Die Kritik an der Kritik am DefMa-Konzept

Zur Veranstaltung am 12. Dezember 2014 (1)

Das Konzept zur Umsetzung der „Definitionsmacht weiblicher Betroffener im Falle eines sexualisierten Übergriffs“ – kurz „Definitionsmacht“ oder „DefMa“ – verlangt, so wurde mir das vor fünf Jahren verständlich gemacht, von allen Beteiligten, dass sie den Ausführungen einer Frau, die einen Übergriff zur Sprache bringt, in dem sie sich als Betroffene sieht, unbedingt und unwidersprochen Glauben schenken und sich mit ihr parteilich zeigen. Den von der Betroffenen geäußerten Bedürfnissen, Wünschen und Forderungen ist von jeder Seite nachzukommen. Der Darstellung des Täters ist keine Bühne zu geben.

Das sind knapp formuliert die Rahmenbedingungen eines feministischen Konzepts, dessen Ausführung in Form einer Veranstaltung der Basisgruppe Politikwissenschaft am 12. Dezember kritisiert werden sollte. Dazu wurden Carmen Dehnert und Lars Quadfasel eingeladen, beide tätig in der Gruppe Les Madeleines, die unter anderem den Artikel „Kein Kavaliersdelikt“ in der linken Wochenzeitung Jungle World verfasst hat. (2)

Die Veranstalterinnen und wohl auch mehrere Besucherinnen waren bereits im Vorfeld auf Einiges gefasst, handelt es sich doch bei diesem Thema um ein heißes Eisen. Das diskutierte Konzept erhebt immerhin den Anspruch, Schluss zu machen mit der Verbreitung der Lüge, die Betroffene sei irgendwie auch selber Schuld, wenn ihr zum Beispiel in der U-Bahn an den Hintern gefasst wurde. Den einfältigen Erklärungen der im Patriarchat verhafteten Zeugen und Zeuginnen, dass der Täter es nicht so gemeint hätte, soll keine Beachtung mehr geschenkt werden, man möchte sich vielmehr der Betroffenen widmen und ihren Wünschen nachkommen. Die objektive Perspektive auf den Übergriff soll verhindert werden, während die subjektive Perspektive der Betroffenen übernommen werden soll.

Wer Kritik an der Ausführung dieses Konzeptes äußern will, läuft schnell Gefahr dem Patriarchat das Wort zu reden. Denn am naheliegendsten scheint für viele immer noch, die Wahrnehmung der Betroffenen in Frage zu stellen. Damit geraten einerseits Kritikerinnen des Konzeptes bei umfangreicheren Ausführungen genau in dieses Fahrwasser (weil von ihnen zB die These aufgestellt wird, die Betroffene wäre zu deutlicheren Darstellungen und Forderungen gedrängt worden), und andererseits entsteht für die Befürworterinnen des Konzepts bei mangelnder Differenzierung zumindest der Eindruck, die Wahrnehmung der Betroffenen würde in Frage gestellt, weil zB geäußert wurde, dass subjektive Perspektiven nicht ohne weiters übernommen werden können.

Die Veranstaltung am Freitag war als klassischer Vortrag mit anschließender Diskussion geplant, wurde aber alsbald von Befürworterinnen des Konzepts gestört. Und zwar zuerst als Lars Quadfasel seine Kritik an einem Plakat formulierte, auf dem es um die Zustimmung unter Sexualpartnerinnen geht. 3)

„Riesengroßes Orschloch“

Auf dem Plakat wird dazu ermuntert, jeden Handgriff mit allen Beteiligten zu besprechen. Im Falle nonverbaler Kommunikation sollte diese laut Plakat vorher abgesprochen werden.

Quadfasels Einwand, dies wäre nicht möglich, wurde mit den Worten „du bist a riesengroßes Orschloch“ unterbrochen und anstatt seinen Einwand zum Ende kommen zu lassen, fand sich großer Beifall (zirka ein Drittel des Anwesenden) im Publikum und die eine oder andere Äußerung, die die Beschimpfung bekräftigte bzw. die Störung der Veranstaltung nachempfinden konnte.

Quadfasels Beteuerungen, es ginge ihm darum, dass Sprache unter Umständen unzulänglich sei, um vorort Zustimmung zu kommunizieren, wurde ignoriert und das Publikum fühlte sich in weiterer Folge ermächtigt, Kritik durch Zwischenrufe zu üben.

Die Sache ging so weit, dass der Abbruch der Veranstaltung in Erwägung gezogen werden musste, die Veranstalterinnen entschlossen sich allerdings, die Zwischenrufe jeweils zu sammeln und in dieser Form darauf einzugehen. Auch das half nicht viel, da Quadfasel immer noch in seinen Ausführungen unterbrochen wurde, während den Befürworterinnen der Definitionsmacht ausnehmend Raum geboten wurde. Carmen Dehnert war es leider nicht möglich, einen eigenen Beitrag zu halten – sie übernahm allerdings mehrere Entgegnungen auf Zwischenrufe.

Jene Teilnehmerinnen die durch ihre Zwischenrufe sowohl die Referentinnen in ihren Ausführungen als auch die gesamte Diskussion zu dem Thema gestört hatten, werden sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie hier tatsächlich versucht haben, ein Dogma gegen seine Demaskierung zu verteidigen.

Linksradikale Praxis als Dogma zu bezeichnen wirkt etwas hoch gegriffen, allerdings entstand für mich sehr wohl der Eindruck, dass hier jegliche Kritik an der Ausführung des DefMa-Konzeptes als „DefMa-Bashing“ diskreditiert wurde. Zum Umgang mit Kritik äußerte sich eine Teilnehmerin besonders deutlich, als sie meinte, man solle doch bitte an einzelnen Gruppen, die das Konzept problematisch (sic!) umsetzten, aber nicht an der gesamten DefMa Kritik üben.

Die Referentinnen erweckten allerdings nicht den Eindruck, als ginge es ihnen um eine personelle Befassung mit der Problematik, sondern vielmehr um eine globale Kritik des Konzepts selbst. Anhand der Verlesung von Flugzetteln, in denen die Auseinandersetzung mit sexualisierten Übergriffen als eine „schöne, wertvolle Erfahrung“ beschrieben wird, wo sich Täter „geehrt“ fühlen sollten, dass sie nun endlich mit ihrem Verhalten konfrontiert werden, wurde zum Beispiel die Frage aufgeworfen, was in der Vermittlung des Konzepts schief gelaufen sein könnte, dass solche „Mißverständnisse“ auftreten können. Anstatt auf diese Frage allerdings einzugehen, wurde lediglich gefragt, wer diese (anonym ausgelegten) Flugblätter verteilt hätte, um dann den Referentinnen zu unterstellen, sie würden die jeweiligen Veranstalter mit dieser Aussendung anschwärzen wollen.

Eine globale Diskussion über das Konzept der Definitionsmacht blieb auch mit dem ständigen Verweis, jede Gruppe könne das anders handhaben könne, aus. Sämtliche Verweise von Quadfasel und Dehnert auf semantische Schwächen in den verschiedenen Veröffentlichungen zu dem Thema blieben daher unkommentiert, weil die jeweiligen Autorinnen selbstverständlich nicht anwesend waren. Die Frage, ob es sich bei dem Konflikt zwischen DefMa-Befürworterinnen und Les Madeleines nicht um einen Konflikt zwischen der Führung eines herkömmmlichen und eines strukturellen Gewaltbegriff handle, wurde leider erst zum Schluß aufgeworfen – es bleibt allerdings zu bezweifeln, dass der Diskussion dann noch viele Teilnehmerinnen hätten folgen können bzw wollen.

Und was heißt das jetzt?

Zum Abschluß bleibt mir eigentlich nur selbst – inspiriert durch den Vortrag – ein paar Anregungen in den Raum zu stellen. Wie oben bereits erwähnt, bin ich mit dem Konzept seit mehr als fünf Jahren vertraut, und es hat mir sehr bei meiner Sensibilisierung für die Thematik geholfen. Das besprochene Plakat war für mich in nützlicher Wegweiser in der Reflexion meines Umgangs mit den Grenzen meiner Mitmenschen. Genauso schockiert wie ich über die Art und Weise bin, wie das DefMa-Konzept in Wien umgesetzt wird, bin ich auch über die Tatsache, dass Belästigung, Grabschen und Vergewaltigung im Alltag wie in der autonomen Szene keine Seltenheit sind.

Die Betroffenen sind dabei im Umgang mit ihren Erfahrungen zuerst sich selbst überlassen, und das liegt vermutlich sogar in der Natur der Sache. Denn der Täter würde solche Handlungen kaum setzen, wenn absehbar wäre, dass sein Verhalten Konsequenzen haben muss.

Die Vorteile des Konzeptes liegen in der Konfrontation der Täter mit ihrem Verhalten und in der Sichtbarmachung des Problems durch Sensibilisierung. Wer behauptet, die Betroffenen seien an der ihnen widerfahrenen Behandlung selber schuld, wird wohl kaum das Ausmaß dieses Problems erkennen.

Die Schwäche des Konzepts liegt aber gerade darin, dass Übergriffe als subjektive Erfahrung verharmlost werden. Anstatt klipp und klar zu formulieren, dass selbst aufdringliches Werbeverhalten einen Übergriff darstellt (was in verschiedenen Mainstream-Lokalen durchaus zur Türpolitik zählt), verkommt die Vorstellung darüber, was ein Übergriff sein könnte und was nicht zur Beliebigkeit. Ein Urteil darüber bleibt erst einmal der subjektiven Perspektive des potentiellen Täters überlassen.

Im besten Fall ist der potentielle Betroffenen damit geholfen, dass besagte Täter von einem Übergriff absehen, im schlimmsten Fall steht sie erst wieder alleine da – wenn es ihr zum Beispiel an einem kompetenten Freundeskreis fehlt. Der Umgang mit schwerwiegenden Übergriffen erfordert unter Umständen therapeutische, soziale und mediale Kompetenz. Dann nämlich, wenn der Vorfall psychologische Betreuung, freundschaftliche Unterstützung und politische Aufarbeitung erfordert. Die agierenden Unterstützerinnengruppen gebärden sich hier, so scheint mir, leider zu oft als eierlegende Wollmilchsau. Die Folge ist eine Vulgarisierung von Begriffen wie Trigger oder Traumatisierung.

Ruby Slippers
(Druckausgabe 28/2014)

1) „Kein Kavaliersdelikt. Eine feministische Kritik der Definitionsmacht“ im Wiener NIG, https://www.facebook.com/events/307839722739339/

2) Kein Kavaliersdelikt, JungleWorld 32/2010 – http://jungle-world.com/artikel/2010/32/41534.html
Les Madeleines: https://lesmadeleines.wordpress.com/

3) Plakat: http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf
bzw. Text des Plakats: http://defma.blogsport.de/2008/12/23/nein-heisst-nein-oder-antisexismus-muss-praxis-werden-das-zustimmungskonzept/

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