dem sich in Qingdao  mein Hotel befindet, gibt es auch einen grossen Internetladen: fast den ganzen Tag voll mit Youngsters, die sich ein game nach dem anderen hineinziehen…

Spricht man mit ChinesInnen bekommt man auch einen tieferen Enblick in ihre oekonomische Lage. Ich unterhalte mich etwa mit einer teilzeitarbeitenden Medizin-Studentin in einem „Pizza Hut“-Laden. Waehrend ihre VollzeitkollegInnen monatlich rund 3000 Yuan verdienen, ist ihr Stundenlohn heisse 9,6 Yuan- also rund 1,2 Euro!

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