VERWORTET: „Radikalisierung“

[ Audio-Fassung: http://akin.mediaweb.at/radio/akin2015-26-wort-radikalisiert.mp3 ]

Also das „radikal“ was mit der Radix, der Wurzel, zu tun hat, ist ja ein alter Hut. Wenn man von den „Freien Radikalen“ mal absieht, die zwar auch recht aggressiv sind, aber halt eher in die Biologie und Chemie gehören, war etwas oder jemand „radikal“ lange Zeit ein Begriff dafür, ein Problem bei der Wurzel zu packen. Daß man sich daran erinnert hat, ist wohl auch ein Grund dafür, daß seit etlichen Jahren das Wort „extremistisch“ statt „radikal“ im Gebrauch steht. Der heutige „Extremist“ ist dabei genauso zumindest potentiell gewalttätig wie der „Radikale“ zu verstehen – so versteht man den Begriff nicht nur im Boulevard und am Stammtisch, sondern mittlerweile auch in den „Qualitätszeitungen“ und auf Universitätskanzeln. So etwas wie „radikalpazifistisch“ wird landläufig beinahe schon als Oxymoron angesehen. „Radikale“ und „Extremisten“ sind immer gewalttätig. Punktum! Das ist so wie mit den „Anarchisten“, die sind das auch prinzipiell, weil sie so gerne Bomben schmeissen. Außer in der Kulturberichterstattung, da darf ein Künstler schon mal Anarchist oder Extremist sein, das gilt dann als Lob.

Aber „radikal“ war eben im politischen Bereich beinahe schon am Aussterben. Doch die Rettung des Begriffs erfolgte durch die „Islamisten“ – die vor zwanzig Jahren selbst noch ganz harmlose Islamwissenschaftler waren. (Ich warte noch darauf, daß radikale israelische Siedler als „Judaisten“ bezeichnet werden – aber das kommt schon noch. Auf „Christisten“ werden wir aber wohl bis zum St.Nimmerleinstag warten müssen, weil das holpert doch zu sehr.)

Zurück zu den „Radikalen“ – oder besser „Radikalisierten“. War zu Anfang noch von „radikalisierten Muslimen“ die Rede, wird das jetzt überhaupt verkürzt: „Schütze von San Bernardino hatte sich radikalisiert“ lautete kürzlich die Schlagzeile im „Kurier“; in der „Kleinen Zeitung“ hieß es zur selben Geschichte: „Angreifer von San Bernardino möglicherweise radikalisiert“. Ergo ist „radikal“ oder eben „radikalisiert“ nicht mehr ein Synonym für „gewaltbereit“ (im staatlich nicht sanktionierten Sinne natürlich) alleine, sondern für „muslimisch-gewaltbereit“.

Die Sprache der Medien verkürzt natürlich – und Headlines sind da noch brutaler oder „radikaler“ in der Verkürzung als die Kurzmeldungen auf Twitter. Dennoch: Was hat die fundamentale Herangehensweise an ein Problem mit gewalttätigen Verrückten zu tun, die sich auf Gott berufen? Noch dazu, wo deren Ideologien gar nicht radikal oder „fundamentalistisch“ sind, sondern vor Widersprüchen nur so strotzen…

Weil mittlerweile bin ich auch radikalisiert: Wenn das Wort „radikalisiert“ in einem Zeitungstext in dieser Verwendung vorkommt, lese ich einfach nicht mehr weiter. Da bin ich von jetzt an radikal.
-br-

 

In der Rubrik VERWORTET stellt die akin jede Woche ein Wort oder eine Phrase vor, deren allgemeiner Gebrauch nicht ganz koscher ist. Wer dabei mitmachen will, schicke uns ein Wort und dessen Gebrauchskritik an akin.redaktion@gmx.at

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