Dubai-Boykott

[von Heiko Heinisch, http://www.heiko-heinisch.net/dubai-boykott/ ]

„Genießen Sie preisgünstig märchenhaften Urlaub in Dubai“„Wenn Sie im Urlaub Dubai entdecken, entführt Sie die Reise in die als sagenhaft reich geltenden Emirate am Persischen Golf und in eine Welt, in der orientalische Märchen wahr zu werden scheinen.“ So heißt es auf der Website von Thomas Cook. Mit „Sonne und karibischen Temperaturen jeden Tag, herrlich die Strände und das Meer, Luxus in den Hotels, arabisches Ambiente in absolut toleranter Atmosphäre und kaum vorhandener Kriminalität“ wirbt die Agentur reiseziel-dubai.de.

Wer das Internet mittels der Stichworte „Reise Dubai“ durchstöbert, kann sich vor Superlativen gar nicht retten: Die höchsten Wolkenkratzer, die längsten Strände, die größten Shopping Malls, und obendrein Skifahren mitten in der Wüste. Luxus, Freundlichkeit, Modernität und Weltoffenheit wohin man blickt. Wer nicht weiß, wohin mit seinem Geld, wird sich gleich eine Villa auf der künstlichen Insellandschaft „The Palm“ oder ein schickes Apartment im Stadtzentrum leisten, um das Leben in Dubai so richtig genießen zu können. Gut ausgebildete Europäer/innen oder Amerikaner/innen finden jederzeit hochbezahlte Jobs – in fast allen Branchen und für fast alle Berufe. Auch dazu finden sich dutzende Seiten mit den lukrativsten Angeboten. Und viele Firmen lockt die weitgehende Steuerfreiheit.

Soweit die Sonnenseite. Die Schattenseite wird in all diesen Reise-, Job- und Investmentangeboten nicht erwähnt.

„Fast im Handumdrehen wachsen neue Riesenbauten aus dem Wüstensand, die architektonisch und technologisch Grenzen sprengen.“[1] Nur wachsen diese Häuser auch in Dubai nicht von selbst. Sie werden errichtet von jenen meist ungelernten Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka, dem Sudan, den Philippinen oder Nordafrika, die den größten Teil jener 85% der Einwohner ausmachen, die als Ausländer in Dubai leben (Einwohner gesamt: 2,035 Millionen). Hunderttausende von ihnen werden unter oft falschen Versprechungen ins Land gelockt, wo ihnen unmittelbar nach der Ankunft vom Arbeitgeber der Pass entzogen wird, denn meist sind sie in dem Moment, in dem sie das Land betreten, bei jener Agentur, die ihre Reisekosten übernommen hat, hoch verschuldet. Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsrecht sind direkt an den Arbeitgeber gekoppelt, dem sie dadurch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Dieses Heer von Sklavenarbeitern und -arbeiterinnen wohnt nicht in den schicken Hotels oder Apartmentbauten, sie machen auch keinen Bummel durch die Shopping Malls – sie bauen sie nur, oder arbeiten dort als Lagerarbeiter, Putz- und Küchenhilfen. Ihre Wohnungen, die sie nur zum arbeiten verlassen dürfen, sind Massenunterkünfte am Rande der Stadt – ohne Klimaanlagen und all den Luxus der glitzernden Fassade von Dubai. An ihren Arbeitsplätzen sind sie der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Tödliche Unfälle und Selbstmorde sind ebenso die Regel wie sexuelle Ausbeutung der weiblichen Haushaltshilfen, die ohne Zustimmung ihrer Hausherren das Haus, in dem sie arbeiten, nicht verlassen dürfen.[2]

Hinter den Traumkulissen von Dubai ereignen sich Tragödien für all jene, die die Kulissen bauen und bespielen; hinter all dem Luxus verbergen sich Armut, Elend und Ausbeutung. Wer sich von diesen Verhältnissen die Reise in das Wüstenemirat, das seit seiner Gründung 1833 von Herrschern aus der Familie Maktum absolutistisch regiert wird, nicht verderben lässt, der sollte vielleicht zumindest an die eigene Sicherheit denken, denn Dubai verspricht nicht nur „Traumurlaube“ und gut bezahlte Jobs, sondern hält auch einige Risiken parat:

Das Rechtssystem von Dubai basiert wesentlich auf der Scharia und ist zudem äußerst korrupt und einer autoritären und extrem patriarchalen Klassengesellschaft verpflichtet. Das bekommen Ausländerinnen und Ausländer immer wieder schmerzhaft zu spüren. Zunächst gilt in dem Land am Persischen Golf so einiges als Straftat, was im Westen zum alltäglichen Leben gehört, wie etwa der Genuss von alkoholischen Getränken, das Austauschen von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit, Sex außerhalb der Ehe oder Homosexualität. Im Wissen darum stellt sich dann natürlich die Frage, was die Seite reiseziel-dubai.de unter „absolut toleranter Atmosphäre“ versteht. Hinzu kommt, dass es in einem möglichen Verfahren entscheidend wäre, wer man ist, wieviel Geld und Einfluss man besitzt und vor allem, welchem Geschlecht man angehört. Prozesse gegen Emiratis, noch dazu gegen solche, die über Verbindungen zur Herrscherfamilie oder in die Verwaltung, Polizei und Justiz verfügen oder gegen Muslime, sind für Ausländer, vor allem für Nichtmuslime, kaum zu gewinnen. Das musste der österreichische Arzt Eugen Adelsmayr 2012 erleben, als er der Intrige zweier Kollegen (eines Syrers und eines Irakers) zum Opfer fiel. Er soll die Reanimation eines Patienten untersagt haben, der daraufhin verstarb. Die Anklage lautet auf Mord, die mögliche Höchststrafe: Hinrichtung. Das Gericht ließ sich weder davon beeindrucken, dass Adelsmayr zum Zeitpunkt des Todes gar nicht an seinem Arbeitsplatz war (er hatte bereits seit 36 Stunden keinen Dienst mehr) noch davon, dass die Anklage offensichtlich gefälschte Beweismittel vorlegte. So war etwa ein Gutachten aus dem Englischen ins Arabische „übersetzt“ worden – allein, die Übersetzung hatte mit dem Original wenig zu tun. Alles Entlastende war weggelassen worden, während Belastendes hinzugefügt wurde. Der Arzt wurde in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Einem südafrikanischen Kollegen passierte Ähnliches. Während er 2003 für vier Wochen als Urlaubsvertretung in einem Dubaier Krankenhaus arbeitete, verstarb ein Kind. Bei einer Zwischenlandung im Jahr 2012 wurde er am Flughafen von Dubai verhaftet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal gewusst, dass gegen ihn ermittelt wird.

Auch die Chancen von Frauen, vor allem in Prozessen, in denen es um Verstöße gegen die rigiden Sexualnormen des Emirats geht, sind denkbar gering. Bei einer Vergewaltigung sieht die Justiz in ihnen in aller Regel nicht Opfer, sondern Täterin, denn eine Vergewaltigung wird als außerehelicher Geschlechtsverkehr bewertet. Im Jahr 2013 beging eine Norwegerin, nachdem sie von einem Arbeitskollegen vergewaltigt worden war, den verhängnisvollen Fehler, den Täter anzuzeigen. Sie wurde umgehend selbst verhaftet und später zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Internationaler Druck führte schließlich zu ihrer Begnadigung – nicht etwa zu einem gerechten Urteil! Das gleiche Schicksal erwartete eine Wiener Touristin, die in einer Parkgarage vergewaltigt worden war, um Hilfe gerufen hatte und daraufhin von der Polizei verhaftet worden war.[3] Nach drei Tagen in Haft wurde sie zwar auf freien Fuß gesetzt, durfte aber das Land zunächst nicht verlassen und musste ihren Pass abgeben. Die Anklage gegen sie lautete auf außerehelichen Sex und Genuss von Alkohol. Die Behörden hatten ihr „angeboten“, den Vergewaltiger, einen Jemeniten, zu heiraten, um die mögliche Strafe zu reduzieren. Danach wäre sie diesem Mann hilflos ausgeliefert gewesen und hätte vermutlich gar nicht mehr nach Hause gekonnt. Den österreichischen Behörden gelang es zum Glück, die Ausreise der Frau zu erwirken. Der Prozess gegen sie findet zur Zeit in ihrer Abwesenheit vor einem Dubaier Gericht statt. Nach ihrer sehr wahrscheinlichen Verurteilung sollte sie nie wieder nach Dubai oder in ein Land reisen, das bei solchen „Vergehen“ an Dubai ausliefert, denn die dortige Justiz ist bekannt dafür, internationale Haftbefehle zu erwirken. Es ist unbekannt, wie viele Menschen wegen eines solchen Haftbefehls für den Rest ihres Lebens in ihrer Reisefreiheit eingeschränkt sind – oder sich, wie der oben erwähnte südafrikanische Arzt, ohne auch nur etwas von einer Anklage geahnt zu haben, plötzlich im Gefängnis von Dubai wiederfinden.

Was einem westlichen Rechtsverständnis völlig unverständlich erscheint, hat im Rahmen der Scharia seinen Sinn: Hier geht es nicht um die handelnden Personen und deren Motive, sondern um die Handlung an sich. Sexuelle Handlungen außerhalb der Ehe sind nach der Scharia verboten, und es spielt keine Rolle, ob diese freiwillig oder erzwungen erfolgten – die verbotene Handlung verlangt eine Sühne, um die durch sie verletzte göttliche Ordnung wieder herzustellen.[4]

Wer in Dubai in die Mühlen der Justiz gerät, kann außer einem Justizirrtum nichts erwarten. Bis Dubai über ein Rechtssystem verfügt, das diesen Namen auch verdient, das Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit garantiert und die Menschenrechte der hunderttausenden Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter schützt, kann man nur dazu aufrufen: Reisen Sie nicht nach Dubai, arbeiten Sie nicht in Dubai, investieren Sie nicht in Dubai – die Wirtschaft des Landes hängt von diesen drei Quellen ab![5]

[1] http://www.thomascook.de/reise-angebote/vereinigte-arabische-emirate-vae-arabische-halbinsel/dubai/
[2] http://www.talktogether.org/index.php?option=com_content&view=article&id=396:arbeitsmigration-in-den-arabischen-golfstaaten&catid=61:nr-42-1012-2012&Itemid=26 oder: http://www.morgenweb.de/nachrichten/welt-und-wissen/sklaverei-in-der-luxuswelt-der-scheichs-1.1291857
[3] http://diepresse.com/home/panorama/welt/1551465/Osterreicherin-in-Dubai-vergewaltigt-Haftstrafe-moglich
[4] Siehe das Kapitel „Scharia“ in dem Buch: Heiko HEINISCH, Nina SCHOLZ, Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?, Wien Passagen Verlag 2012
[5] Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft machen nur noch 5% der Staatseinkünfte aus, während über ein Viertel der Einkünfte mittlerweile allein aus dem Tourismus stammen.

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