Glosse: Warum ich Strache wählen würde

Natürlich werde ich nie Strache oder die FPÖ auf irgendeiner Ebene wählen. Ich würde einen Strache wählen, wenn er nicht nationalistisch wäre, keine Kreuzritterallüren hätte und aufhören würde, gegen Menschen mit falscher Hautfarbe, Muttersprache oder Religion zu hetzen. Aber dann wäre er nicht mehr der Strache.

Doch das Gedankenexperiment sei gestattet. Denn ich habe jetzt eine ganze Menge an Analysen gehört und gelesen — alle von Strache-Gegnern und alle unbefriedigend. Dabei ist das meiste sehr klug und teilweise richtig. Aber es greift nicht. Ich stelle mir einmal vor, ich wäre kein alter Linker und Antifaschist, sondern jemand der beim Versuch, in der Wahlzelle FPÖ anzukreuzen, keine spontane psychosomatisch bedingte Sehnenscheidenentzündung bekäme. Ich stelle mir vor, ich wäre nur Wutbürger — denn der ist natürlich auch in mir.

Als dieser Wutbürger sehe ich mir die Politik an — nicht nur die Landespolitik oder die Bundespolitik, sondern auch die europäische und globale. Ich sehe mir diese Staatenlenker an, egal ob neusozialdemokratisch oder christlich-neoliberal und höre sie Staatstragendes verkünden. Ich denke mir, schon an ihrer Nasenspitze könne ich ihnen ansehehen, wie sie lügen und betrügen. Vor meinem geistigen Auge laufen da lauter Pinocchios rum, deren einzige Sorge es ist, den ebenso meterlangen Nasen der Mitpinocchios auszuweichen. Das Wort Angela Merkels von der “marktkonformen Demokratie” ist eine der wenigen Aussagen dieser Langnasen, die ich für ehrlich halten kann.

Der Denkzettel

Es stehen Wahlen an. Da präsentieren sich dann wieder die Sozialdemokraten und die Konservativen und sagen: Zwischen uns könnt ihr wählen, das ist demokratisch. Alle anderen sind pfui, weil das sind Populisten und Spinner, die keine Ahnung haben, wie schwierig es ist, zu regieren. Und ich, der Wutbürger, denke mir: Ah, die sagen, die anderen sind pfui? Na, wenn ausgerechnet die das sagen, dann sind diese verschmähten Parteien vielleicht ursuper. Und selbst wenn sie das nicht sind, zumindest mögen die hohen Regierungsvertreter und Staatsparteien diese Schmuddelkinder nicht und ärgern sich, wenn diese gewählt werden. Über welche Partei scheinen sie sich am meisten zu ärgern? Vor welcher Partei fürchten sie sich am meisten? Die nehm ich doch glatt! Das Programm ist mir dabei genauso egal wie die führenden Personen — ich mach den Wahlzettel einfach zum Denkzettel! Weil eine andere Möglichkeit, diesen Leuten meine Meinung zu sagen, so daß sie diese ernst nehmen müssen, hab ich ja nicht.

Es geht hier nicht zuletzt um Würde. Würde? Wieso? Nun: Sozialdemokratie und Konservative versuchen gar nicht mehr den Eindruck zu erwecken, als stünden sie für verschieden Gesellschaftsmodelle. Sie bunkern sich ein in (nicht mehr ganz so) Große Koalitionen, erklären ex cathedra, was gut für das Volk ist und verfügen selbstherrlich, wie denn der Staat zu verwalten sei. There is no alternative — Thatchers Dogma ist, nicht nur was die Ökonomie anbelangt, die einzige Regierungsattitüde, die in der westlichen Welt noch zulässig ist. Gab es früher noch die auch nicht gerade verlockende Wahl zwischen Scylla und Charybdis, so sieht sich der Bürger heute der Einheitspartei der beiden gegenüber, wo er gerade noch aufgefordert wird, einer der beiden eine Vorzugsstimme zu geben. Und nach der Wahl sagt man ihm: Selber schuld, du hast uns ja legitimiert mit deiner Stimme. Und da soll man noch seine Würde bewahren?

Nein, der Wutbürger wird für jene Partei stimmen, die der Herrschaft zumindest dem Anschein nach den meisten Ärger bereitet. Der englische Wutbürger wählt UKIP, der schottische SNP, der österreichische FPÖ, der deutsche AfD und der griechische Syriza. Zugegeben, der griechische Wutbürger hätte da auch eine eigene Partei, die ANEL (die jetzt als Regierungsbeiwagerl agieren darf), aber den Großteil des Grantes hat ja doch der Gottseibeiuns der Troyka kanalisieren können. Das war die Partei, vor der nicht nur die lokalen Staatsparteien ND und PASOK geradezu panisch warnten, sondern auch “ganz Europa”, wie das die hiesigen Zeitungen nannten, sprich: die EU-Regierungschefs und die Gläubiger der griechischen Schulden. Als dann letztlich doch Syriza die Regierung übernehmen konnte und der neue Finanzminister Varoufakis mediengerecht der Troyka den Sessel vor die Tür stellte, ergaben Umfragen, daß weitaus mehr Griechen hinter ihrer Regierung stünden, als Syriza und ANEL gemeinsam an Stimmen bei der Wahl gehabt hatten. Umfragen sind natürlich immer so eine Sache, aber dieser glaube ich, denn das Ergebnis ist logisch: ‘Wir Griechen haben uns jahrelang demütigen lassen, jetzt aber haben wir endlich richtig gewählt und den Bonzen in Brüssel und Berlin gezeigt, was eine Harke ist’ — da entsteht das Gefühl der Rückgewinnung einer nationalen Würde. So ein Gefühl ist natürlich nicht unbedenklich, aber wer will den Griechen deswegen böse sein?

Grant schlägt Geschichte

Eine derartige soziale Devastierung wie in Griechenland haben wir hierzulande noch nicht zu gewärtigen — aber das Gefühl, daß “die da oben” glauben, sie könnten mit “uns” machen, was sie wollten, kennen wir hier auch. Und zumindest teilweise erklärt das den Erfolg der FPÖ. Denn im Prinzip ist der Höhenflug der Partei ja nichts Neues. Vor etwa eineinhalb Jahrzehnten stand die damalige Haider-FPÖ in der Wählergunst etwa dort, wo heute Strache steht. 2000 kam die Beteiligung an der Bundesregierung, die die FPÖ entzauberte, und Jörg Haider selbst führte das Land Kärnten in den Bankrott. Haben die jetzigen FPÖ-Wähler das vergessen? Sind sie so dumm, dem Haider-Nachfolger Strache zu glauben? Sind sie der Ansicht, die Strache-FPÖ wäre nach der Parteispaltung so eine ganz anderer Verein als die Haider-FPÖ? Kaum. Sie denken wohl eher, daß ihnen in diesem Land sonst keine Möglichkeit bleibt, effizient Protest zu formulieren. Und sie wollen nicht mitverantwortlich sein für eine Regierung, die sie doch nur ständig durch den Kakao zieht. Mit Erich Kästner gesagt, wollen sie diesen Kakao nicht auch noch trinken.

Daß in der Steiermark das Wahlergebnis jetzt gar so deutlich ausgefallen ist, ist ebenfalls ein Indiz für ein Bürgerwutsyndrom — denn gerade dort hat man mit der “Reformpartnerschaft” eine alternativenlose Selbstherrlichkeit zelebriert, die sogar für österreichische Verhältnisse in ihrer Borniert- und Betoniertheit auffällig war.

Als Linker kann ich nur den Kopf darüber schütteln, daß soviele die FPÖ angekreuzt haben. Ich hätte wohl — bei aller Detailkritik — die kommunistische Protestpartei gewählt.

Aber der Wutbürger in mir kann die FPÖ-Wähler gut verstehen.

Bernhard Redl

Aus: akin 14/2015. Radiofassung: http://cba.fro.at/288821

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