Deutschlands Scargill

[Aus der Presseschau in akin 12/2015]

Was sich derzeit publizistisch in Deutschland abspielt, erinnert den Zeitungsleser an den Bergarbeiterstreik der 80er in Thatchers Britannien. Was damals auch hierzulande alles über Arthur Scargill, den Chef der Bergarbeitergewerkschaft, berichtet worden war, mußte dem unvoreingenommenen Medienkonsumenten anmuten, als wäre er ein Verrückter und Thatcher eine um Ausgleich bemühte Politikerin. Ein Teil der britischen Presse war derart aggressiv, daß sie etwa seinen Vornamen in „Adolf“ änderte oder ihn als „Yorkshire-Ripper“ bezeichnete.

„Sogar Verbündete können seine verbissene Streikwut kaum mehr nachvollziehen.“ Wie sich die Berichterstattung ähnelt — solche Einschätzungen konnte man damals in der Berichterstattung auch über Scargill lesen, doch der zitierte Satz stand im November letzten Jahres in der deutschen „Morgenpost“ und war auf Claus Weselsky, den Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GDL), gemünzt. Titel des Artikels: „Ex-Frau über Bahnstreik-Chef: ‚Er ist ein Diktator!'“ Im Text: „Jetzt packt eine Frau aus, die ihn bestens kennt, 15 Jahre lang Haus und Bett mit ihm teilte. Was sie zusagen hat, wirft kein gutes Licht auf den Gewerkschaftsboss.“ Ähnlich persönlich geht es im April dieses Jahres der „Focus“ an: „So lebt der GDL-Chef — Weselskys Altbau-Fassade: So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer“. Im Text kommt dann allerdings nicht ein Penthouse vor, sondern lediglich: „Hinter der Tür öffnet sich ein Innenhof mit einem kleinen, rotverklinkerten Häuschen. Der geheime Rückzugsort des GDL-Chefs. Er lebt abgeschieden.“ Aber die Schlagzeile sitzt. Andere Headlines des Focus gefällig? Wie wäre es mit „Streikführer Weselsky, Sie gehören ins Museum!“ (Kommentar Oktober 2014) oder „GDL auf Crashkurs — Seit 1992 sitzt Weselsky im warmen Büro“ (ebenfalls im Oktober). Und die BILD-Zeitung, deren GDL-Bashing schon legendär ist, brachte dieser Tage den rücksichtlosen Autofahrer: „Weselsky drängelte auf der Autobahn mit Lichthupe“.

Die Auseinandersetzung mit dem jetzigen erneuten Bahnstreik läuft großteils ad personam. Eine Fernsehjournalistin begann neulich ein Interview mit der Einstiegsbemerkung „Herr Weselsky, Sie sind heute wohl der meistgehasste Mann Deutschlands“. Wenn es nach Google geht, stimmt das sogar: Befragt man die Suchmaschine nach „der meistgehasste Mann Deutschlands“ findet man unter den ersten Treffern fast ausschließlich Artikel über den GDL-Chef.

Wenige Stimmen der deutschen Medienlandschaft halten da dagegen. Jakob Augstein schreibt im Spiegel: „So einfach kann man sich das machen: Der Kampf der Lokführer wird zur Personalie degradiert, zur Eitelkeit eines Einzelnen. Dabei geht es hier um nichts weniger als das Recht auf Streik. Das sollte uns ein paar Unbequemlichkeiten wert sein. Unsere Gleichgültigkeit ist sonst unser eigener Schaden.“

Und in der taz-Kolumne „Verboten“ heißt es: „An alle, die sich in den immer gleichen TV-Straßenumfragen, asozialen Medien und Leserbriefen über die momentanen Streiks aufregen, weil die Anliegen zwar berechtigt seien, aber Streiks im Alltag stören …: Checkt ihr es wirklich nicht oder wollt ihr es nicht verstehen? Ein Streik, der keinen stört, hat keinen Sinn.“

Nicht nur die Attacken auf die Person der Streikführer verbindet den britischen Bergarbeiterstreik mit dem deutschen GDL-Streik: Hintergründig waren es damals und sind es heute auch im engeren Sinne politische Kämpfe. In Britannien ging es offiziell um Arbeitsplätze, tatsächlich aber vor allem gegen Privatisierungen und Beschneidungen der Gewerkschaftsrechte. In Deutschland sind es Forderungen nach höheren Löhnen, doch dahinter steckt der Kampf um die Tarifautonomie für kleinere Gewerkschaften, die von der deutschen Regierungskoalition nun per Gesetz eingeschränkt werden soll.

Und eine letzte Parallele: Hüben wie drüben war und ist die Solidarität der Sozialdemokratie und deren braveren Gewerkschaftern — höflich oder eigentlich verharmlosend gesagt — endenwollend. Wie schreibt Augstein über die aktuelle Situation in Deutschland: „Die Sozialdemokraten haben gegen die wachsende Ungleichheit nichts unternommen. Und die Gewerkschaften auch nicht. Im Gegenteil: Viel zu viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter haben sich in der Vergangenheit auf die Seite der Lohndrücker geschlagen.“

Auch das hätte man über Thatchers Britannien damals genauso schreiben können. Die Folgen dort waren eine Entmachtung der Gewerkschaften und „New Labour“. (Zeitungsleser: -br-)

[Die dieswöchige Presseschau beschäftigt sich außerdem u.a. mit autoritären Tendenzen in Frankreich und interessanten Kandidaten bei den US-Vorwahlen. Weiters in der morgigen Druckausgabe: Debatten um die Frage, was wissenschaftlich ist und was nicht, und darüber, was sich bei Gedenkfeiern in Mauthausen so gehört; Probleme der Wiener Kommunalpolitik; die Wahlen in Großbritannien, etc.]

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