Wutausbruch für eine Zigarettenlänge

Man zünde sich eine Zigarette an und klicke dann auf untenstehenden Link – ein grantiger Radiobeitrag zur Vergartenzwergung der Gesellschaftspolitik und ein Plädoyer für eine dreckigere Linke: http://akin.mediaweb.at/radio/akin2015-09-rauchen-wutausbruch.mp3

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Printfassung aus akin 9/2015:

“Ich hoffe, wir werden zu einem friedfertigen Miteinander kommen.” Also sprach die SPÖ-Gesundheitsministerin. Aber wer mit wem? Was mich betrifft, so wird es eher ein Ohneeinander. Ich werd wohl sicher nimmer friedfertige Abende in Beisln verbringen, wenn das totale Rauchverbot kommt. Und es soll kommen, noch viel brutaler als in anderen EU-Ländern, also auch für Vereinslokale und Hotels und andere Ausweichmöglichkeiten. Das heißt: Ich hab ab demnächst Beislverbot.

Das ist aber nicht nur mein Problem und es ist nicht nur für mich ein Aufreger — denn es trifft uns in unseren kulturellen Interessen. Und es ist eine politische Geschichte — damit werden nämlich diese ganzen kleinen subversiven Beisln endgültig ruiniert. Es hat vielfältige Gründe, warum schon in früheren Jahrhunderten Rauchverbote existierten, genauso wie Kaffee-Verbote, denn anregende Genußmittel galten oftmals als subversiv. Revolutionen und Aufstände wurden in so manchem Hinterzimmern bei Kaffee und Tabak geplant. Und auch heute sind gerade diese kleine Tschochs Orte, wo Menschen, die nicht der classe boboique angehören, sich bei Bier und Zigaretten über ihre persönlichen Sorgen und auch die gesellschaftlichen Mißstände ausauschen.

Die Bobos haben sich durchgesetzt, diese Sauberkeitsfanatiker, die Gesundheitsapostel, die “Wie pflege ich meinen Gartenzwerg richtig”-Fraktion — das sind diese Leute, die von “sozialer Gerechtigkeit” reden, aber der Meinung sind, daß Genuß etwas ist, was sich auf das Trinken von 20-Euro-Brunello in rauchfreier Atmosphäre beschränkt. Und die Linke hat da auch versagt. Wir haben dieses Thema den Rechtsextremen und den Verschwörungstheoretikern überlassen — das ist so wie mit der EU-Kritik, an die man nicht mehr anstreifen wollte, weil man Angst hatte, nationalistischen Gedankenguts geziehen zu werden. Um Marxens Willen, das sind doch die Leute, die nicht schönsprechen tun, also die nicht gendern, die statt dem “Standard” die “Krone” lesen und kein “Mag.” vor dem Namen führen! Und die schimpfen halt auf die EU und die rauchen.

Der Zeitgeist ist einfach viel zu sauber, ordentlich und brav — und die Linke geht da vorneweg. Es ist mit ein Grund, warum die extreme Rechte derart Zulauf erhält, wenn die Linke, die ja früher so gern von sich behauptet hat, für das Proletariat da zu sein, bei eben diesem heute dasteht als Phalanx von Saubermännern und -frauen. Als politische Alternative können die mittlerweile wenigen Linken in Sozialdemokratie und Grünpartei genauswenig gesehen werden wie die außer- und möchtegernparlamentarische Linke. Der ganze Schwachsinn, den die extreme Rechte und die Verschwörungstheoretiker so verzapfen, wird vom Proletariat mit Genuß gefressen, weil die Linke zu blöd ist, auf die “einfachen Leute” zu hören und ihnen politische Angebote zu machen.

Wir, die Linken in diesem Land, sollten einfach wieder ein bisserl dreckiger werden. Und uns gegen bobokratische Rauchverbote wehren.

Bernhard Redl

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