So böse ist Tsipras wirklich!

Die österreichische und deutsche Presse ist sich ziemlich einig: Tsipras ist böse! Dennoch: Es gibt natürlich Unterschiede zwischen links und rechts, zwischen Boulevard und Qualitätsmedien. Die „Tiroler Tageszeitung“ und das „Wirtschaftblatt“ titelten unisono: „Griechischer Privatisierungsstopp schlägt Anleger in die Flucht“, der „Standard“ hingegen brachte den Zwischentitel: „Privatisierungsstopp schlägt Anleger in die Flucht“ — alle drei schrieben da von der APA ab. Und die „Presse“ meinte „Tsipras fährt Griechenland gegen die Wand“. Diese Medien machen sich also Sorgen um Griechenlands Zukunft.gesammeltepresse-collage-bunt-100dpi

Die klassischen „liberalen“ Medien Deutschlands hingegen schockt eher, daß die neue Regierung sich nicht am Rußland-Boykott beteiligen will und titelt dementsprechend: „Nach Moskau! Nach Moskau!“ (FAZ) und „Putins Trojaner“ (Die Zeit). Und der „Spiegel“ nannte in gewohnt seriös-bedächtiger Manier auf seinem Cover Tsipras einen „Geisterfahrer“ und „Europas Albtraum“.

Angst vor Antisemitismus und ums Geld

Um Antisemitismus machen sich hingegen die tradititionell spießige „Welt“ („So judenfeindlich sind Tsipras und seine Leute“) und die alternative „taz“ („Angst im Angesicht der Querfront“) Sorgen.

Manche der zu diesen Headlines gehörigen Artikel sind durchaus differenzierter (namentlich der Artikel in der taz), doch wer liest schon längere Texte?

Mit ebensolchen will der Boulevard seine Leser nicht quälen und macht auf nationale Ängste: „Tsipras‘ Wahlversprechen kosten uns 20 Milliarden: Das sollen die Griechen alles kriegen!“ heißt es bei der „Bild“, während die „Krone“ ihre Headline noch dezent mit einem Fragezeichen versieht: „Wie viel kostet uns der Wahlsieg von Tsipras?“

Daß es auch anders geht, beweist die „Jüdische Allgemeine“, herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland — sicher keine Publikation, der man vorwerfen könnte, sie sei unsensibel bezüglich Antisemitismus. Diese titelte mit einem Zitat des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Griechenland: „Wir vertrauen Syriza“. Im Interview zitiert die „Jüdische“ Präsident Moses Constantinis: „Es ist nicht nur meine Hoffnung, sondern ich glaube auch wirklich daran, dass Syriza nicht nur die gute Zusammenarbeit, die es zwischen Griechenland und Israel seit Jahrzehnten gibt, nicht gefährdet, sondern vielleicht sogar stärkt. Wir sind auch zuversichtlich, dass Syriza vielleicht einmal in der Lage sein wird, im Friedensprozess im Nahen Osten eine positive Rolle zu spielen.“ Die „Welt“ sorgt sich um Antisemitismus, die „Jüdische Allgemeine“ aber nicht? Seltsame Zeiten sind das!

Unterberger wird Feminist

Immerhin: Einen großartigen Erfolg hat Syriza schon zu verbuchen. Seit dem Amtsantritt der neuen Regierung gibt sich Andreas Unterberger als Feministen und Antifaschisten — das soll Tsipras erst einer nachmachen! „Griechenland neu: Antisemitisch und ohne weibliche Minister“ titelte dieser auf andreas-unterberger.at. Tja, wenns ums Kommunistenfressen geht, wird sogar unser liebster Spießer fortschrittlich oder zumindest das, was er dafür hält.

Gern, aber falsch zitiert

Aber ist zumindest die Antisemitismus-Kritik nicht gerechtfertigt? Hat nicht der Chef der ANEL, Syrizas Koalitionspartner, erst kürzlich verlauten lassen, Juden würden in Griechenland keine Steuern zahlen? Naja, Robert Misik ist es zu verdanken, daß diese Geschichte aufgeklärt wurde. Tatsächlich sagte ANEL-Chef Kammenos Folgendes: „Samaras beruft sich auf die orthodoxe Kirche, aber seine Regierung hat die schärfsten Entscheidungen gegen die griechische Kirche getroffen; die Feuerbestattung wurde erlaubt, auch die Verpartnerung von Homosexuellen und die Steuerpflicht für die orthodoxe Kirche eingeführt. Während Buddhisten, Juden und Muslime keine Steuern zahlen müssen, muss die orthodoxe Kirche das und wird sich bald ihre Klöster nicht mehr leisten können.” Der Blogautor schreibt dazu auf misik.at: „Das klingt jetzt nicht gerade so, dass mir der Typ sympathisch wäre, ist aber doch etwas ganz anderes: Es ist nicht von Christen, Muslimen, Juden etc. als Privatpersonen die Rede, sondern natürlich von den jeweiligen Institutionen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. … Aber er sagt in diesem Zitat schon definitiv etwas sehr anderes als die Behauptung, jüdische Privatpersonen würden weniger Steuern zahlen müssen.“

Dabei war das doch eine so schöne Behauptung, mit der man Syriza fertigmachen kann! Schon blöd, daß sie nicht wahr ist.

Bernhard Redl

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