Interview: Librería Utopía – ein linker Buchladen für Wien

Stefanie Klamuth und Pablo Hörtner sind das, was sich der Wirtschaftsbund immer wünscht: Jungunternehmer, die ein hohes Risiko eingehen, um sich selbständig zu machen. Inhaltlich ist der Wirtschaftsbund wahrscheinlich weniger begeistert, denn das Unternehmen soll eine linke Buchhandlung werden: Der Radical Bookstore Vienna – Librería Utopia soll am 2.Dezember im 15.Wiener Gemeindebezirk eröffnet werden. Über das Bücherlesen, die Zweifel am Machbaren, die Lust, einen Traum zu leben, das Potential linker Netzwerke und die Frage, welches Publikum für so ein Projekt zu erwarten ist, sprach Bernhard Redl mit den BuchhändlerInnen in spe.

Zu hören unter:
http://cba.fro.at/249824

Druckversion
akin 25/2013: http://akin.mediaweb.at/2013/25/25utopia.htm

Ort, Kontakt und Infos:
Radical Bookstore Vienna – Librería Utopia
Preysinggasse 26-28, 1150 Wien (U3 Schweglerstraße)
Öffnungszeiten ab Anfang Dezember: Mo-Fr ab 15 Uhr, Sa ab 12 Uhr
Telefon 0660 3913865
Webseite: http://radicalbookstore.com (momentan noch nicht viel zu sehen)
Laufende Infos unter: https://www.facebook.com/radicalbookstore

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‚akin – aktuelle informationen‘
a-1170 wien, Lobenhauerngasse 35/2
vox: ++43/1/535-62-00
(anrufbeantworter, unberechenbare buerozeiten)
http://akin.mediaweb.at
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Ein Gedanke zu „Interview: Librería Utopía – ein linker Buchladen für Wien

  1. Interview:
    “Nicht für einen elitären linken Zirkel”

    Besuch in der Buchhandlung “Librería Utopía”

    Anfang Dezember eröffnet eine neue linke Buchhandlung im 15. Bezirk in Wien. Und es soll mehr als eine Buchhandlung werden, ein kleines linkes Zentrum zwischen Westbahnhof und Stadthalle. Akin war zu Gast auf der Noch-Baustelle und hat mit Stefanie Klamuth und Pablo Hörtner gesprochen, die ihre gesamte Energie in dieses Projekt stecken.

    akin: Steffie, als Du mir Ende Juli das erste Mal erzählt hast, daß ihr sowas vorhabt, hab ich mir gedacht: ‘Die spinnt! Wenn sie sich das wirklich einmal ernsthaft überlegt, macht sie das nie!’ Aber jetzt sitz ich da auf dieser Baustelle, es kugeln aber auch schon Bücher rum und das wirkt alles sehr ernsthaft. Am 2.Dezember soll die Buchhandlung mit einer Lesung eröffnet werden. Seid Ihr Euch immer noch so sicher, daß das eine gute Idee war?

    Stefanie: Daß das ganze vielleicht ein bisserl wahnwitzig anmutet, kann ich durchaus nachvollziehen. Wir haben gesagt, es gibt in Wien keine ernstzunehmende gutsortierte linke Buchhandlung, schon gar nicht mit einem angeschlossenen Café, wo man sich hinsetzen und trinken und eine Kleinigkeit essen kann. Und nachdem wir Bücher verschlingen und viel Geld im Monat für Bücher ausgegeben haben, aber nie so recht wußten, wo man Bücher herkriegen kann, haben wir beschlossen, wir machen das Ganze selber. Das Ganze wird eine dezidiert linke Fachbuchhandlung werden, mit einer kleinen Auswahl an politischer Belletristik, gesellschaftskritischen Kinderbüchern, mit einem integrierten Antiquariat und eben dem Lesecafé. Und ja, die wirtschaftlichen Bedenken haben viele, viele Bekannte in unserem Freundeskreis geäußert und genau deswegen zwar nicht versucht, abzuraten, aber schon gefragt, wie sinnvoll das Ganze ist. Aber ich muß sagen, je weiter das Projekt voranschreitet, je näher die Realisierung kommt, desto positiver werden die Rückmeldungen, desto optimistischer sind wir, daß das Ganze funktioniert — eben deswegen, weil wir das Ganze nicht als klassische Buchhandlung aufziehen wollen, sondern mit einem regelmäßigen Veranstaltungsangebot den Raum zur Verfügung stellen wollen, für linke Initiativen, die sich treffen wollen, oder für junge KünstlerInnen.

    akin: Das Ganze kommt mir eh eher vor als Veranstaltungsbereich mit angeschlossener Buchhandlung, auch die Öffnungszeiten wochentags ab 15 Uhr finde ich ja nicht unspannend. Ihr habt ja ein sehr ausführliches Programm für die Eröffnung. Aber ist das nicht auch ein ziemlicher Aufwand, regelmäßig ‘das Haus zu füllen’?

    Pablo: Also die Eröffnungswoche zu organisieren, war der geringste Aufwand bisher. Die Leute haben sich uns angeboten, da haben wir nicht viel nachfragen müssen. Für kommende Lesungen gibts bereits einige Leute, die Interesse haben. Die merken, daß wir eher das Publikum ansprechen, das für sie interessant ist als z.B. bei der Thalia oder ähnlichem. Wir haben versucht, das Ganze sehr community-mäßig aufzubauen. Ich hätts nett gefunden, wenn in der Anfangsphase nicht nur Steffie und ich allein dagewesen wären, sondern wir es als Cooperative oder ähnliches hätten aufziehen können. Momentan ist das Interesse diesbezüglich noch eher flau. Aber wir haben ein recht weites Netzwerk, wo wir glauben, daß wir das nicht nur in der Anfangsphase füllen können.

    akin: Als digitaler Einwanderer und als Beteiligter einer der letzten linken Zeitungsprojekte, die tatsächlich noch auf Papier erscheinen, habe ich natürlich große Sympathie für analoge Projekte. Aber: Habt ihr hier nur Bücher oder wollt ihr auch das, was man “Neue Medien” nennt?

    Stefanie: Was es jetzt zumindest mittelfristig nicht geben wird, sind e-Books und dessen Varianten. Was wir aber diesbezüglich haben werden neben den klassischen Büchern ist ein kleines-feines DVD-Sortiment, mit historischen Dokumentationen oder philosophischen Themen. Wir wollen die Website, die jetzt noch sehr dürftig besetzt ist, ausbauen zu einem Online-Shop und einem weitgehenden Forum, wo sich die Leute via Social Media einklinken können. Diese Interaktivität ist uns wichtig, vor allem für Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, ein oder zweimal die Woche vorbeizukommen — und auch um ein jüngeres Publikum anzusprechen, die mit Social Media großgeworden sind.

    akin: Euer Flyer ist für mich ja recht spannend in der Symbolik “radical bookstore vienna – librería utopía” und dazu ein Pandabär mit einem Kaperl mit rotem Stern, der ein rotes Bücherl in der Hand hält, wo man an die Mao-Bibel denken muß. Das “Librería Utopía” klingt irgendwie als Tribut an die Lateinamerikafreaks und das Englische gilt halt so als international. Habt Ihr Euch das so überlegt?

    Pablo: Also die Steffie hat gemeint, das mit Utopia klingt nett als Name für die Buchhandlung. Als ich das meiner Mutter erzählt hab — auf Spanisch —, hab ich gesagt “Librería Utopía” und dann hab ich gemerkt, das reimt sich. Was wir nicht bedacht haben, daß manche Leute gemeint haben, daß das was mit “Liberty” zu tun haben könnte. Was das Internationale betrifft, ist es schon so, daß wir nicht nur Bücher aus dem deutschsprachigen Raum führen wollen, sondern daß wir bereits Spanischsprachiges führen werden — in erster Linie aus Kolumbien, weil meine Tante dort eine eigene kritische Edition führt. Wir werden kritische Literatur aus der Türkei und den serbokroatischen Raum führen. Es gibt hier in der Gegend auch eine polnische Community, die wir mit kritischer Literatur versorgen wollen. Aber dazu müssen wir natürlich auch erst Brücken schlagen: Wir werden Graphic Novels haben, Kinderbücher, Kochbücher, z.B. von Mandelbaum, die halt nicht so traditionell sind. Und wir wollen auch Sprachkurse anbieten.

    akin: Utopos, der Nicht-Ort. Also hier ist so ein Nicht-Ort in einem Seitengassel irgendwo zwischen Westbahnhof und Stadthalle, noch sehr migrantisch-proletarisch, aber leicht schon in Gefahr, gentrifiziert zu werden. Meint ihr, daß das hier jemand findet? Oder wandert Bobostan eh schon in eure Richtung? Weil: Der durchschnittliche proletarische Migrant wird wohl nicht euer typischer Kunde sein.

    Stefanie: Also wir haben uns ganz bewußt dagegen entschieden, direkt in Boboville seßhaft zu werden. Yppenplatzgegend oder 7.Bezirk, das paßt uns so gar nicht ins Konzept. Wir haben ursprünglich etwas im 16.Bezirk etwas weiter draußen etwas gesucht, haben dort nichts Adäquates gefunden, finden das jetzt aber hier mit U-Bahn-Anbindung ganz gut. Es war uns wichtig, daß das eben in noch nicht gentrifiziertem Bereich stattfindet. Daß der 15. wahrscheinlich der nächste Bezirk ist, der dran kommt, ist aber klar. Was das migrantische Publikum betrifft, ist das eine extreme Herausforderung, deswegen wollen wir auch unser Angebot an Büchern und Veranstaltungen entsprechend abstimmen. Wir wollen jetzt nicht unbedingt die Buchhandlung für einen elitären linke Zirkel sein, wo es ausschließlich Theoriewälzer gibt, sondern auch etwas, wo man die Leute dort abholt, wo sie in ihren Alltagserfahrungen stehen. Da wollen wir auch Nachhilfe für Kinder organisieren und Kooperationen mit Schulen, die in der Gegend sind, eingehen. Und ich glaub, daß es gerade unter den migrantischen ProletarierInnen eine große Anzahl an Menschen gibt, die man für linke gesellschaftskritische Ideen begeistern kann, wenn man ihnen ein entsprechendes Angebot gibt. Ich glaub, daß sich migrantische ProletarierInnen hier wohler fühlen könnten, als der klassischen 7.Bezirk-Grünwähler, der wahrscheinlich mit der Literaturauswahl hier ein bisserl ein Problem haben wird, weil es eben doch sehr — deswegen “radical” — sehr radikale Literatur sein wird jenseits von Attac und Global 2000. Auch wenn sich die Bobos als links begreifen, ist das nicht unser Verständnis von links.

    akin: Da gibts aber das Problem des radikalen Lebens im bürgerlichen. Das ist ein teurer Spaß. Ich finde das ja sehr mutig, aber wie vorfinanziert ihr das?

    Pablo: Ich sehe da jetzt nicht das große Problem. Wir werden in zwei Jahren sehen, ob es nicht geht. Das liegt dann aber wohl nicht nur an uns, sondern auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen und nicht zuletzt an der Linken in Wien. Wir haben nicht viel investiert und werden versuchen, die Bücher auch nur in Kommission zu nehmen. Ich glaube nicht, daß wir ein wahnsinnig großes Warensortiment aufbauen werden, wo wir gleich 5000 Euro in Bücher investieren, die wir dann nie wieder loswerden. Und wir haben gesagt, wir können uns das nächste halbe Jahr halbwegs ausfinanzieren. Wir haben bis jetzt beide gute Jobs gehabt, die wir aufgegeben haben dafür, uns einen Lebenstraum zu erfüllen. Viele Leute beneiden uns darum — die hätten auch so einen Traum gehabt, ihn aber nicht erfüllt aus der Angst, daß sie im Kapitalismus damit nicht überleben können. Ich glaub, wenn man das so angeht, dann scheitern von vornherein alle radikalen Konzepte.

    akin: Also ich kann Euch nur alles Gute wünschen und bedanke mich für das Interview.

    Interviewer: Bernhard Redl
    Radiofassung: http://cba.fro.at/249824

    Librería Utopía — radical bookstore vienna
    Wien 15, Preysinggasse 26-28 (U3 Schweglerstraße)
    Langschläferfreundliche Öffnungszeiten: Mo-Fr ab 15 Uhr, Sa ab 12 Uhr
    http://radicalbookstore.com/
    https://www.facebook.com/radicalbookstore

    Eröffnungprogramm
    Mo, 2.12. 18 Uhr: Ilija Trojanow liest aus seinem neuen Buch “Der überflüssige Mensch”. Anschließend Diskussion “Was bedeutet ‚Radikalsein‘ heute?”
    Di, 3.12. 18 Uhr: Robert Misik liest aus seinem aktuellen Buch “Ist unsere Politik noch zu retten?”. Anschließend Diskussion
    Mi, 4.12. 18 Uhr: Siebenschlafer Akustikset
    Do, 5.12. 18 Uhr: Frauen im bewaffneten Widerstand im 20. Jahrhundert – Podiumsdiskussion mit Tanja Mikolasch (Irland), Maria Hörtner (Kolumbien) und Stefanie Klamuth (Spanien)
    Fr, 6.12. 19 Uhr: Dirk Bernemann (D), HC Roth (A), Alex Grabeldinger (D) lesen “Texte, die an der Oberfläche kratzen, in die Tiefe wollen und häufig wie das Leben selbst sind, pointenlos, dramaturgisch schlecht arrangiert, aber immer gut vorgetragen”.
    Sa, 7.12.: radical closing – 16 Uhr creative writing. 18 Uhr poetry slam – utopia, radicalism & reading. final chillout vibes by DJane “Funkypawz”.

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