Es gibt doch keinen Dollfuß-Mythos in der ÖVP – ein Dramolett

[Hörspielfassung: http://cba.fro.at/275622]

Am 19.11.2014 wurde im Wien-Museum im Rahmen einer Podiumsdiskussion ein Buch mit dem Titel „Der Dollfuß-Mythos“ vorgestellt. Am Podium saßen die Autorin, Lucile Dreidemy, der Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb, der Nationalratspräsident i.R. Andreas Khol sowie Alexandra Föderl-Schmid vom Standard als Moderatorin. Zunächst präsentierte die Autorin ihr Buch, in dem sie die These vertritt, dass das bürgerliche Lager seit der Ermordung des Diktators im Verlauf des Nazi-Putsches an einer Legende stricke, welche Dollfuß als einen für Österreich gefallenen Märtyrer glorifiziere. Darauf replizierte der Nationalratspräsident i.R., dass von einer solchen Mythologisierung keine Rede sein könne, weil man mittlerweile, nicht zuletzt aufgrund seines eigenen Engagements, zu einem sehr differenzierten Dollfußbild gefunden habe.

Nach einigen weiteren Wortmeldungen auf dem Podium kam es dann zu einer angeregten Diskussion mit dem Saalpublikum. Sie ist vielleicht etwas anders abgelaufen, als ich es im Folgenden notiert habe. Möglicherweise sogar ziemlich anders. Ganz sicher aber hat sie sich genau so angefühlt.

Dramolett

für einen Nationalratspräsidenten i.R., eine Phalanx von Historikern, zwei Stimmen aus dem Publikum und einen unsichtbaren Chor

Der Nationalratspräsident i.R.: Ich verwahre mich gegen die Phalanx hier auf dem Podium und gegen die Unterstellungen in diesem Buch. Für die österreichische Volkspartei gibt es da keine Legendenbildung. Wir haben unser Verhältnis zu Dollfuß in Ordnung gebracht. Sein Bild hängt zwar noch immer in unserem Parlamentsklub. Aber darunter hängt jetzt eine Tafel, auf der seine wichtigsten politischen Fehler festgehalten sind. Er war kein Faschist, hat aber das Parlament ausgeschaltet, als Diktator regiert und so weiter.

Naive Stimme aus dem Publikum: Herr Kohl, Sie gestehen zu, dass Dollfuß das Parlament ausgeschaltet und als Diktator regiert hat. Wieso war er dann kein Faschist?

Erfahrene Stimme aus dem Publikum: Bitte nicht! Das diskutieren wir jetzt seit zwanzig Jahren!

Der Nationalratspräsident i.R.: Der Faschismus ist das Böse schlechthin mit Konzentrationslagern und so weiter. Ich kann Ihnen da ein Buch nennen, wo alle Kriterien ganz genau aufgelistet sind. Dollfuß war nur ein Kind seiner Zeit, das die Fehler seiner Zeit gemacht hat. Er war aber kein Faschist.

Erster Historiker aus dem Publikum: Muss man nicht von Faschismus sprechen, wenn es doch auch im Heimwehrstaat Anhaltelager gab?

Der Nationalratspräsident i.R.: Nein, das muss man nicht, weil Faschismus ist etwas absolut Grausliches und Dollfuß war ein Märtyrer. Im Unterschied zu Karl Renner. Der hat den Krieg gemütlich in Gloggnitz ausgesessen. Und trotzdem hab ich dafür gesorgt, dass für ihn eine Ehrentafel im Parlament angebracht wird. Sie sehen also, ich gönne auch Ihnen Ihre Säulenheiligen. Bitte lassen Sie doch die unseren in Frieden ruhen.

Zweiter Historiker aus dem Publikum: Das Klerikale war der wesentliche Kitt, mit dem Dollfuß die Gesellschaft zusammenhalten wollte. Könnte man ihn da nicht vielleicht einen Klerikalfaschisten nennen?

Der Nationalratspräsident i.R.: Nein, das kann man nicht, weil Faschismus ist das Böse schlechthin und Dollfuß war nur ein Kind seiner Zeit. Lesen Sie die Tafel unter seinem Bild in unserem Parlamentsklub. Unser Verhältnis zu ihm ist sauber.

Dritter Historiker aus dem Publikum: Dollfuß regte am 12. Februar 1934, die Vergasung der streikenden Arbeiter des Gaswerks an. Wenn das nicht absolut böse ist …?

Der Nationalratspräsident i.R.: Er war eben ein Kind seiner Zeit und machte die Fehler seiner Zeit.

Der Historiker auf dem Podium: Rings um Österreich gab es damals faschistische Bewegungen und Staaten. Der Dollfuß wollte sich da halt einreihen und hat sich die eine oder andere Anleihe genommen. Man sollte also vielleicht von einem Imitationsfaschisten sprechen.

Der Nationalratspräsident i.R.: Nein, sollte man nicht. Denn Dollfuß war ehrenwert und ist als Märtyrer gestorben.

Schon während der letzten Worte des Nationalratsprädidenten i.R. beginnt der unsichtbarer Chor im Hintergrund leise und sehr gefühlsbetont mit dem Gesang der Bundeshymne. Der Nationalratspräsident i.R. steht auf, nimmt Haltung an und beginnt mitzusingen. Nach und nach erheben sich auch die anderen Podiumsteilnehmer sowie das gesamte Publikum und fallen zuerst zögernd, dann immer lauter werdend, in den Chor ein. Währenddessen verdunkelt sich die Bühne langsam bis zur totalen Finsternis. Vorhang.

Karl Czasny

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