Schani Margulies 1939-2015

Schani, ohne Dich wird es schwer!

Ich bin Schani Margulies vor genau 61 Jahren, im Herbst 1954, zum ersten Mal begegnet. Da habe ich in der Firma Brown Boveri in Favoriten meine Lehre begonnen. Schani, ein Jahr älter, hatte dort sein erstes Lehrjahr als Elektriker hinter sich und war schon der Leiter der Betriebsgruppe der Freien Österreichischen Jugend. Wir waren beide Söhne kommunistischer Eltern und die Sowjetunion war damals für uns so was wie ein Heimatland gewesen. Unsere Eltern haben gegen den Austrofaschismus gekämpft und den 2. Weltkrieg im Widerstand gegen das verbrecherische Naziregime überlebt. Ihr angestrebtes Ziel war ein sozialistisches Österreich. Wenn auch die ersten freien Wahlen 1945 in Österreich für die KPÖ und unsere Eltern eine große Enttäuschung waren, hielten sie an ihrem Ziel fest. Schanis und meine Eltern haben sich nicht gekannt, aber ich weiß, dass sie wie die meisten Kommunisten damals der Meinung waren, dass wir, ihre Kinder, den Sozialismus im eigenen Land erleben werden. Das haben sie uns vermittelt und dass wir etwas dafür tun müssen.

Und das haben wir getan. Schani immer ein bisschen ernsthafter, konsequenter und auch lernbereiter als ich. Aus einer Akademikerfamilie stammend, war Schani der Weg zum Studium vorgezeichnet, aber er wollte der Arbeiterschaft näher sein und hat sich nach der Unterstufe für eine Elektrolehre entschieden. Doch es reichte ihm nicht. Fast gleichzeitig mit dem Lehrabschluss maturierte er extern und begann später auch ein Studium. Aber die Politik war und blieb seine große Leidenschaft. Nach einigen Umwegen in der Privatwirtschaft landete er als noch vor seinem 30. Lebensjahr als Funktionär bei der KPÖ und schaffte es bis zum Mitglied des Zentralkomitees. Allerdings hatte er damals schon, wie die meisten von uns, die Illusionen über den Sieg des Sozialismus in Österreich, die führende Rolle der KPÖ und vor allen über die Unfehlbarkeit der sowjetischen Führung verloren. Die schweren Verbrechen während der Stalinzeit in der SU, die brutale Niederschlagung von oppositionellen Arbeiter- und Demokratiebewegungen in der DDR, Ungarn, Polen und neue theoretische und strategische Überlegungen in den Kommunisten Parteien des Westens haben bei uns jungen Kommunisten auch in Österreich große Diskussionen ausgelöst. Schani war uns oft im Denken voraus und für manche von uns so eine Art Lehrmeister. Er vermittelte uns auch die theoretischen Schriften italienischer und französischer kritischer Marxisten und vor allem die der österreichischen Genossen Ernst Fischer und Franz Marek. Diese und auch die Jungen mit Schani an der Spitze erreichten in der KPÖ eine beachtliche Demokratisierung und Öffnung zu anderen linken Strömungen im Land. Es war die Zeit der Ostermärsche und der Solidaritätsbewegungen mit Vietnam und anderen sich erhebenden Völker im sogenannten Trikont. Kritik, im solidarischen Sinne, an der aktuellen Politik der sowjetischen Führung war in der KPÖ üblich. Die alten Altstalinisten in der KPÖ, die es noch gab, auch in der Führung, waren verstummt, nur manchmal war ein leises Murren über die neue Politik zu hören. Manche von uns glaubten schon, es gäbe sie nicht mehr oder wir hätten sie überzeugt. Schani war weitsichtig. Ich erinnere mich, er hat uns oft gewarnt. Sie nennen uns Reformer und das ist für sie ein Schimpfwort, wir müssen wachsam sein. Und dann kam der 21. August 1968, der Schanis Leben und das vieler anderer von uns nachhaltig veränderte. Die sowjetischen Panzer walzten den von der Kommunistischen Partei der CSSR eingeleiteten Demokratisierungsprozess, den Prager Frühling, nieder. Jetzt war es für Schani klar, jetzt muss sich jeder Linke, jeder Revolutionär entscheiden ist er für Sozialismus oder für die Sowjetpanzer? Und Schani entschied sich und er hatte einen Riesenanteil daran, dass sich die meisten jungen österreichischen Kommunisten auch so wie er gegen die Panzer entschieden.

Die Altstalinisten in der KPÖ waren noch immer verstummt. Noch im Spätsommer und Herbst 1968 wurden in allen Gremien der KPÖ Resolutionen und Protestaktionen gegen die Sowjetische Invasion in der CSSR mit großer Mehrheit beschlossen. Aber die Sowjetgetreuen waren nur verstummt, nicht untätig. Mit enormem Propagandamaterial aus der DDR, jeder Menge Geld, viel Verleumdung, Lügen und hemmungslosen Versprechen drehten sie im Lauf des Jahres 1969 die Mehrheitsverhältnisse in der KPÖ. Fast das halbe Zentralkomitee, alle Reformer, viele Gewerkschaftler und die meisten Jungen, allen voran Schani, wurden aus der Partei ausgeschlossen oder gingen vorher von selbst. Die KPÖ wurde zu einer bedeutungslosen, vom Ostblock abhängigen und finanzierten Kleinstpartei.

Für Schani, für mich und die anderen Angestellten der FÖJ und etliche ältere Genossen bedeutete das auch den Verlust des Arbeitsplatzes. Wir mussten uns Arbeit suchen und gleichzeitig galt es noch vorhandene politische Strukturen zu erhalten bzw. aufzubauen. Dabei war Schani unermüdlicher Vorkämpfer und Mutmacher. Sein Optimismus, seine Leidenschaft und seine Organisationserfahrung waren dafür verantwortlich, dass wir als FÖJ – Bewegung für Sozialismus eine Infrastruktur mit Lokalen in Wien und dem Badegrundstück am Neufeldersee erhalten konnten. Schani wurde der erste Vorsitzende der FÖJ-BfS diese Beifügung haben wir uns gegeben, um unser „Erwachsenwerden“ zu betonen. Vieles hat sich verändert, aber die AKIN und der Strand am See sind auch heute, nach 56 Jahren, goutierte Elemente einer linken Szene. Rückblickend muss ich erkennen, dass uns Schani sehr oft im Denken einen Schritt voraus war. Er war es, der sich für die enge Kooperation von linker Gewerkschaftsbewegung (GE, später AUGE), den marxistischen Theoretikern vom TAGEBUCH und uns, den doch noch jungen, linken Aktivisten einsetzte. Ich glaube, Schani gehörte auch zu denen, die sehr früh unseren eher blinden Technikglauben und die Vorteile des Atomstroms in Frage stellte und uns damit für „grüne“ Themen sensibilisierte. Die 1970er, 1980er und 1990er Jahre waren spannende Zeiten. Wir haben als offensiv links in Wien zum Nationalrat kandidiert und mussten unsere diesbezügliche Schwäche zur Kenntnis nehmen. Wir mischten irgendwie mit bei der Friedensbewegung, der Solidarität mit Vietnam und mit den Befreiungskämpfen in Afrika und Lateinamerika, am Rande der Frauenbewegung, im Antifaschismus, erlebten die Umwälzungen in den Beziehungen der Geschlechter, gewerkschaftliche Kämpfe, Hausbesetzungen, Alternativbewegung, Autonomiebewegung und letztlich die erste Grüne Kandidatur zum Nationalrat. Und immer war Schani dabei und meist ganz vorne, aber immer überlegt, nachdenklich, diskussionsbereit, kritisch und selbstkritisch. Wenn sich wer nicht auskannte, hieß es oft: Frag den Schani.

Trotz aller Veränderungen und manchen Irrungen, Schani wusste, dass der Kampf um soziale Rechte nach wie vor ein Klassenkampf ist – auch wenn das Wort heute bei manchen verpönt ist. Diese Überzeugung hat ihn folgerichtig zur Gewerkschaftsarbeit gebracht, er wurde ÖGB-Sekretär und war von 1981 an zehn Jahre als Vertreter der GE im ÖGB-Vorstand. Sein ständiger Einsatz für echte Demokratie und sein frühes Erkennen der Bedeutung der Ökologie führten zu seiner bedeutenden Mitwirkung am Entstehen der Grünen Partei. Als die Grüne Alternative mit Freda Meissner-Blau an der Spitze 1986 ins Parlament einzog, gab es die Grüne Partei noch gar nicht, musste erst aufgebaut werden. Besonders wichtig war das für Wien, wo im Jahr darauf Landtags- Gemeinde- und Bezirksratswahlen anstanden. Schani war beruflich an den ÖGB gebunden, mir fiel die Aufgabe zu, bezahlt und ganztägig mit einer zweiten Angestellten und vielen Ehrenamtlichen eine Wiener Grüne Landesorganisation aufzubauen. Schani war von Anfang an mit großer Begeisterung und Überzeugungskraft dabei. Ohne ihn hätten wir es bei weitem nicht so gut geschafft. Es war allerdings eine Enttäuschung, dass wir dann zwar in allen 23 Bezirken mit insgesamt über 50 Mandaten in allen Bezirksvertretungen, aber nicht im Wiener Gemeinderat saßen. Zum Einzug in das Rathaus fehlte uns ein halbes Prozent der Stimmen. Und wieder waren es Schani und seine legendären Analysen, die den nötigen Optimismus zum Weiterkämpfen verbreiteten. 1991, vier Jahre später, war es soweit, wir hatten uns auf 9,1% verdoppelt und zogen mit 7 Mandaten in Gemeinderat und Landtag ein. Konsequent wie Schani war, legte er mit dem Einzug in den Gemeinderat seine ÖGB-Funktionen zurück. Er hat immer die Auffassung vertreten, dass eine Funktion in der überparteilichen Gewerkschaft und ein Mandat einer politischen Partei unvereinbar sind und zwei Gehälter sowieso. Die nächsten fünf Jahre war Schani im Grünen Rathausklub das linke soziale Gewissen der Partei und das war gut so. Und notwendig. Gut auch, dass er im Klub NachfolgerInnen hat.

Schani hat uns immer wieder daran erinnert, dass der Niedergang der staatlichen kommunistischen Systeme und das Scheitern kommunistischer Parteien, nicht bedeutet, dass der Kapitalismus das bessere System ist, nicht bedeutet, dass er sozial, demokratisch, friedlich, umweltschonend und menschlicher geworden ist. Im Gegenteil, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ist er noch gieriger, gefährlicher, menschenverachtender und hemmungsloser geworden. Die letzten beiden Jahrzehnte haben dies deutlich gezeigt. Nur durch den ständiger Kampf um soziale Gerechtigkeit, um Erhalt wenn schon nicht Ausbau der demokratischen Rechte, gegen Ausbeutung, Umweltzerstörung, Rassismus und Kriege ist das Leben im Kapitalismus einigermaßen erträglich für die Mehrheit der Menschen. Und das auch nur in den hochentwickelten Ländern der Weißen Welt.

Auch wenn der Name Sozialismus in Misskredit gekommen ist, braucht die Welt eine Alternative zum Kapitalismus. Schani hat das gewusst und bis zu seinem letzten Atemzug bei jeder Gelegenheit gesagt und genauso leidenschaftlich wie klug und verständlich argumentiert. Das ist und bleibt das große Verdienst des Jean Schani Margulies.

Schani war nicht nur Politiker und Kämpfer, er war auch ein Familienmensch. Meine Gedanken sind jetzt bei seiner wundervollen Frau und Gefährtin Uschi und seinen prächtigen Söhnen Peter und Martin. Mit ihnen teilen wir unsere unendliche Trauer.

Und Schani, mein Freund und Genosse, ich kann es nicht anders sagen: Der Kampf geht weiter, auch wenn er ohne dich schwerer sein wird.

Herbert Sburny

Advertisements

3 Gedanken zu „Schani Margulies 1939-2015

  1. die favoritner füchsInnen lieben dich… die bruni und der richard haben mich, die (tochter) ulli, beauftragt, euch und uns allen beileid zu wünschen- wir haben dich ewig lang gekannt, mit dir gestritten und gelitten, gezagt & geklagt… und vor allem immer, immer, immer.. uns echt gern ghabt, uns respektiert, uns unterstützt… gegen die depperten da oben… oiso: hasta la…. liebster jean, wir bemühen uns, in erinnerung deines trachtens uns würdig zu erweisen.. klingt alles deppert… wir tun unser bestes!!! liebster schani, wir denken an dich. und dann gibt´s noch was: du kannst stolz sein auf deine buam!!! und noch was privates: vielleicht taunz maran buugi in dar nextn wööt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s