Leserbrief: Darf man KPÖ wählen, Christian Rainer?

Es ist erfreulich, dass NS-terror und Stalinismus nicht gegen gerechnet und die ideologischen Unterschiede deutlich beschrieben werden. Unverständlich ist mir die Gleichsetzung von Stalinismus mit Kommunismus oder gar mit Marxismus, genauso wie sich auch CIA / Pinochet und Christentum oder gar Bergpredigt diametral widersprechen.

Christa Zöchling erwähnt kurz die Passage aus Walter Baiers Buch, wo er meint, dass ja auch dem Christentum die Morde der Inquisition nicht vorgeworfen würden. Dieser Hinweis verdient meiner Meinung nach jedoch mehr Beachtung: Was die röm. kath. Kirche alles verbrochen, vertuscht und geduldet hat, erfahren wir heute an Hand der sog. Missbrauchsfälle nur ansatzweise. Niemand jedoch würde die Bergpredigt oder die Evangelien, das „Programm“ des Christentums dafür verurteilen oder verantwortlich machen. In der Geschichte dieser Institution, wo die beinahe Ausrottung der Indios, die Versklavung der Afrikaner und die Vernichtung unliebsamer „Hexen“ kaum Aufschreie erweckte, die Besteuerung des verlogenen Sündenablasses aber schon, sind genug Verbrechen begangen worden, die demzufolge auch den Aufruf „CDU – CSU kann man nicht wählen“ rechtfertigen würde.

Jene Parteien, die gemeinsam mit G. W. Bush, Schüssel, Sarkozy usw. für eine Politik stehen, die den Keil zwischen den Reichen und dem Rest der Bevölkerung immer weiter treiben und mit Schwarz-, Schmier- und Bestechungsgeld die Sozialsysteme schwer beschädigen. Der unermessliche Reichtum des christlichen Abendlandes führt nicht dazu, die Hungrigen und Dürstenden, die Obdachlosen und Sterbenden in aller Welt zu unterstützen. Millionen verhungernder Kinder rütteln die Konrads, Treichls und Ackermanns samt ihren Aktionäre und Vasallen in den Finanzministerien nicht soweit auf, dass sie die Entwicklungshilfe erhöhen oder Medizin-patente aufheben.

Es gibt viele Arten, Menschen zu Tode zu bringen. Nur wenige davon sind gesetzlich verboten.

Die dem Marxismus anhaftende Ablehnung des „Klassenfeindes“, der die Entwicklung des Sozialismus gefährdet und das damit begründete Verbot von Privatbesitz an Produktionsmitteln, zeigt sich heute angesichts der Zerstörung sozialer und ökologischer Errungenschaften durch die Umsetzung der neoliberalen Wirtschaftstheorien als durchaus berechtigt. Und dass die damaligen Industriellen den Vormarsch der Nazis finanziell unterstützten oder gar erst möglich machten lässt sich nicht leugnen.

Dass dies alles keine Entschuldigung für den Missbrauch des Marxismus und des Kommunismus als Legitimation für unsagbare Verbrechen ist, sollte klar sein, aber die differenzierte und selbstkritische Wahrnehmung derzeitiger Verbrechen, sollte dadurch nicht verwischt werden.

Robert Reischer

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