Archiv: Wie man funktionierende Drogenpolitik kaputt macht

Im Zuge der Debatte über die Substitution von Heroinabhängigen sei wieder einmal daran erinnert, daß mittlerweile auch in manchen Gegend der Welt statt Substitution die reine Droge ausgegeben wird — oft mit sozialtherapeutisch guten Erfolgsraten. Wie das der Politik aber mitunter nicht gefällt und was sie dagegen macht, ist beispielhaft hier in einem 18 Jahre alten Artikel aus der WoZ nachzulesen:

*

Drogenpolitik/Großbritannien:

Aus für das «Liverpooler Modell»!

Die Dealer sind wieder da

Erscheinungsdatum in der akin: 28.02.95

Das «Liverpooler Modell», Europas erstes und vielleicht bekanntestes Projekt zur kontrollierten Drogenabgabe, steht vor dem Aus. Spätestens am 1. April wird die Drugs Dependency Clinic in Widnes (nahe der Hafenstadt Liverpool in der Region Merseyside) schliessen, die ebenfalls bisher von John A. Marks geleitete Klinik in Warrington hat die Abgabe von Heroin bereits eingestellt. Vor zwölf Jahren hatte der Psychiater John Marks sein Experiment der «harm reduction», der Schadensminderung, begonnen: Er verabreichte Heroin, auf Wunsch auch Kokain und Methadon auf Krankenschein. Der Erfolg dieser Methode war spektakulär: Da die Patientlnnen (zuletzt insgesamt rund 400) reines Heroin und neue Spritzen bekamen, sank die Zahl der Drogentoten und die Rate der HIV-lnfizierten auf Null. Durch die kostenlose Abgabe der «reefers» (heroingetränkte Zigaretten) und Ampullen verschwanden Beschaffungskriminalität und Dealer. Und die Polizei von Merseyside war hellauf begeistert, zumal das Modell die Gesamtzahl der Heroin- und Kokainsüchtigen reduzierte.

Trotz dieser vorzeigbaren Ergebnisse blieb John Marks insbesondere bei den britischen Behörden umstritten; anders als so manche ebenfalls Heroin verschreibenden Ärzte hielt er sich mit öffentlicher Kritik an der «lgnoranz» und «Unfähigkeit» der Drogenpolitikerlnnen nie zurück. Entscheidend für den Beschluß, ihn kaltzustellen, sei aber Druck aus Washington gewesen; das sagte Marks jetzt in einem Gespräch mit der WoZ. Nach einem vom US-amerikanischen TV-Kanal CBS im Jahre 1990 ausgestrahlten Dokumentarfilm über das «Liverpooler Modell» habe die US-amerikanische Regierung interveniert: Die britische Regierung solle ihre Drogenpolitik gefälligst mit der US-amerikanischen «harmonisieren». Daraufhin habe erst eine Untersuchung gegen die Kliniken stattgefunden; als diese kein negatives Resultat produzierte, sei dann der Beschluß gefaßt worden, die Gesundheitsbezirke von Halton und Warrington zum Distrikt North Cheshire zusammenzulegen. Brian Mawhinney, Chef der Drogenabteilung im Gesundheitsministerium und, so Marks, «Mitglied einer sehr obskuren protestantischen Sekte», ernannte mit C. A. Hamer einen «fundamentalistischen Christen» (Marks) zum Chef dieser neuen Behörde. Dieser entzog der Chapel Street Clinic die Zuständigkeit für die Drogenabgabe, schrieb den Kontrakt erneut aus und erteilte einem Team unter Leitung eines «wiedergeborenen Christen» den Zuschlag. «Die behaupten: Wir kümmern uns weiterhin um die Süchtigen», sagt Marks. «Das tun sie auch. Aber auf eine völlig andere Weise: Bleib sauber, komm zu Gott. geh in die Kirche.» Der ab 1. April zuständige Arzt wird, wenn überhaupt, nur Methadon verteilen.

In Warrington haben die Neuen schon übernommen. Die Heroinabgabe wurde abgesetzt, die Dealer sind wieder da. und die Gangs aus Manchester liefern sich Bandenkriege. Für Widnes befürchtet Marks das gleiche: «Die Klienten müssen zurück zu den Gangstern, zu einer Todesrate von 15 Prozent, zu HIV, zur Beschaffungskriminalität, zur Überdosis.» Durch die administrative Neustrukturierung hat Marks seine Lizenz zum Verschreiben von Heroin und Kokain zwar nicht verloren, er bleibt auch weiterhin in seinem Krankenhaus beschäftigt. Aber die regional zuständige Gesundheitsbehörde zahlt nicht mehr für diesen Dienst; nur andere Behörden wie die von Liverpool und Manchester schicken noch Patientlnnen – eine absurde Situation.

Mittlerweile hat sich der Druck der von den USA beeinflußten UN-Drogenkontrollbehörde International Drugs Control Board (IDCB) auch in einem «green paper», einem offiziellen Positionspapier der britischen Regierung, niedergeschlagen. In diesem Grünbuch mit dem Titel «Den Drogenmißbrauch angehen» taucht der Begriff «harm reduction» nicht mehr auf. In den USA gilt Regierungsvertretern dieses Wort als Synonym für Legalisierung.

Pit Wuhrer in WoZ 7/95

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