Ukraine: Umdenken des Gedenkens

Meldung des deutschsprachigenen Dienstes des staatlichen ukrainischen Rundfunks vom 14.Oktober 2014 (http://www.nrcu.gov.ua/de/475/579731/):

„Seit heute wird der Tag des Verteidigers der Ukraine am 14. Oktober gefeiert. Solches Edikt hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erlassen. In diesem Dokument geht es um die Einrichtung ein neues Datum vom Feiertag des Verteidigers der Ukraine am 14. Oktober und auch um die Stornierung des Vaterlandsverteidigertages, der man früher am 23. Februar gefeiert hat.“

Kurzkommentar von Matthias Reichl:

Was in der offiziellen Verlautbarung des ukrainischen Präsidenten nicht erwähnt wird: der 14. Oktober wurde bisher nur von den ukrainischen Nationalisten und Rechtsextremisten (inoffiziell) gefeiert, weil es der Jahrestag der Gründung der Ukrainischen Aufständischen Armee ist, die gemeinsam mit den Truppen Nazideutschlands gegen die Rote Armee gekämpft und auch Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung verübt hat.

Der 23. Februar war in der Sowjetunion ursprünglich „Tag der Roten Armee“. In der Ukraine wurde er nach der Unabhängigkeit abgeschafft, aber 1999 als nicht-arbeitsfreier Feiertag wieder eingeführt. Er wurde bisher als „Tag der Vaterlandsverteidigung“ und inoffziell als „Männertag“ begangen.
Solche „Symbole“ dienen sicherlich nicht einer nationalen Aussöhnung in der Ukraine, sondern sind – gerade unmittelbar vor der Parlamentswahl am 26. Oktober – ein klares Zeichen Poroschenkos an die ukrainischen Nationalisten in der Westukraine – und ein Affront gegenüber der russisch-sprachigen Minderheit.

*

Anmerkungen der Redaktion:

Jene Armee, die der Bewegung von Nationalistenführer Stepan Bandera nahestand, dürfte am 14.Oktober 1942 nicht wirklich so etwas wie einen Gründungsakt gehabt haben. Die Aufstellung einer solchen Truppe war von Bandera schon früher geplant worden, tatsächlich konnte die Mitglieder dieser Nationalistenarmee erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 rekrutiert werden. Das offizielle Gründungsdatum wurde erst viel später nachträglich von den Organisationsverantwortlichen so festgelegt –
möglicherweise im Zusammenhang mit einem im orthodoxen resp. byzantinischen Ritus wichtigen Marienfeiertag, der am 14.Oktober gefeiert wird.

Die Entscheidung über diesen Festtag ist auch im Lichte über die Debatte um den Umgang mit der Person Banderas zu sehen. Am 22. Januar 2010 verlieh der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko Bandera postum den Ehrentitel „Held der Ukraine“. 2010 wurde vom damals neuen (und 2014 gestürzten) Präsidenten Wiktor Janukowytsch der entsprechende Erlaß widerrufen.

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