Erinnerungen an Ebergassing

[ aus akin 9/2015,
Radiofassung: http://akin.mediaweb.at/radio/akin2015-09-ebergassing.mp3 ]

Ebergassing. Vor jener Explosion am Strommasten vor genau 20 Jahren war mir der Ort im Industrieviertel völlig unbekannt; danach bedeutete mir der Name nur diese Geschehnisse und vor allem die Folgen.

Am 11.April 1995 explodierte der Sprengsatz. Die Ermittlungen ergaben, daß zwei linke Aktivisten einen Strommasten hätten sprengen wollen, dabei aber selbst ums Leben kamen. Auch wenn es sich wahrscheinlich wirklich so abgespielt hat, blieb der behauptete Hergang letztendlich unbewiesen.

Die politische Situation war damals recht unruhig. Vor allem viele Linke waren sehr nervös. Man öffnete Briefe, die nicht völlig flach waren, nur unter Vorsichtsmaßnahmen, da man immer mit einer neuen Briefbombenserie rechnete, und die Haider-FPÖ hatte trotz LIF-Abspaltung nach einem recht agressiven Wahlkampf im Herbst 1994 deutlich dazugewonnen. Und vor allem: Gerade zwei Monate vorher war die Sprengfalle von Oberwart hochgegangen und natürlich waren der Boulevard und die FPÖ dahinter, die beiden Anschläge gleichzusetzen. Das ging soweit, daß die FPÖ sogar versuchte, „Oberwart und Ebergassing“ den gleichen, natürlich linken Tätern unterzuschieben.

Die Zeitschrift TATblatt kam damals besonders ins Visier der Berichterstattung, da sie von der FPÖ zum Zentralorgan des Terrors stilisiert wurde. Die FPÖ-Studenten veröffentlichten ein von ihnen behauptetes „extremistisches“ Netzwerk, das von den zwei mutmaßliche Attentätern über das TATblatt und natürlich auch die akin bis hin zu den Grünen und SPÖ-Ministern reichen sollte. In Folge dessen geriet auch SPÖ-Innenminister Caspar Einem in die Schußlinie der FPÖ und der Krone, als sich herausstellte, daß dieser dem TATblatt etwas gespendet hatte. Gegen diese Hetze gab es sogar eine Demo, auf der ein Freund von mir meinte: „Es ist schon ein bisserl komisch, für einen Innenminister zu demonstrieren.“

Es kam zu enorm vielen Hausdurchsuchungen und Einvernahmen durch die Polizei und auch in der Linken wußte man bald nicht mehr, was man über die Sache denken sollte. Vermutungen und Gerüchte gab es damals viele. Wilde, aber zum Teil auch durchaus fundierte Theorien bis hin zur Behauptung, es wäre Mord gewesen, quasi eine Inszenierung, um vom rechten Terror abzulenken, machten die Runde.

Es kam auch zu seltsamen Spielchen der clandestinen Art, wie etwa, daß der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit Michael Sika — der seinem Minister alles andere als wohlgesonnen war — den Rechtsanwalt Thomas Prader anrief, damit dieser doch seine Kontakte zur Linken nutze, um einen vermuteten „dritten Mann“ dingfest zu machen; dies, so wurde kolportiert, um Druck aus der Sache rauszunehmen, sowohl um den Minister zu schützen als auch, damit der angebliche Dritte einen fairen Prozeß haben könne — oder überhaupt nur seine Festnahme überlebe. Die beiden Journalisten, die Prader anrief, spielten dabei aber dann doch nicht mit, weil sie nicht zu Hilfspolizisten werden wollten. (Die Recherche von damals über die Sache ist auf dem akin-Blog nachzulesen.)

Es war eine Atmosphäre der Angst, in der solche Sachen passieren konnten. Minister Einem konnte sich noch eine Weile halten, bewies in Folge mit seiner Forcierung neuer Ermittlungsmethoden der Polizei, welch braver Sozialdemokrat er doch war, und wurde von seiner Partei dennoch keine zwei Jahre später fallengelassen. Er wurde auf den Verkehrsministerposten abgeschoben, weil die ihm formal untergebene Polizei ihn einfach nicht leiden konnte.

Ebergassing war kein Anschlag auf Menschen, sondern auf eine Stromleitung. Es war eine Protestaktion gegen Atomstromimporte — wenn es überhaupt so passiert ist.

Denn wenn es auch nicht mit Oberwart vergleichbar war, wollten viele Linke die Aktion nicht wahrhaben, was wohl mit ein Grund war, daß es zu vielen Theorien über andere Abläufe gekommen ist. Andererseits: Bis heute ist lediglich sicher, daß es am 11.April einen weithin hörbaren Knall gegeben hatte, der damals für die Hörenden nicht zuordenbar war und wohl vom Sprengsatz am Strommast stammte — der aber nicht umfiel. Und: daß eine Woche später an dieser Stelle die Leichen von Gregor Thaler und Peter Konicek gefunden wurden, zwei bekannten linken Aktivisten.

Die Unsicherheit, was wirklich geschehen ist, blieb. Bis heute.

Bernhard Redl

Die im Text angesprochene Recherche findet sich als Wiederveröffentlichung von 1995 unter
https://akinmagazin.wordpress.com/2015/04/12/aus-dem-archiv-der-dritte-mann-von-ebergassing-wie-die-polizei-1995-versuchte-linke-als-hilfspolizisten-zu-m-isbrauchen/
Dort gibt es auch weitere Links zu Presseberichten und einer ausführlichen Dokumentation des TATblatts.

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