Rubrik VERWORTET: Der Volkstribun

[Aus akin 6/2015]
Zugegeben: Leute, die als „Volkstribunen“ bezeichnet werden, können genauso korrupt sein wie andere Politiker. Und man sollte sich nicht auf sie verlassen. „Es rettet uns kein höh`res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun!“ Stimmt schon.

Nur: Wenn in den Medien von „Volkstribunen“ die Rede ist – zuletzt sehr beliebt als Bezeichnung für Alexis Tsipras -, dann sind das Politiker, die nicht genauso reden wie die üblichen Statesmen, sondern die sich unverschämterweise an der Volksmeinung orientieren. Die sich als besonders staatstragend gebenden Kommentatoren wollen damit ausdrücken, daß da einer ist, der sich nicht dessen bedient, was allgemein von der Obrigkeit als Vernunft angesehen wird.

Die Volkstribunen waren in der römischen Politik als das Gegengewicht zum patrizisch geprägten Staat gedacht. Der Plebs – also das gemeine Volk – sollte auch an etwas partizipieren können, das unter Demokratie verstanden wurde. Deswegen wurden Tribunen gewählt. Auch damals war es dem Patriziat nicht recht, wenn da wirklich einer war, der die Interessen des Plebs vertrat. Weil es das Tribunenamt heute nicht mehr gibt – theoretisch sollten ja alle Mandatare in der modernen Demokratie Volksvertreter sein -, die classe politique aber immer noch keine Einmischung von linken Charismatikern mag, die sie selber nicht bestellt hat, gibt es eben die pejorative Verwendung des Wortes „Volkstribun“ (für rechte Charismatiker gibt es den Begriff des „Populisten“, wo ja auch das „Volk“ drinnen steckt).

Daß die Vertreter der etablierten Staatsparteien keine Konkurrenz wollen, ist verständlich – für diese ist ein Volkstribun natürlich ein Störfaktor. Journalisten aber, die abwertend diesen Begriff verwenden, dürfen sich nicht wundern, wenn man ihnen Hofberichterstattung vorwirft.

Bernhard Redl

In der Rubrik VERWORTET stellt die akin in jeder Ausgabe ein Wort oder eine Phrase vor, deren allgemeiner Gebrauch nicht ganz koscher ist. Nächstesmal beschäftigen wir uns mit der „Toleranz“. Wer bei dieser Kolumne mitmachen will, schicke uns ein Wort und dessen Gebrauchskritik an akin.redaktion@gmx.at

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