Liebe deinen Wutbürger!

Roland Düringers Partei ist eine Catch-All-Party. Sie beruht auf der Stimmungslage, die die klassischen Staatsparteien befördert haben. Und sie zeigt, wie der scheindemokratische Konsens in der Mitte unserer Gesellschaft erodiert. Doch diese Erosion ist nicht prizipiell schlecht. Eine Antwort auf Christoph Baumgarten (balkanstories.net).

Vieles, was Christoph Baumgarten in seinem Anti-Düringer anspricht, ist völlig richtig. Nur: Deswegen ist Düringers Projekt noch lange nicht rechts. Der Unmut, den Düringer formuliert, ist diffus. Aber dieser Unmut ist bereits in der Gesellschaft; Düringer fördert ihn nicht, er präsentiert ihn. Dabei geht ihm natürlich die Dialektik ab. „Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebene Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebensowenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehen ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil sie diejenige des sogenannten gesunden Menschenverstandes ist.“ Man entschuldige, wenn ich da jetzt etwas bonmothaft aus dem „Anti-Düring“ von Friedrich Engels zitiere, aber dieses Zitat kann man sowohl als eine Zusammenfassung von Christophs Text sehen als auch eine Kritik an diesem.

Düringer = FPÖ = böse

Die Gleich- oder zumindest Nahestellung mit der FPÖ ist nicht grundfalsch. Nur: Das was Düringer mit der FPÖ verbindet, sind nicht die schlechtesten Aussagen der FPÖ. Diese Nahestellung zur FPÖ diffamiert Düringer nur, wenn man die FPÖ als grundböse und alle ihre Aussagen als generell falsch ansieht. Tatsächlich formuliert die FPÖ — entgegen ihrer wirklichen Inhalte, die man aber nur in Burschenschafterschriften findet oder in der Praxis, wo FPÖler tatsächlich Regierungsverantwortung tragen — sozialen Protest. Dieser strotz zwar vor Vereinfachungen, ist aber eben nicht grundfalsch. Düringer greift denselben Unmut auf, ja, aber dieser Unmut ist weder in allen Fällen abzulehnen noch von Düringer erfunden.

Düringers Partei ist jetzt der große Hype, wird aber wahrscheinlich nicht die österreichische Parteienlandschaft umwälzen. Aber es ist ein Anhaltspunkt, sich mit diesem Unmut zu beschäftigen, den man eben nicht der extremen Rechten überlassen darf. Wenn Düringers Wischi-Waschi-Grant-Partei jetzt so beliebt ist, riecht die Kritik der Linken an ihm auch ein bisserl nach Eifersucht. Denn diese Linke verkiefelt es schwer, daß da jemand als Ein-Mann-Show mehr Publicity zusammenbringt als sie selbst. Die Unfähigkeit unserer Linken, Ähnliches auf die Beine zu stellen liegt sicher auch an komplizierten Inhalten und immer noch nachwirkendem Antikommunismus. Aber vor allem liegt es an unserer Unfähigkeit, den Verlierern und vor allem denen mit Existenzängsten sowie auch jenen, denen das Unbehagen in der Kultur unerträglich wird, ein Narrativ anzubieten.

Düringer spricht alle an. Damit ist er Spiegelbild der heutigen Politik, die eben — wohlgemerkt: in ihrer öffentlichen Darstellung — nicht mehr so stark von Klientelvertretung geprägt ist und für die Ideologie als pfui gilt. Regierungspolitik ist heute nicht mehr, den Staat nach Überzeugungen umzugestalten, sondern eine Verwaltung nach Sachzwängen zu organisieren, die als unveränderbar gelten. Oppositionspolitik ist, daß die Regierung alles falsch macht. allerdings ebenfalls, ohne jene Sachzwänge in Frage zu stellen. Die Inhaltslosigkeit Düringers beruht genau auf diesen „postpolitischen“ Verhältnissen. Sein Narrativ ist diffus und beruht natürlich auch auf Gefühlen. Es ist das Gefühl, einsortiert, gezählt, abgestempelt, überwacht, gegängelt und funktionalisiert zu werden. Dieses Gefühl hat aber in unserer durchorganisierten Gesellschaft seine Berechtigung und es ist auch nicht ganz unverwandt mit der Kritik an der entfremdeten Arbeit oder ganz allgemein an der Entfremdung. Unser Gesellschaftswesen schreibt zwar alles vor mittels Gesetz oder Moral, erklärt einem aber immer häufiger, daß man selber schuld ist, wenn man auf die Goschen fällt. Der Sozialstaat wird demontiert und dafür der Polizeistaat aufgebaut und mehr noch die Polizeigesellschaft. Zur Ablenkung davon gibt es das Spektakel und die Konsumvertrottelung. Aus Düringers vagen Andeutungen kann man die Kritik an diesen Entwicklungen herauslesen. Seine Inhaltslosigkeit ist nicht links. Stimmt. Dazu gehört schon ein bisserl mehr. Aber was ist daran, bitte, „rechts“?

Rinks und Lechts

Die Begriffe links und rechts verschwimmen immer mehr im sich als links verstehenden Diskurs — heute ist ein jeder, der oppositionelle Inhalte formuliert, gleich rechts, wenn er nicht eindeutig links ist. Und eindeutig links ist man heute nicht mehr, wenn man sich an einer materialistischen Weltanschauung orientiert, die Entmachtung des Kapitals fordert, sich in Dialektik übt und den militärisch-industriellen Komplex kritisiert, sondern — bösartig formuliert — ständig wegen irgendwas betroffen ist, sich vegan ernährt, sich für feministisch erklärt und jeden FPÖ-Wähler für einen Nazi hält. Kapitalkritik hingegen gilt heute schon eher als Indiz, daß jemand rechts sei.

Die Aussage, daß Düringers Partei willkommen zu heissen sei, weil sie der FPÖ Stimmen wegzunehmen vermag, ist auch nicht völlig daneben; allerdings nicht als wahltaktisches Argument, denn diesbezüglich hilft es höchstens, die Mehrheit der SPÖVP zu erhalten. Vielmehr gibt Düringer den Wählern eine Option, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, ohne deswegen eine rechte oder rechtsextreme Partei wählen zu müssen. Allenfalls könnte man Düringer vorwerfen, daß er das Unmutpotential im Land kanalisiert anstatt es zu mobilisieren. Das allerdings kann der organisierten Linken in Österreich wieder nur recht sein, weil sie sich in ihrer Mehrheit mehr vor Veränderung fürchtet als sie herbeiführen zu wollen.

Düringers Partei und auch all die anderen Wutbürger inclusive der Verschwörungstheoretiker sind — mehr noch als die FPÖ und ihre Pendants in anderen europäischen Ländern — ein Symptom einer Hegemonie, die unter Entbürokratisierung und Liberalisierung nur das Enfesseln der Kräfte von Machtgruppen, speziell des Kapitals, versteht. Der einzelne Bürger, den man früher als Proletarier verstanden hätte, sucht hingegen nach Kräften, die die Allmacht des Staates in Frage stellen. Der Wutbürger ist der Versuch eines Individuums zur Selbstermächtigung, das das uneingelöste Versprechen der Demokratie ernstnimmt. Daß dieser Wutbürger dabei auch oft viel Blödsinn produziert, ist evident. Aber was macht die organisierte Linke? Anstatt diesen Wutbürger — bei Akzeptanz aller Unterschiede — prinzipiell einmal als potentieller Bündnispartner ansehen zu wollen, fürchtet sie sich vor ihm und flüchtet lieber in die Arme der Sozialdemokratie, anstatt das Risiko einzugehen, sich affirmativ mit Veränderungspotential auseinanderzusetzen.

Feindbilder

Christoph wirft Düringer vor, daß er mit Feindbildern arbeite — ähnlich der FPÖ. Und? Immerhin sind diese Feindbilder ganz andere. Auch der Klassenkampf kennt Feindbilder — wenn der Ausbeuter den Klassenkampf von oben führt, ist er dann nicht der Feind? Bei Düringer ist das Feindbild auch diffus, fast schon konfus zu nennen. Klassenkämpfer scheint er eher nicht zu sein. Doch die Kritik an einer benennbaren Herrschaft ist per se nicht falsch. Regierung und Kapital sind nun mal keine unpersönlichen Prinzipien, sondern deren Vertreter haben Name und Adresse und verfolgen vitale Interessen. Sie sind nicht deswegen so, weil ihnen niemand erklärt hätte, daß Ausbeutung böse sei. Und sie üben ihre Macht direkt und indirekt auf die Verhältnisse in diesem Land und auf der ganzen Welt aus. Wenn Düringer von „Arschlöchern“ im Parlament spricht, so mag das sehr undifferenziert sein und vor allem undefiniert — Arschlöcher sind ja immer die anderen. Doch sitzen halt im Parlament tatsächlich viele, die ich auch als Arschlöcher bezeichnen würde, weil sie sich an den Interessen des Kapitals orientieren und Polizei und Militär aufrüsten, aber an einer demokratischen Auseinandersetzung nicht das geringste Interesse haben.

Christoph bemüht auch den allseits beliebten Vergleich Düringers mit Beppe Grillo, ohne diesen Vergleich ernsthaft zu relativieren. Auf den ersten Blick scheint die Ähnlichkeiten zu passen: Zwei Komiker und Kabarettisten, die mittels eines Blogs die Richtung bestimmen, sich selbst als spiritus rector inszenieren und eine indifferente Systemkritik üben. Nur: Grillo hat sich sehr schnell als Feind der Gewerkschaften und als Fan von weisen Industrie-Patriarchen herausgestellt — das kann man (zumindest beim bisherigen Entwicklungsstand) von Düringer wirklich nicht behaupten.

Wenn Düringer einmal konkret wird, redet er auch oft viel Stuß. Das Anstreifen an Verschwörúngstheorien ist nervig. Aber ich mag die Narren, die, die nicht vernünftig sein wollen und neue Blickwinkel auf die Welt suchen. Erst solche Leute machen Antithesen zu hegemonialen Sichtweisen möglich. Nur dadurch kann sich das Denken ändern — Dialektik hat man das früher einmal genannt. Das war einmal ein intellektuelles Instrument, das die Linke sehr geschätzt hat. Natürlich führt Düringer nur einen diffusen Widerspruch im Mund und kann besser Emotionen als
dialektisch-materialistische Analysen formulieren. Das kann man allerdings auch einem nicht unerheblichem Teil der Linken und vor allem dem etablierten, sich als linksliberal ansehenden, falterlesenden und grünwählenden Bürgertum vorwerfen. Da wird auch nicht mehr analysiert, sondern hauptsächlich Empörung formuliert — die Politik der Gefühle hat die gesamte Gesellschaft erfaßt und ist kein Alleinstellungsmerkmal der Rechten.

Protest und Karikatur

Düringers Rundumschläge sind in ihrer diffusen Globalität einer Politik- und Konsumverdrossenheit fundamental systemkritisch. Genau diesen Fundamentalismus haben wir in diesem Land nötig, wenn auch vielleicht ein wenig konkreter. Auf alle Fälle ist eine solche Systemkritik nicht antidemokratisch. Düringers Guru-Attitüde mag dabei störend wirken, allerdings ist sie vor allem der Tatsache geschuldet, daß die mediale Auseinandersetzung Einzelfiguren braucht, an denen sie sich reiben kann. Daß Düringers Partei kein Programm hat und er selbst das Programm zu sein scheint, ist nichts anderes als eine Karikatur der Verhältnisse in den etablierten Parteien. Denn deren Parteiprogramme sind zwar
niedergeschrieben, aber niemand liest sie und deren Spitzenpersonal orientiert sich auch nicht daran. Programme kann man nämlich nicht interviewen oder zu Talkshows einladen. Also wozu sich die Mühe machen, Programme zu formulieren, die ab ovo Altpapier sind?

Düringer bezeichnet seinen Blog selbst „als künstlerisches Projekt“. Vielleicht ist das auch seine Partei. Möglicherweise steht er damit sogar Martin Sonneborns „PARTEI“ näher als man auf dem ersten Blick glauben mag. Egal, es ist auf alle Fälle eine öffentliche Intervention, die Unmut formuliert und — im Gegensatz zur systemimmanenten FPÖ und so vage sie auch immer sein mag — prinzipielle Systemkritik übt.

Und davon brauchen wir ganz dringend mehr.

Bernhard Redl
[Druckausgabe 21/2016]

 

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