Rubrik VERWORTET: „Lumpenproletarier“

„Es ist nicht die große Menge der Ingenieure, sondern es ist eher das Lumpenproletariat, das hier nach Österreich kommt.“ Also sprach Dagmar Belakowitsch-Jenewein, FPÖ-Nationalrätin, in Bezug auf die Flüchtlinge in der ZiB24. Ihre grüne Kollegin Alev Korun konterte: „Den Begriff finde ich Ihrer unwürdig, sie sind Abgeordnete des Parlaments. Ich würde Sie bitten, alle Menschen mit Respekt zu behandeln.“ Belakowitsch darauf: „Das ist ein ganz normaler Fachbegriff. Übrigens geprägt von Karl Marx, der Ihnen wahrscheinlich näher steht als mir.“

Ganz unrecht hat die Efflerin damit nicht. Der Bezug auf die Flüchtlinge, speziell die syrischen, dürfte zwar inhaltlich eher falsch sein – das mit dem Fachbegriff aber nicht.

Also ich hätte nicht gedacht, daß dieser alte Begriff einmal in dieser Kolumne auftauchen wird, weil halt mittlerweile völlig ungebräuchlich erscheinend. Doch wenn man ein wenig googled, findet man schon ein vermehrtes Auftreten des Wortes in letzter Zeit – in recht unterschiedlicher Verwendung. Daß die FPÖ auf diesen Begriff kommt, kann vielleicht auch damit zusammenhängen, daß er von linker Seite hie und da auf rechtsnationale Wutbürger angewendet wird, viele davon FPÖ-Wähler. Es kann aber auch aus der Ecke der Akademiker-Burschen kommen, die gerne von überall Begriffe übernehmen, die ihnen taugen – und es wahrscheinlich auch noch lustig finden, daß Marx diesen Begriff geprägt hat.

Üblicherweise bin ich ja der Meinung, daß man sich von der Rechten keine Begriffe kapern lassen dürfe, aber im Fall des „Lumpenproletariats“ muß man sagen: Den könnt ihr ruhig haben! Denn hier gibt es keine Umdeutung, der Begriff war von Anfang Ausdruck eines arrogant-autoritären Denkens. In seiner Geiselung des Lumpenproletariats als bonapartistische Fußtruppen faßte Marx 1951 diese Bevölkerungsgruppe wie folgt auf: „Neben zerrütteten Roués [etwa: „Wüstlinge“, „ausschweifende Lebemänner“] mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni [obdachlose Tagelöhner], Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus [Zuhälter], Bordellhalter, Lastträger, Literaten
[„Schreiberlinge“], Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen“.

Offensichtlich meinte also Marx tatsächlich nicht, dies wären einfach Proletarier in Lumpen (denn mehr als Lumpen hatten auch andere Proletarier damals oft nicht als Bekleidung) sondern sie wären selbst Lumpen. Marxens Einschätzung als Klasse von miesem Charakter rührt zum einen aus zutiefst bürgerlichen Vorurteilen, da viele dieser Underdogs zu Tätigkeiten gezwungen waren, die der Staat als illegal oder das Großbürgertum als unmoralisch ansah, zum anderen aus der Frustration darüber, daß es da eine Klasse gab, die zwar pauperisiert, aber aufgrund ihrer Heterogenität nicht organisierbar war. Und das Übelste daran: Viele aus dieser Klasse waren auch noch stolz darauf, sich ein wenig Selbständigkeit unter den Bedingungen des klassischen Spätkapitalismus erhalten zu haben und nicht völlig in der von Marx selbst so gegeiselten Maschinerie der entfremdeten Arbeit aufzugehen. Wie soll man jemanden vom Joch der Sklaverei befreien, der dieses Joch nur so schlampig trägt und sich zwar ausbeuten läßt, aber eben nicht standesgemäß? Proletarier aller Länder vereinigt Euch – jo eh, aber diese Individuen stören dabei ziemlich. Somit gehört dieser Begriff zu jenen, die erst den autoritären Marxismus möglich gemacht haben: Die Arbeit hoch, aber nur die der Fabrikarbeiter, die zu einer ordentliche Masse zusammenschließbar sind, um als revolutionäres Subjekt zu dienen.

Wenn auch nicht deckungsgleich mit Marx‘ Liste so ist die Gruppe des „Lumpenproletariats“ vergleichbar mit jener ähnlich schwer abgrenzbaren Klasse oder auch Schicht, die man heute mit „Prekariat“ tituliert. Dann ist es aber vielleicht auch besser verständlich, warum sich die Gewerkschaften bis heute damit schwertun, sich um diese Gruppe arbeitender (oder eben auch häufig arbeitsloser) Menschen zu bemühen. Die Verwendung des Begriffs durch die FPÖ könnte dabei hilfreich sein, einmal über dieses Thema nachzudenken. Bernhard Redl

(1) [Zitiert nach: MEW, Band 8, „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, S. 160-161, Dietz Verlag, Berlin/DDR, 1960;
http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_159.htm; redaktionelle Erläuterungen in eckigen Klammern]

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