Die Hunde von Athen

Neulich zitierte ein ORF-Berichterstatter in der ZiB2 Börsianer, die gemeint hätten: „Hunde die bellen, beissen nicht“. Mit den Hunden waren Tsipras, Varoufakis und der Rest der neuen griechischen Regierung gemeint. Beendet wurde der Bericht mit der Drehung dieses Wortes, nämlich, daß man erst sehen werde, ob bellende Hunde vielleicht nicht doch einmal zubeissen.

Einem meiner Facebook-Freunde gefiel diese Formulierung nicht. Er meinte, Tiervergleiche wären kein guter Stil. Doch mir taugte dieser Vergleich mit einem bissigen Hund, denn bislang hatten ja griechische Regierungen eher nicht gebellt, sondern hatten wie die ebenso sprichwörtlichen geprügelten Hunde gekuscht. Jetzt ist die hündische Ergebenheit vorbei, jetzt wird gebissen. Und es ist einfach ein Genuß zuzusehen, wie Jean-Claude Juncker versucht, seine tiefe Fleischwunde mit Beschwörungsformeln und der Anrufung aller europäischen Götter wegzubeten und zu wissen, daß das momentan genau nichts nutzt.

Es gab mal in Griechenland einen Philosophen, der sich selbst mit einem Hund gleichsetzte. Das war Diogenes von Sinope, der erste historisch belegte Punk der Geschichte und Begründer des Kynismus, also des Hundianertums. Von Diogenes wird ja erzählt, er habe Alexander dem angeblich so Großen gesagt, er wolle von diesem lediglich, daß er ihm aus der Sonne gehen solle und sonst nichts. Viel anders ist die Haltung des griechischen Finanzministers gegenüber der Troika auch nicht. Angela die Große hat zwar nicht so nobel darauf reagiert wie einst Alexander, aber das ist eine andere Geschichte.

Barbara Sichtermann schrieb vor 20 Jahren ein Buch, das trug den Titel: „Der tote Hund beißt.“ Es war ein Buch über Karl Marx und die Erkenntnis, daß dessen Analysen immer noch gefährlich sind für die Apologeten des Kapitalismus.

Und Friedrich, auch so ein „Großer“, soll sogar seinen Soldaten nachgerufen haben: „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ — nur weil diese keine Lust mehr hatten, für die Interessen Preußens in einen für sie sinnlosen Tod zu gehen.

Die Syriza, diese Hunde! Solche wie Diogenes oder Marx? Oder gar Deserteure? Ich kann mir schlimmere Vergleiche vorstellen. Bleibt nur zu hoffen, daß diese Hunde sich letztendlich nicht doch noch dressieren lassen und auch morgen noch kraftvoll werden zubeissen können. Denn solche ehrenwerten Vergleiche muß man sich erst verdienen.

Mario Czerny
[aus der akin-Druckausgabe 3/2015]

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