La trahison des images

nichtcharlie2

[Druckausgabe 1/2015]

Sind wir nicht alle Charlie? Nein, sind wir nicht. Wenn Angela Merkel oder die PEGIDA oder Marine LePen oder Johanna Mikl-Leitner “Charlie” sind, dann können wir das wohl nicht sein. Sonst wären wir ja irgendwo auch Merkel, Mikl und Co. Nein, die Linke braucht auch hier Analysen statt lautstarker Hysterie und Facebook-Bildchen mit “Je suis Charlie”. Wir müssen eine andere Antwort finden als die populistische und die bürgerliche Rechte und die europäischen Innenminister. Die Linke muß sich die Frage stellen, wie denn auf einen salafistischen Terror, vor dem wir nicht mehr die Augen verschließen können, zu reagieren sei. Für das Bürgertum und die extreme Rechte sind diese Anschläge so etwas wie das europäische 9/11: ‘Wir können einen Feind ausmachen, wir können Kriege begründen, wir können die Polizei aufrüsten, wir können Gesetze verschärfen’ — das sind die Positionen des Staates und seines Großbürgertums. Die Machteliten und die extreme Rechte in Europa sind dankbar für diese Anschläge. Fakt ist — und das ist die Analogie zu 9/11 —, es handelt sich bei den Opfern um “weiße” Mittelschichtsangehörige in einer der bedeutensten Metropolen Europas und bei den Tätern um nichtstaatliche Terroristen mit einem anderen Glauben als dem christlichen. Geht der Terror von einem befreundeten Staat aus (das nennt man dann Krieg oder Justiz oder Polizeiaktion) oder ist im weitesten Sinne christlich motiviert (Anders Breivik, Franz Fuchs) oder findet er außerhalb westlicher Metropolen statt, dann findet sich nicht ein Schippel Regierungschefs zu halbseidenen Solidaritätsaktionen am Ort des Geschehens ein. Und auch das profil titelte nie: “Wie gefährlich ist das Christentum?”

Wir müssen nicht darüber diskutieren, ob die Karikaturen von Charlie Hebdo künstlerisch wertvoll oder auch nur sinnvoll waren. Vieles davon war einfach nur eine Antwort auf den widerwärtigen hegemonialen Anspruch der Religionen — egal welcher Geschmacksrichtung. Und die Hinrichtung von Karikaturisten läßt sich sowieso genausowenig rechtfertigen wie das Auspeitschen von Bloggern.

Aber worum geht es eigentlich? Der Salafismus in Europa ist als eine Reaktion auf die Marginalisierung ganzer Volksgruppen interpretierbar. Im islamisch geprägten Raum kann man diese Bewegungen als Antwort auf den alten und neuen Kolonialismus sehen. Die europäischen Herren haben lange auf diesen Raum als die Gegend geblickt, wo man den Kameltreibern Kultur beibringen müsse — und geflissentlich sich darum bemüht, daß dort Potentaten an die Macht kommen, die wirtschaftlich keine Probleme bereiten. Und man hat dafür gesorgt, daß demokratisch-solidarische oder gar linke Experimente dort keine Chance haben. Zum Teil förderte man zu diesem Zwecke auch religiöse Eiferer und versorgte sie mit Waffen. In Europa hat man indes Ähnliches gemacht — wenn auch nicht mit derselben Dreistigkeit, aber mit viel Propaganda. Das Ergebnis war hüben wie drüben ein Ähnliches: Das Aufkommen faschistischer Bewegungen. Heute können sich dank dieser Politik Faschisten christlichen und muslimischen Glaubens gegenseitig rechtfertigen.

Es ist aber auch ein Versagen der Linken hüben wie drüben, für die Gedemütigten keine Optionen bieten zu können. Die manchmal ziemlich peinlichen Relativierungen von Salafisten durch Antiimps sind genauso wenig eine adäquate Antwort wie die Querfrontler von den Antideutschen, die Kontakt zu antiislamischen Rettern des Abendlandes suchen. Faschisten aus dem Trikont bleiben Faschisten und Faschisten aus dem euopäischen Proletariat sind ebenso keine Bündnispartner, nur weil sie Proletarier sind. Aber hüben wie drüben ziehen solche Bewegungen ihre Kräfte aus den Heeren der Gedemütigten — gedemütigt aktuell und im kollektiven Unbewußten —, die sich in ihrer Not an alten Herrschaftsidealen wie Nation, Rasse und Religion orientieren, weil sie keine attraktiven anderen Angebote sehen.

Die schwache europäische Linke sucht in Krisensituationen wie dieser gerne mächtige, aber höchst bedenkliche Bündnispartner und übernimmt Parolen, mit denen man diese gewinnen kann — und wundert sich dann, über den Tisch gezogen und fehlinterpretiert zu werden. Die Linke heute beschäftigt sich großteils mit Symbolpolitik, demonstriert gegen Symptome und Hilfstruppen wie z.B. hierzulande die FPÖ, versucht aber immer weniger, Agendasetting zu betreiben in ihren eigentlichen Stammthemen Kapitalismus- und Herrschaftskritik. Das erscheint mühselig, verspricht in unseren hektischen Zeiten keinen kurzfristigen Öffentlichkeitserfolg und ist auch überhaupt nicht sexy. Aber es ist notwendig. Vielleicht mag die Parole “Sozialismus oder Barbarei” hier etwas antiquiert und übertrieben erscheinen. Aber klar ist, daß diese Welt alternative ideologische Angebote braucht. Die wird man mit geänderten Facebook-Profilbildern allein aber wohl kaum machen können.

“Je suis Charlie” wurde sehr schnell zur Parole, um zu sagen, man fühle sich auch angegriffen. Das ist verständlich, aber halt auch kompatibel mit PEGIDA und Co. “Ich bin Europa” kann das auch heissen und die “europäischen Werte” würden angegriffen. Sicher, die Menschenrechte, speziell die Meinungsfreiheit, kann man als diese “europäischen Werte” verstehen. Aber im Namen dieser Freiheitsrechte sollen eben diese nun von den europäischen Innenministern weiter eingeschränkt werden. Da möchte ich nicht Applaus klatschen. Und deswegen bin ich auch nicht Charlie.

Bernhard Redl

Bildmontage nach René Magritte, “Der Verrat der Bilder”

 

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