Fragen über Fragen – Warum ein Interview kein Kommentar sein sollte

Der Schweizer Psychoanalytiker Aron Bodenheimer hat sich sehr ausführlich mit der Frage beschäftigt. Nein, nicht mit der „Frage nach…“ sondern mit dem Fragen an sich. In seiner Schrift „Warum? Von der Obszönität des Fragens“ führt er als sehr frühes Beispiel einer niedergeschriebenen Frage jene Stelle im 3.Kapitel der Genesis an, wo Gott fragt: „Wo bist du, Adam?“ Als ob Gott, der Allwissende, das nicht wüßte! Danach will Gott auch noch wissen: „Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“ Das sind aber alles keine Fragen im eigentlichen Sinne. Gott weiß das alles und er weiß auch, warum sich Adam so schämt, daß er sich verstecken will. Bodenheimer: „In dieser Episode kommt zum erstenmal das Fragen ins Bewußtsein des Menschen: das Fragen als zunächst verhülltes Beschuldigen; als Präludium des Paradiesfluches. Als Beginn der Geistesgeschichte.“

Ganz ähnlich sieht Bodenheimer auch die Frage: „Liebst Du mich?“ Denn eine solche Frage bedeute ja, daß „sie die ’nein‘-Antwort antizipierend ausschließt. Dieser obszöne Trick macht eine Frage zur Waffe aus dem Hinterhalt.“

Derlei sind keine echten Fragen. Da will niemand etwas wissen. Vielleicht sind es rhethorische Fragen, aber die Frage gehört nun mal ursächlich in den Bereich der Dialektik und nicht der Rhethorik. Wer etwas im eigentlichen Sinne fragt, will eine Antwort hervorrufen, sprich: provozieren. Daher ist nur eine provokante Frage eine Frage.

Warum kommt mir das jetzt in den Sinn? Nun, weil „Was hat jemand wie Sie im österreichischen Parlament verloren?“ eben keine Frage ist. Vielleicht ist das, was da ORF-Interviewer Armin Wolf der seltsamen Nationalratsabgeordneten Susanne Winter entgegengeschleudert hat, ein Vorwurf oder eine Rücktrittsaufforderung.. Vielleicht ist es auch ein Kommentar, der nicht an die Interviewte sondern an das Publikum gerichtet ist, und meint im Klartext: „Winter hat nichts im Parlament verloren!“ Das wäre eine Feststellung oder sogar ein Imperativ, aber sicher keine Frage.

Der Ex-Grünpolitiker Johannes Voggenhuber hat diese Frage als „Lynchjustiz“ gebrandmarkt, weil Wolf das freie Mandat damit in Frage gestellt habe. Darum geht es hier zwar nicht, doch im Zuge dieser Debatte verwies Armin Wolf mehrmals auf einen Text seines verstorbenen Kollegen Hans Benedict, der gemeint hatte, ein Interviewer solle sich nicht selbst zum „Mikrophonhalter“ degradieren. Benedict schrieb aber in diesem von Wolf zitierten ORF-Schulungsmanuscript auch: „Das echte Gesprächsinterview verlangt immer nach einer gewissen Spannung zwischen Fragern und Befragten — diese darf aber weder vom Ton noch vom Inhalt her den Anschein der Feindseligkeit enthalten.“ Halte — so Benedict weiter — der Interviewer dem Interviewten „Argumente oder gar polemische Beschuldigungen vor, die für das Publikum erkennbar Gedankengut von Gegnern des Interviewten sind, so ist strenge Zitierung und indirekte Fragestellung am Platz. (…) Keinesfalls soll der Interviewer die jeweilige politische Polemik ‚adoptieren‘. Tut er dies, wird er vom Publikum natürlich als Gegner des Interviewten qualifiziert.“

Wenn auch Wolf sich 2015 auf Benedict beruft, der diesen Text 1973 geschrieben hat, so hat sich generell einiges seither im ORF geändert. Nicht zuletzt Wolf ist es zu verdanken, daß im Staatsfernsehen heute Interviews häufiger mit einer erhöhten Aggressivität geführt werden, was man als erfreuliche Entwicklung betrachten kann. Und man muß einem Journalisten auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugestehen, daß er seiner Meinung Ausdruck verleihen darf und sie nicht immer hinter einer bemühten, aber nie realisierbaren „Objektivität“ verstecken muß. Das ist auch deswegen wichtig, weil diese Meinung damit angreifbar und diskutierbar wird, was bei der sonst üblichen Produktion einer Sphäre von angenommenen Selbstverständlichkeiten nicht so leicht möglich ist. Das Problem dabei: Der explizite Kommentar wird in den Nachrichtensendungen des ORF kaum gepflegt. Wenn, dann ist das eine „Analyse“, die aus Banalitäten besteht, die niemandem wirklich wehtun.

Wolf will aber wehtun. Doch er steckt nicht in der Rolle des Kommentators sondern in der des Interviewers. Also will er mit Fragen wehtun. Oft sind das Fragen, mit deren Beantwortung der Interviewte sich schwer tut. Und das ist gut so. Wolfs Interviewtechnik ist an sich vorbildhaft. Nur: Wenn Wolf Fragen stellt, die keine sind, weil nicht beantwortbar, wird es problematisch. Dann kommt eine dezidierte Meinungsäußerung im Kleid der bescheidenen, wißbegierigen Frage daher. Nicht nur wird dadurch aber das Interview als solches zerstört, weil keine Diskussionsbasis mehr vorhanden ist, sondern diese „Frage“ wird zu dem, was Bodenheimer als „Waffe aus dem Hinterhalt“ bezeichnet.

Vielleicht sollte man sich im ORF überlegen, ob man nicht auch deklarierte prägnante und kontroversielle Kommentare zulässt und sich dafür in Interviews auf das Provozieren von Antworten beschränkt. Das wäre sauberer.

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