FPÖ-Ball: Seltsamer ORF

Wer am Abend des FPÖ-Balls — statt auf die Demo zu gehen — sich die Berichterstattung darüber im ORF-Fernsehen zu Gemüte führte, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn die Frage muß erlaubt sein: Sind die Redaktionen der einzelnen Nachrichtensendungen voneinander völlig abgeschottet oder gab es zwischendurch heftige Telefonate lustiger Parteisekretäre?

In den letzten Tagen vor diesem Großkampftag war vom ORF hauptsächlich zu hören, was so die Polizei berichtet — und speziell deren Pressesprecher Hahslinger von sich gibt — sowie wie die Geschäftsleute in der Sperrzone reagieren. Kurz vorher hatte noch der ORF-Redakteursrat — sowie andere Medienvertreter auch — bei der Polizei gegen die Journalistenaussperrung protestiert.

Als die Demos dann losgingen, wendete sich das Blatt. Denn kurz bevor das Landesstudio sein „Wien heute“ präsentierte, schlug irgendwer eine Scheibe des redaktionseigenen Ü-Wagens ein. Und so machte die Wiener Lokalsendung mit einer geschockten Reporterin auf, deren ganze professionelle Distanziertheit damit flöten war. Sie interviewte am Rande des Demogeschehens den an diesem Abend offensichtlich omnipräsenten Hahslinger — der war etwas perplex, denn die Reporterin forderte in ihren „Fragen“ von der Polizei noch sehr viel mehr rigoroses Vorgehen von der Polizei, als diese ohnehin schon an den Tag legte. In einem zweiten Live-Einstieg in der Sendung hatte sie sich beruhigt und versuchte klar zu machen, daß jetzt schon wieder alles vorbei sei und relativierte ihren harschen ersten Auftritt.

Die „ZiB 1“ war hingegen alles andere als an der Sache dran. Aufgemacht wurde die Sendung mit der Situation in der Ukraine — wo gewalttätige Demonstranten ja völlig okay sein dürften. Die Proteste gegen den „Akademikerball“ hingegen fanden nicht einmal in die Schlagzeilen. Erst unter ferner liefen kam ein Beitrag, der offensichtlich schon mindestens eine Stunde vorher fertig geschnitten war — und natürlich noch keine „heissen“ Szenen aufzubieten hatte.

Ganz anders dann die „ZiB 2“: Die machte mit den Protesten auf. Und schon wieder stand Herr Hahslinger als Interviewpartner zur Verfügung. Doch diesmal war er offensichtlich überfordert und versuchte sich mit seinen Standardstatements zu retten — was allerdings nicht gut ankam, denn Reporter Andreas Bohusch hatte ihn recht scharf unter anderem mit den Berichten der Demo-Organisatoren von polizeilichen Prügelorgien konfrontiert. Die Kritik am Polizeiverhalten war im Bericht der ZiB 2 kaum überhörbar.

Bei der „ZiB 24“ drehte sich das ganze wieder. Lisa Gadenstätter war diesmal Anchorwoman. Kriegsberichterstattung war angesagt. Hahslinger war ausnahmsweise nicht greifbar und so übernahm ORF-Reporter Jürgen Pettinger auch gleich den Job des Polizeisprechers. In einem Live-Einstieg von gerade mal 3 Minuten 26 Sekunden Länge kam gezählte 8 mal der Ausdruck „Schwarzer Block“ vor — man konnte das Gefühl nicht vermeiden, jemand hätte Pettinger und Gadenstätter gesagt, sie sollten diesen Ausdruck so oft wie nur irgendwie möglich verwenden. Und, so Pettinger, die Polizei hätte an der Eskalation keinerlei Schuld: „Es hat viel Kritik gegeben, weil es geheissen hat, diese großräumige Sperre würde die Gemüter erst recht noch erhitzen, aber ich denke, die große Gefahr und das war auch der Grund für die großräumige Absperrung, war dieser berühmt-berüchtigte Schwarze Block, dem es egal ist, wo sie demonstrieren“. Die Absperrungen wären sinnvoll gewesen, da die Ballgäste ungehindert ihre Tanzveranstaltung erreichen konnten. Daß die Polizei recht willkürlich auf alles eingeschlagen hat, was ihr nach Demonstranten aussah, kam nicht vor.

Nunja. Gestern wäre ich so gern ein kleines Mäuschen am Küniglberg gewesen, um mitzukriegen, was sich da alles off records in den ORF-Redaktionen abgespielt hat…

Bernhard Redl

*

Ausführliche Analysen und Reaktionen zum Thema finden sich in der kommenden Ausgabe der akin – erscheint im Abo am 29.Jänner und danach auf http://akin.mediaweb.at

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