Wiener Deserteursdenkmal: Noch österreichischer

[Update 18.Oktober: Nachstehende Glosse war ein bisserl vorschnell und vielleicht auch unfair, weil zuwenig lange auf eine Stellungnahme gewartet. Ich lasse das trotzdem hier so stehen, weil ganz falsch ist es ja doch nicht. Und als Provokation hat der Text immerhin seinen Zwecke erfüllt. Aber ich bitte die Reaktion der Initiative in den Kommentaren zu lesen – der Verfasser.]

Im Wiener rot-grünen Regierungsabkommen 2010 war als Vorhaben „Errichtung eines Mahnmals für Deserteure“ ausgemacht worden. Dann verging einige Zeit. Letztes Jahr hieß es – bei der Präsentation des Denkmalentwurfs – nur mehr „Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz“. Deserteure wollte man dann wohl doch nicht belobigen – da könnten ja vielleicht auch Fahnenflüchtige des Ersten Weltkriegs mitgemeint sein. Oder sogar solche Männer, die dem österreichischen Bundesheer unerlaubt ferngeblieben sind.

Im hiesigen Kriegsministerium tut man ja überhaupt alles, um ein Deserteursgedenken nur ja nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Als 2012 am Nationalfeiertag am geplanten Standort des Denkmals am Ballhausplatz ein Gedenken stattfinden sollte, wurde das mit der Argumentation unterbunden, das Bundesheer bräuchte den Platz, um seine LKWs zu parken. Das Personenkomittee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ akzeptierte das und verzupfte sich zu einer Gedenktafel im Grünen in Kagran. Ebenso war das 2013 der Fall.

Aber heuer! Heuer soll das Denkmal fertig werden. Spätestens am Nationalfeiertag. Die Eröffnung wird aber trotzdem nicht an diesem Tag stattfinden, sondern geplant ist der 24.Oktober, ein Werktag – um 11 Uhr vormittags. Die Argumentation sei, so angeblich das Personenkomitee, daß am 26.Oktober das Gedenken im Bundesheergewimmel untergehen würde.

Direkte Nachfragen der akin beim Personenkomitee waren bislang nicht von Erfolg gekrönt. Auch ob es die 2013 versprochene Zusatztafel, auf der erklärt wird, was das Gebilde überhaupt darstellen soll, geben wird, ist unklar. Angeblich, so hieß es jetzt von den Grünen, sei der Text für diese Tafel immer noch nicht fertig. Wahrscheinlich wird also am 24.Oktober in aller Stille und unter nicht sehr reger Beteiligung ein völlig unverständliches Denkmal, das Uninformierten wie eine sinnlose Treppe ins Nichts erscheinen muß, eröffnet, damit am 26.Oktober der Militarismus wieder ungestört sein großes Fest feiern darf.

Irgendwann wird man sich dann auf einen Text für die Zusatztafel einigen, in dem das Wort „Deserteure“ nicht vorkommt und der statt antimiltaristischem Gedenken hauptsächlich Österreich-Patriotismus transportiert.

Das ist aber egal, denn die Aufstellung dieser Tafel wird nach der Eröffnung sowieso auf den St.Nimmerleinstag verschoben, weil schließlich ist mit der Aufstellung des Denkmals dem Regierungsabkommen ja eh schon Genüge getan worden. Ein österreichisches Schicksal…

Bernhard Redl

Link zum Personenkomitee: http://www.pk-deserteure.at
Inoffizielle Facebook-Seite: https://www.facebook.com/1458409617775252 Zur Präsentation des Entwurfs 2013: http://wp.me/p2EDLB-e9

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3 Gedanken zu „Wiener Deserteursdenkmal: Noch österreichischer

  1. Auf obstehenden Artikel erhielt die Redaktion der akin einen Leserbrief vom Obmann des Personenkomitees. Eine ausführliche Stellungnahme der Redaktion dazu erscheint in akin 19/2014:

    *

    Lieber Bernhard Redl, liebe akin-Redaktion,
    es tut mir sehr leid, dass euer Artikel erschienen ist, bevor ihr Rücksprache mit dem Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ halten konntet. Daher sind einige der von euch verbreiteten Informationen ein wenig veraltet bzw. unrichtig.
    Der Reihe nach.
    * Die Insinuation, man wolle „Deserteure nicht belobigen“, mag noch zu Zeiten des Anerkennungsgesetzes 2005 korrekt gewesen sein, mittlerweile sieht das definitiv anders aus. Selbst die ÖVP anerkennt seit 2009 die Desertion aus der Wehrmacht als „Akt des Widerstandes“.
    * Das Deserteursdenkmal heißt deswegen offiziell „Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz“, weil damit auch die Selbstverstümmler, Wehrkraftzersetzer, Meuterer und Kriegsdienstverweigerer geehrt werden. Dass die Deserteure die größte Gruppe der Verfolgten war, geht unter anderem aus dem Begleittafel-Text hervor, der auf Deutsch und Englisch ab 24. Oktober auf Stelen am Ballhausplatz zu lesen sein wird. Wir haben aber dafür gesorgt, dass sich die Bezeichnung „Deserteursdenkmal“ in der Medienberichterstattung eingebürgert hat. Das wird auch so bleiben. * Ausgangspunkt unserer wissenschaftlichen und politischen Initiativen seit 1998 war die Rehabilitierung der Deserteure. Die Neubewertung dieses Tatbestands ist spätestens seit der Verabschiedung des Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetzes 2009 Teil des politischen Konsenses der Republik. Nichtsdestoweniger haben wir uns auch mit anderen militärjuristisch verfolgten Menschen beschäftigt, denen dieses Denkmal ebenfalls gewidmet sein soll.
    * Es ist schlicht falsch, dass man „im hiesigen Kriegsministerium […] ja überhaupt alles [tue], um ein Deserteursgedenken nur ja nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen“. Norbert Darabos hat 2009 aus eigenem Antrieb den Ehrenschutz über die Deserteursausstellung „Was damals Recht war“ übernommen und sich damit eindeutig vom Kameradschaftsbund distanziert; Abordnungen des Bundesheeres haben die Ausstellung besucht. Das waren immerhin wichtige Gesten, um den politischen Diskurs zu verändern.
    * Das Personenkomitee veranstaltet seit 2002 (!) jedes Jahr um den Nationalfeiertag herum (in den letzten Jahren immer am 26.10.) eine Gedenkveranstaltung beim Gedenkstein im Donaupark, auf dem ehemaligen Gelände des Militärschießplatzes Kagran. Jener war bis zur Errichtung des Deserteursdenkmals am Ballhausplatz lange Zeit das einzige Erinnerungszeichen an die Opfer der NS-Militärjustiz. In Kagran wurden, das nur nebenbei, zumindest 130 Menschen erschossen, darunter viele Deserteure, aber auch eine große Anzahl von sogenannten Selbstverstümmlern.
    * Unsere Aktion im Jahr 2012 diente ausschließlich dazu, den politischen Druck hinsichtlich des Denkmalsstandortes Ballhausplatz zu erhöhen, indem das Ansuchen auf Abhaltung einer Kundgebung am 26.10. von Eva Blimlinger sowie von den Herren Jabloner, Van der Bellen, Konecny und Jarolim gestellt wurde. Dass dieses Ansuchen abgelehnt würde, war aufgrund des Platzbedarfs des Bundesheeres klar, aber das strategische Ziel haben wir erreicht.
    * Der 26. Oktober wäre ein denkbar schlechter Tag für die Eröffnung des Deserteursdenkmals gewesen. Zum einen wäre die Veranstaltung im Heldenplatzgetöse des Bundesheeres tatsächlich untergegangen, zum anderen haben Nationalfeiertag und Neutralitätsgesetz ursächlich nichts mit dem Gedenken an die Deserteure zu tun. Ich bin froh darüber, dass die Deserteure nun nicht Teil des patriotischen Jubels am 26.10. sind. * Bei der Eröffnung des Denkmals am 24.10. sprechen unter anderen Richard Wadani, Heinz Fischer und Josef Ostermayer. Wenn der Bundespräsident ein Denkmal einweiht, kann man meines Erachtens nicht davon sprechen, dass die Zeremonie „in aller Stille und unter nicht sehr reger Beteiligung“ über die Bühne gehen wird.
    * Über die ästhetischen und inhaltlichen Qualitäten des Denkmals lässt sich vermutlich noch monatelang trefflich streiten. Die erklärenden Begleittafeln werden, um es noch einmal zu sagen, am 24. Oktober stehen und Kontext und Intention hoffentlich so erklären, dass auch „Uninformierte“ zufrieden sind.
    * Am 26. Oktober 2014 wird das Bundesheer seine Lkws und sonstigen Geräte rund um ein Denkmal für Deserteure parken. Wenn das keine hübsche Pointe ist, dann weiß ich ehrlicherweise auch nicht.
    * Wie ihr auf die Idee kommt, im Text auf den Begleittafeln werde „hauptsächlich Österreich-Patriotismus transportiert“, ist mir schleierhaft. Der Text wurde mit dem Personenkomitee abgestimmt, und es ist mir nicht erinnerlich, dass wir uns jemals gröberer patriotischer Anwandlungen schuldig gemacht hätten.
    * Die Begleittafeln werden gerade produziert. Ich ersuche daher um Verständnis darum, dass wir den genauen Text noch nicht freigeben können.
    Ich würde mich freuen, wenn ihr uns auf eurer Website den Platz für die eine oder andere Korrektur bzw. für unsere Sicht der Dinge einräumen würdet.
    Beste Grüße
    Thomas Geldmacher, Obmann des Personenkomitees „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“

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