Auffällige Jugendliche muß man doch einfach wegsperren

In Österreich lebt man als 14jähriger Bub gefährlich. In diesem Land werden 14jährige bei einem Supermarkteinbruch gezielt von hinten polizeilich erschossen oder wegen verrückter Ideen ohne echte Vorbereitungshandlung als Terroristen zu unbedingten Haftstrafen verurteilt oder in U-Haft vergewaltigt und die zuständige Ministerin sieht darin erst nach mehrmaligem Nachfragen ein Problem.
Oder sie werden wegen Schubsens in die Psychiatrie gesperrt, wie Gerhard Hofer in folgender Geschichte schildert:

Die Geschlossene Abteilung der Kinder und Jugendpsychiatrie der Landesnervenklinik OÖ ist einer der furchtbarsten Orte Österreichs. Niemand vermag es, die düstere Atmosphäre aus blutrot versiegelten Böden, gräulichen Wänden und buchefarbenem Mobiliar aufzuhellen. Gestern und heute bin ich dort gewesen:

Der Anlass heißt Philipp, ist Sohn eines engen Freundes und 14 Jahre alt. Er ist nicht wie die Anderen seines Alters. Er ist traumatisiert von den furchtbaren Dingen, die ihm offenbar angetan worden sind. In einem Internat der Camphill-Vision oder wie immer die Camphiller ihre Methode nennen. Er ist kein Autist, dennoch wird er von Ärzten, die wissen, dass er nicht autistisch ist, so behandelt. Als ob er einer wäre. Vor sieben Jahren hat Carlo seinen Sohn aus der Camphill-Pädagogik befreien können. In die ihn Philipps Mutter überantwortete, weil der Hass auf den Vater größer als die Liebe zum Sohn gewesen ist. Seit gestern ist Philipp ein Krimineller Er hat ein Mädchen geschubst. Weil es ihn offenbar ausgespottet hat. Philipp, der seine Meinung ehrlich sagt und seine Emotionen ehrlich zeigt, mag es nicht, wenn er verspottet wird. Das haben die im Camphill so oft gemacht, dass er es nicht mehr haben will. Also hat er das Mädchen geschubst und die Familie des Mädchens, das gestolpert ist, hat Philipp angezeigt. Weil die Gleichung heißen muss: Schubsen plus Stolpern gleich Kopfweh plus Schmerzensgeld.

Daher wird Philipp von der Polizei geholt. Zur Vernehmung. Delikten muss auf den Grund gegangen werden, sofort und gründlich. Philipp sagt im Beisein seines Vaters aus und seine Aussage, sie ist ja protokolliert, besteht aus fünf Sätzen. Mit seinen Eltern (Carlo hat gelernt, dass Philipp nicht versteht, was seine Mutter ihm angetan hat, weswegen dieser sie liebt) hat es Torte gegeben. Dann ist er aufgestanden und zu einem Mädchen gelaufen, das er gesehen hat. Dann hat er es zu Boden geschubst. Der Polizist hat ihn gefragt. Warum er es getan habe? Ob ihm denn langweilig gewesen sei? Ja, ihm sei langweilig gewesen. Also liest sich Satz fünf: „Ich machte es, weil mir langweilig war.“ Philipp hat bestätigt, dass ihm langweilig war. Er hat nicht gesagt, dass er ausgespottet wurde, weil man ihn danach nicht gefragt hat. Weshalb also Gemeingefährlichkeit zu attestieren war. Der Amtsarzt tat, was getan werden musste: Einweisen. Geschlossene. Jetzt. Rettung. Blaulicht. Polizeieskorte. Carlo hat uns angerufen, wir sind losgefahren: Landesnervenklinik, Aufnahme Psychiatrie.

Dort haben wir Carlo und Philipp getroffen. Philipp hat geweint und geklagt – dass er heimwolle, warum er da sei, wo sein Papa sei. Er brauche seinen Papa, warum er denn hier sei. Dann ist Carlo aus dem Untersuchungszimmer rausgekommen. Hinter ihm der Arzt. Philipp freute sich, denn nun würde es heimgehen. Mit Papa, den er ja brauche. Als er hört, dass er hierbleiben muss, bricht er zusammen, aber er ist im Camphill so oft zusammengebrochen, dass er nicht schreit, wenn ihm etwas zusetzt. Sondern es still in sich hinein weint. Er kniet sich auf den Boden, schlägt sich die Hände vors Gesicht und sinkt skurril langsam vornüber. Bis Gesicht und Hände den Boden berühren.

Es sind fremde Leute da auf diesem Flur: Polizisten, Sanitäter, Patienten. Sie werden ruhig, betreten. Sehen schamhaft weg. Der Arzt will wissen, was das soll. Rauf jetzt, auf die Station. Geschlossene. Pffh. Wir reden Philipp zu, es dauert aber Minuten, bis Philipp seine im Camphill erlernte Demutspose aufgibt. Es dämmert ihm, dass er etwas Böses getan haben muss. Wir gehen Richtung Station J202, der Polizist muss mit, obwohl er weg will. Er hat erkannt, wohin die Befolgung der Gesetze nun führen wird. Ach hätte er die Eltern des Mädchens doch weggeschickt! Keine Anzeige, keine Amtshandlung, kein ihn verstörender Philipp.

Ich frage den Polizisten. Wie es denn dem armen Mädchen gehe, wie schwer es verletzt sei, ob es im Krankenhaus liege. Nein, kein Krankenhaus. Verletzt? Naja, kein Blut, keine Beule. Kopfweh, wahrscheinlich. Also vermutlich. Oder vielleicht. Ich sehe ihm ins Gesicht. Er sieht weg. Ich frage ihn. Wie dumm und wie herzlos man eigentlich sein müsse? Um Polizist werden zu können? Ob das auch für Nichtidioten möglich sei? Polizist zu werden? Weil wegen vielleicht Kopfweh und definitiv zerstören der Arbeit mit Philipp der letzten sieben Jahre? Der Polizist sieht zu Boden. Wir erreichen J202, der Polizist sieht erleichtert auf. Sein Job sei hier erfüllt und es tue ihm leid, der Amtsarzt habe es verlangt und er habe tun müssen, was zu tun gewesen sei. Er wünsche uns: viel Glück.

J202, Zimmernummer 5. Wir warten, eine junge Frau im Arztkittel kommt. Ob wir wissen, warum Philipp hier sei, warum er hier zu bleiben habe? Dass wir jetzt zu gehen hätten, weil Philipp jetzt Ruhe brauche? Wie es Philipp geht, weiß Philipp: Er bittet um Hilfe, sie, die Frau möge ihm helfen. Unter helfen versteht Philipp, dass er gehen, die Frau, dass er bleiben wolle. Weil man ihm hier ja helfen könne und helfen werde. Hilfe sei wichtig, dazu sei man da und ausgebildet, man werde herausfinden, wie Hilfe auszusehen hätte. Wer die Frau sei, frage ich. Sie? Turnusärztin, wieso?. Aha, sage ich. Turnus. Also Ausbildung? Aha, so sei das also, meint sie. Man vermute, sie sei inkompetent. Ja, sei sie, sage ich. Weil man ja offenbar eine Facharztausbildung brauche, die sie erst anstrebe und demzufolge noch nicht habe. Was auf ein Defizit zwischen bereits erworbenem und noch zu erwerbendem Wissen hinweise. Oder etwa nicht?

Unter solchen Umständen müsse eben die zuständige Psychiaterin kommen. Sie verspreche aber schon, das Philipp nicht sediert werde. Aha, sage ich. Die Bestimmung des Ortes sei es aber, Patienten zu sedieren? Sie sehe immerhin, dass Philipp aufgewühlt sei. Er sage ja nichts anderes, als dass er weg wolle und frage deshalb permanent, warum er hier sei. In dem Moment, in dem wir weg wären, werde er, unschwer vorauszusehen, zu rebellieren beginnen. Dies sei auch der Moment, in dem er sediert werden müsse. Seiner Sicherheit wegen. Oder? Die Frau denkt nach und entscheidet, dass in diesem Fall die Psychiaterin besser entscheiden könne. Wir mögen warten, sie gehe jetzt, sie habe zu tun.

Wir warten drei Stunden. Drei. Ich insistiere, Philipp insistiert. Er will nach Hause, wir wollen, dass die Psychiaterin kommt. Sie kommt nicht, es
erscheint aber der Arzt aus der Aufnahme. Sprechen werde er nur mit dem Vater. Zehn Minuten später gestattet er allerdings, uns zu verabschieden. Philipp müsse bleiben. Es entwickelt sich daher ein Disput. Der Arzt weicht zurück, sein Stimmchen bricht. Er droht mit Polizei. Mir droht allerdings niemand und er schon gar nicht. Verlassen Sie die Station, fiepst und piepst es zehnmal.

Wir gehen, Philipp läuft nach. Doch es trennt uns eine dicke Glastüre. Philipp weint, Philipp ruft Papa. Eine Minute, dann wird er weggezerrt. Er ruft und weint weiter. Papa. Papa. Papa.

20 Minuten später, wir rufen nochmal an, schläft er tief und fest. Die Anstrengung sei sehr groß gewesen, jetzt gehe es ihm aber gut. Er sei in den richtigen Händen.

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Ein Gedanke zu „Auffällige Jugendliche muß man doch einfach wegsperren

  1. Nachtrag der Redaktion: Mittlerweile ist der Bub wieder frei. Gerhard Hofer schreibt dazu: „Er wurde in die Obhut seines Vaters übergeben, weil man unter anderem feststellte: Dass sein Vater ihm die richtige Therapie und das beste Betreuungsmodell angedeihen lässt. Er keine Gefährdung für sich und andere darstellt. Kinder halt manchmal schubsen, weil sie halt Kinder sind.“ Es ist also letztendlich glimpflich abgelaufen. Trotzdem war diese Geschichte abdruckenswert, weil sie zeigt, wie schnell man als unangepaßter Jugendlicher in die Fänge staatlicher Behandlung geraten kann. Und vergessen wird Philipp die Geschichte wohl so schnell nicht.

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