Stellungnahme in der Jebsen-Debatte

(Zum Leserbrief von Herbert Faltynek auf meinen Bericht über die Ausladung von Ken Jebsen)

Es ist tragisch, daß politische Inhalte derart häufig an Personen festgemacht werden; und danach diese Inhalte fast völlig aus der Debatte verschwinden und überhaupt beinahe nur mehr über die Person geredet wird. Aber so ist das halt in unserer televisionären Gesellschaft, also muß man sich mit der Person Ken Jebsens und der Debatte um ihn auseinandersetzen.

Herbert Faltynek ist offensichtlich entgangen, daß mein Artikel – entgegen meinem sonstigen Stil – bemüht lege artis rein faktenjournalistisch geschrieben ist. Ich wollte zu den Geschehnissen ganz bewußt keine Meinung äußern, weil das dann hauptsächlich Kommentar einer sehr vertrackten und bisweilen hysterischen Debatte geworden wäre. Der Leser sollte in diesem Fall einfach nur erfahren, was passiert ist. Meine Hoffnung war dabei, daß vielleicht Reaktionen kommen, die zur Diskussion beitragen. (Die Hoffnung war ja offensichtlich nicht unberechtigt.)

Wobei ich anmerken muß, daß ich es sonderbar finde, daß es mittlerweile schon für Empörung sorgen kann, wenn man keine deklarierte Meinung zu einem Thema in einem Artikel zum Ausdruck bringt. Diese Bekenntniszwang in der Linken wäre alleine schon mal eine Glosse wert.

Ich habe auch schon ein Feedback aus der KPÖ bekommen, warum ich denn nicht klar erwähnt hätte, daß diese die Jebsen-Veranstaltung in der „Gussi“ unterbunden hätte. Und da habe ich darauf geantwortet, daß ich erstens diese Info nicht definitiv hatte und zweitens die Ausladung gar nicht mal für eine so lobenswerte Aktion der KPÖ halte. Ich glaube nämlich nicht, daß dieser Bannstrahl gegen Jebsen politisch so leicht rechtfertigbar ist. Ich habe mich recht ausführlich mit Jebsen beschäftigt und mir auch via Youtube Beiträge von ihm reingezogen. Und ja, ich habe auch meine Schwierigkeiten mit Jutta Ditfurth, Henryk Broder und Co. Bei Ditfurth finde ich deren Verhalten besonders schade, schließlich hat sie ja durchaus ihre Meriten.

Jebsen ist wohl kein Linker, sondern eher ein bürgerlicher „Wutbürger“. Und ihm fehlt die Sensibilität, zu erkennen, daß Hitlervergleiche oder bestimmte Aussagen zum Staat Israel nach dem Trauma der Shoah unzulässig sind – weil sie als antisemitisch oder Naziverharmlosungen gelesen werden können und auch von manchen so gelesen werden. Das belegen Aussagen von dezidiert rechtsextremen Jebsen-Fans. Allerdings ist Jebsen auch meilenweit davon entfernt ein Nazi zu sein. Das wird klar, wenn man sich seine Aussagen beispielsweise zu PEGIDA anhört, die darin gipfeln, daß er bei diversen Postings aus dieser rechten Szene konstatiert: „Das muß Satire sein“ – weil er es nicht fassen kann, wie blöd diese Leute sind. Das wird auch klar, wenn Jebsen der deutschen Politik erklärt, was ein Flüchtling ist und daß diese Menschen nicht nach Deutschland kommen, weil sie mal woanders leben möchten, sondern weil sie aus Angst um ihr Leben davonlaufen. Und wenn er dann noch meint, daß diese Menschen nicht zuletzt vor Soldaten mit deutschen Waffen flüchten müssen, dann kann man das vielleicht als polemisch oder verkürzt ansehen, aber es ist weder völlig falsch noch in irgendeiner Weise auch nur rechts, geschweige denn rechtsextrem.

Es geht mir hier gar nicht mal so sehr um Jebsen. Das ist ein Journalist und Agitator, der viel in deutschen Debatten präsent ist, aber weder zur Theoriebildung noch zur Frage, wie linker Widerstand gegen den neoliberalen Irrsinn zu organisieren wäre, irgendwie von großartiger Bedeutung ist – hierzulande noch weniger als in Deutschland. Ein Promi halt.

Aber daß eine linke Gruppe in Wien mit Jebsen diskutieren wollte und das –
wenn ich die Aussendung von AIK und OKAZ richtig verstehe – durchaus mit einem sehr skeptischen Ansatz, heißt für mich, daß Diskussionsbedarf von Linken gesehen worden ist. Und da finde ich es tatsächlich schade, wenn solche Gesprächsmöglichkeiten unterbunden werden. Nur weil irgendjemand Jebsen als Nazi deklariert hat und dieser keine Unbedenklichkeitsbescheinigung von Ditfurth oder Broder vorweisen kann, heißt das ja noch lange nicht, daß ein solches Verdikt allgemein zu akzeptieren ist. Aus lauter Panik, selbst als Naziversteher gebrandmarkt zu werden, unterbindet man gleich alles, was auch nur irgendwie irgendwer als Rechtsblinken verstehen könnte.

Und weil man das nicht oft genug wiederholen kann: Wir bekommen gerne Leserbriefe.

Bernhard Redl
(Gekürzte Version des Debattenbeitrags aus der Druckausgabe 24/2015)

*

Anmerkung:

Die zweite Veranstaltung in Wien mit Jebsen wurde übrigens von Stefan Bartunek und seiner „Gruppe 42“ organisiert. Bartuneks hymnische Anmoderation seines Stargasts nebst prinzipiellen Überlegungen zum Thema Kunst und Kommunikation ist nachzulesen unter: http://gruppe42.com/2015/11/05/kunst-leidenschaft-und-reaktionaere-oder-wie-ich-ken-jebsen-anmoderiere/

Ein Video von der Veranstaltung gibt es unter dem Titel: „Gruppe42 zeigt: Ken Jebsen über Medien und Manipulation – Der Sturz des Meinungsmonopols (exklusiv)“ auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=ogTkaxWWdnA (1h, 28 Minuten, leider mieser Ton)

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