WIR, die stolzen Europäer!

Die Gegenbesetzung in der Votivkirche sollte unser Bild der extremen Rechten verändern —

Audio: http://cba.fro.at/106009

„Identitär“ — was soll das sein? Die „Wiener Identitäre Richtung“ (WIR) sorgte dieser Tage für Aufregung, weil eine Gruppe von neun jungen Männern sich zu einer „Gegenbesetzung“ der Votivkirche aufraffte. Der Ansatz war ein an der Spaßguerrilla orientierter: Ein steirischer „Flüchtling“ mit Steirerhut und Goiserern habe seinen Paß weggeworfen und wolle nun um Asyl ansuchen, da es ja doch den Asylwerbern viel besser ginge als den Einheimischen — so die erzählte Geschichte dieses Theaters im öffentlichen Raum.

So richtig lustig kam das aber nicht rüber. Das lag sicher auch an der etwas verkrampft-unsicheren Art, wie die Sache von den „Identitären“ präsentiert wurde, aber auch am penetranten Präsentieren ihrer Fahne. Allein wie sie ihr Symbol, der griechische Majuskel Lambda in einem Kreis, schwarz auf gelben Grund der Öffentlichkeit nahebrachten, hatte etwas Kriegerisches.

Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich aber die Gruppe, die sich zu einer europaweiten Bewegung aufschwingen will und die man der „Neuen Rechten“ zuordnen kann. Der Auftritt in der Votivkirche war lächerlich, doch die Intervention in einer so heiklen Angelegenheit wie der Besetzung der Kirche durch Flüchtlinge brachte ihnen doch österreichweite Öffentlichkeit — seither ist „identitär“ auch hierzulande ein Begriff.

„Europäismus“

Wie vieles in in Österreich ist auch diese Bewegung aus Deutschland importiert. Dort wiederum orientierte man sich am französischen 2003 begründeten „Bloc Identitaire“. Die Identitären entsprechen einer Tendenz, die schon seit längerem immer stärker in der extremen Rechten Europas wird. Die klassischen Rechtsextremen setzten rein auf Nationalismus — was in einer kleiner gewordenen Welt für sie ein Problem darstellt. Beispielsweise scheiterten die Versuche im Europaparlament eine rechtsextreme Fraktion zu bauen immer an den eigenen Widersprüchen — da brauchte z.B. nur irgendwer laut „Südtirol“ rufen und schon war die Gesprächsbasis zwischen italienischen Neofaschisten und den Deutschnationalen den Bach runter.

Diese Spaltung aufzuheben ist Ziel der „Neuen Rechten“. Man setzt auf eine „europäische Identität“ — „Regionalismus, Nationalismus und Europäismus“ ist quasi die Tricolore dieser Bewegung. So neu ist das allerdings gar nicht, wurden diese Ideen doch schon seit 1951 mit der Gründung der Zeitschrift „Nation Europa“ mit einem gewissen Erfolg in der deutschsprachigen rechtsextremen Szene verbreitet. Der Hintergrund dieser ideologischen Neuausrichtung ist aber natürlich nicht nur das Interesse an einer Überwindung der Spaltung der neuen Rechten, sondern resultierte auch aus den veränderten politischen Bedingungen in Deutschland und Österreich. Denn nach 1945 sah sich die verbleibende Nazibewegung gezwungen, von den alten deutschnationalen Bildern loszukommen, da diese nun kompromittiert waren. Daß die Begründer von „Nation Europa“ ein ehemaliger SS-Sturmbannführer und ein ehemaliger SA-Obersturmführer waren, macht klar, woher der Wind damals wehte. Das Europäische dieser frühen „Neuen Rechten“ war hauptsächlich das Interesse, daß Europa am deutschen Wesen zu genesen habe.

Mittlerweile hat sich aber der europäische Gedanke in diesen Gruppierungen verfestigt — wenn die Wiener Identitären in einem Youtube-Video betonen, keine Nazis zu sein, ist das nicht völlig falsch. Man orientiert sich in dieser Szene vielleicht hie und da noch hinter vorgehaltener Hand an Hitler, doch ist der alte Antisemitismus längst dem Gedankengut eines Samuel P. Huntingtons oder eines Thilo Sarrazins gewichen, also der Idee der Verteidigung des Abendlandes gegenüber der „Gefahr aus dem Osten“. Der Buchstabe Lambda, den die Identitären verwenden, verweist auf Leonidas, jenen Spartanerfürsten, der ja doch so heldenhaft gegen die eindringenden Perserheere gekämpft habe. Andere Ikonen sind Karl Martell und Prinz Eugen, aber auch die „Katholischen Könige“ Spaniens. Gerade mit der Forderung nach einer „neuen Reconquista“, wie von manchen „Identitären“ gefordert, wird aber der europapatriotisch-christliche Hintergrund klar. Das kommt jedoch alles schon verdammt nahe dem Gedankengut des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der mit den Nazis nichts am Hut haben will und von einer „al-Qaida für Christen“ träumt. Und auch an H.C. Strache und sein Rumgefuchtel mit dem Kreuz fühlt man sich erinnert — den alten deutschnationalen, oft ausgeprägt antiklerikalen Rechtsextremen wäre so etwas nie eingefallen.

Verfehlter Antifaschismus

Während also das Rekurrieren auf das christliche Abendland für die Einigung der Rechten so hilfreich ist, führt das auch zu einer Problematik bezüglich des vielbeschworenen antifaschistischen Konsenses in Europa.

Denn bislang hat zum einen die Linke sich auf ein paar Deppen konzentriert, die noch mit Hakenkreuzfahnen herumlaufen oder diese zumindest zu Hause hängen haben.

Zum anderen erwischt es auch den Staatsantifaschismus am falschen Fuß. Gerade in Österreich werden dadurch die ideologischen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte deutlich. Hierzulande hat man in der Nachkriegszeit Österreichpatriotismus — und damit auch den politischen Katholizismus — absurderweise mit Antifaschimus gleichgesetzt. Und in den 90ern kam dann etwas verspätet das nach der französisch-deutschen Aussöhnung gedichtete Hohelied auf Europa auch in unser Land. Der „europäische Gedanke“ sollte den alten Nationalismus überwinden, wir sollten alle „stolze Europäer“ werden. Doch jetzt kommen da rechtsextreme Gruppierungen, die genau diese Parolen konsequent weiterspinnen — darauf hat ein klassischer bürgerlicher Antifaschismus genau keine Antwort. Man erinnere sich daran, daß im ORF die Weisung ausgegeben worden war, Breivik nicht als militanten Christen sondern als Nazi zu stilisieren — das resultierte nicht nur aus der Angst, die hiesige Staatsreligion könnte angepatzt werden, sondern auch aus dem Willen, das Bild eines Faschisten zu zeichnen, wie man es eben gewohnt ist. Ein Massenmörder darf nunmal nicht christlich-europäisch motiviert sein.

Bewegungen wie die Identitären brauchen wir jetzt sicher nicht zum Popanz aufbauen — letztendlich werden diese idealistisch gesinnten Grüppchen wieder verschwinden. Aber man wird sich anhand dieser Leute wieder einmal klar werden müssen, daß faschistisches Gedankengut eben nicht auf irgendwelchen Spinnereien aufbaut, sondern aus der Mitte einer nach wie vor vom autoritären Charakter geprägten Gesellschaft kommt.

Bernhard Redl

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