Eine Nacht im PAZ

Gefunden auf: http://hernals.sjw.at/demo-erlebnisbericht/

Im Folgenden die Schilderung eines Aktivisten der SJ Hernals der nach der Gegendemo die Nacht im Polizeianhaltezentrum verbringen musste: – Ein Erlebnisbericht

„Den Rechten die Zähne zeigen!“ – unter diesem Motto ging ich am Samstag dem 17.5. zur Gegendemonstration, die unser Unverständnis mit dem Aufmarsch der rechtsextremen Identitärenbewegung zum Ausdruck bringen sollte. Nun, der Zugang zur Mariahilferstraße blieb den rechtskonservativen bis rechtsextremen Jugendlichen durch ein langsames Vorrücken der Demo verwehrt, wodurch sie, von der Polizei geschützt, auf eine kleine Nebenstraße ausweichen durften. Auf der Mariahilferstraße fielen derweil mehrere PassantInnen mit faschistischen Sprüchen und Hitlergrüßen auf, die von der Polizei jedoch schlicht ignoriert wurden. Ein düsteres Vorzeichen für die Ereignisse, die der Nachmittag für uns bereit hielt.

Nachdem die linke Demo beim Museumsquartier aufgelöst wurde stürmten Polizei und DemonstrantInnen gleichermaßen zum Volkstheater, wo sich kurz darauf der identitäre Block einfand. Schon dort begann die Polizei Kessel zu bilden und trennte so die beiden Gruppen. Videoaufnahmen von Vice zeigen, wie die Polizei den Rechtsextremen trotz Eingeständnis des Kontrollverlusts über die Situation mehr Zeit für ihre Kundgebung einräumt.

Zu diesem Zeitpunkt entfernte ich mich mit einem Freund um den sich abzuzeichnenden Zusammenstößen zu entgehen und machte mich auf den Heimweg. Wir warteten bei einer Straßenbahnstation in der Josefstädterstraße mit einer Gruppe FreundInnen, die wir auf dem Weg getroffen hatten, als plötzlich das Chaos losbrach. Einsatzwägen mit Blaulicht rasten, eine Meute DemonstrantInnen vor sich her jagend, rücksichtslos die Straße hinab um ihnen an der Ecke, an der wir auf die Straßenbahn warteten, den Weg zu versperren. Daraufhin flüchteten die panischen Menschen sich in eine Douglas-Filiale, aus der sie brutal gezerrt und auf die Straße geworfen wurden, während die Polizei unsere Gruppe trennte. Willkürlich ausgewählt ließ sie dann einen Teil unserer FreundInnen gehen und hielt uns sechs Übriggebliebenen SJlerInnen zusammen mit den Leuten aus dem Geschäftslokal fest.

Von stadteinwärts kamen zwei Beamte, die eine Frau unter Gewaltanwendung zur Festnahmestelle zerrten. Ebenjene Frau die, durch die keineswegs provozierte brutale Attacke eines der Polizisten auf dem Asphalt aufschlug und noch im Krankenwagen eine Fehlgeburt erlitt. Die Polizeisprecherin meinte in einem Interview dazu: „Prinzipiell gilt: Wenn man sich der Polizei in den Weg stellt, muss man mit Konsequenzen rechnen, auch wenn man schwanger ist“.

Uns wurde derweilen mitgeteilt, dass wir verhaftet seien, aufgrund der „Sprengung einer Demo von innen“, einem Delikt von dem wir bis jetzt noch nie gehört hatten. Diese Information stellte sich jedoch bei der Aufnahme der Personendaten als falsch heraus, wo mir der zuständige Beamte –
wohlgemerkt nur auf mein ausdrückliches Nachfragen hin – mitteilte, wir seien alle wegen Sachbeschädigung verhaftet. Sachbeschädigung an einem Geschäft, dass ich nie betreten hatte.

Dann begann das wahre Martyrium.

Um ca. 16:30 wurden wir mit Häftlingstransportern ins Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände verfrachtet, wo lange Stunden Haft auf uns warteten. Ich selbst hatte dabei Glück im Unglück, da ich wegen Überlastung der Anlage zusammen mit fünf anderen in eine Gemeinschaftszelle gesperrt wurde. Die restlichen Leute mussten bis zu ihrer Entlassung in Einzelzellen ausharren.

Sämtliche Zeitangaben die nun folgen konnten nur per Gegensprechanlage von den WachbeamtInnen erfragt werden, da uns sämtliche Uhren abgenommen wurden und auch keine in unserer Zelle hing. Schleppend langsam begann der Einvernehmungsprozess, der in meiner Zelle um etwa 23:30 begann. Nach und nach leerte sich der Raum, bis wir nur noch zu zweit waren. Mein Freund sagte noch zu mir:

„Egal wen sie von uns rauslassen, entweder ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich zurücklassen muss, oder ich muss hier alleine warten.“

Lose-Lose. Zehn Minuten später nahmen sie ihn mit und ließen mich zurück. Zu diesem Zeitpunkt war es etwa 1:15. Um 4:10 erfuhr ich endlich, dass ich die Nacht hier verbringen müsste. Mittlerweile komplett desillusioniert, warf ich mich herum, bis ich endlich einschlief.

Am nächsten Morgen bekam ich nach sechzehn Stunden Polizeigewahrsam meine erste Mahlzeit und wurde dann kommentarlos in eine Einzelzelle verlegt. Mit rasendem Hirn ließ man mich völlig uninformiert eine weitere Stunde warten –
und versucht gar nicht erst euch vorzustellen, wie sich eine Stunde in einem etwa 9m² großem Zimmer mit vergittertem Fenster anfühlt – bis man mich schließlich zur Einvernahme brachte und endlich, als letzten Demonstranten, entließ. Vor dem PAZ empfang mich eine Gruppe tapfer ausharrender AntifaschistInnen, deren herzliche Begrüßung die Schrecken des letzten Tages etwas linderte.

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