Netz-Ente der Woche: Saudi-Frauen-Vorsitz

„Das ist kein Witz! Die UN wählt Saudi Arabien für den Vorsitz der Kommission für Frauenrechte … Saudi Arabien zum Wächter über die Rechte der Frauen zu machen, ist vergleichbar damit , dass man einen Brandstifter zum Chef der Feuerwehr macht! Die UNO hat in der Tat Saudi Arabien für den Posten in der Kommission für die Stellung der Frau gewählt. UN Women ist die Fachstelle der UNO für Gleichstellung und Frauenförderung. Saudi Arabien wurde letzte Woche in einer geheimen Wahl des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (ECOSOC) für die Amtszeit 2018-2022 gewählt.“

Das berichten die „Netzfrauen“ auf ihrer Site. Und geistert seitdem auf Facebook und Twitter herum. Ja, Saudi-Arabien ist nicht gerade für gut entwickelte Frauen- und allgemeine Menschenrechte bekannt. Ja, Saudi-Arabien wurde gewählt. Das reicht im Netz für die große Empörung, genauer hinschauen braucht man da nicht mehr. Weil sonst ist an diesem Bericht alles ein Topfen. Wenn man mal von so Kleinigkeiten absieht, wie, daß es sich hier nicht um „UN Women“ handelt, sondern um die „Kommission über den Status von Frauen“ und die angesprochene Amtszeit erst 2019 beginnt, ist schon klarzustellen, daß Saudi-Arabien nicht den Vorsitz von einer der beiden Organisationen erhalten hat. Der Staat wurde lediglich zu einem von 45 Mitgliedern gewählt. Nur daß das halt keine Wahl im eigentlichen Sinne war. Die Gruppe der asiatischen und pazifischen Staaten hatte in der jetzigen Wahlrunde Anspruch auf 5 neue Mitglieder des Gremiums. Entsprechend einigten sich diese Staaten auch auf 5 Kandidatenstaaten. Und wie das so üblich ist in solchen UN-Gremien wurden diese auch gewählt — und zwar nicht von den „UN“ sondern vom ECOSOC, einer UN-Organisation, deren 54 Mitgliedsstaaten auf ähnlichem Weg bestellt werden. Die Mitglieder dieser UN-Frauenkommission werden gestaffelt alle 4 Jahre neu gewählt und rotieren. Also: Jedes UN-Mitglied kommt mal dran — also auch Saudi-Arabien. Allein die Tatsache, daß bei dieser Wahl es zu 7 Streichungen kam, war schon ein schwerer Affront, eine Nichtwahl hätte einen diplomatischen Eklat bedeutet, der wahrscheinlich auf Jahre hin nicht nur die Kommission gelähmt, sondern generell die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und der UNO schwer beeinträchtigt hätte. Und das konnte bei der UNO, die nunmal keine moralische Instanz sondern ein Organisation zur Pflege diplomatischer Beziehungen ist, niemand wollen.

Die Quelle dieser Netzfrauen-Geschichte ist — im Umweg über andere Blogs, die auch gerne nochmal was dazu dichteten — „UN Watch“. Dort hatte man zwar nicht die Saudis zu Vorsitzenden für irgendwas als gewählt erklärt, aber war auch sehr empört und kochte die Geschichte ziemlich hoch. Kein Wunder, handelt es sich doch um eine Lobby-Organisation der amerikanischen und israelischen Rechten. Auf der Site von UN Watch findet man außerdem noch die Einladung zu einer Veranstaltung mit dem ominösen Alain Finkielkraut, eine Aufforderung, Kim Jong Un vor den ICC zu stellen (was einem Kriegsaufruf gleichkommt) sowie Hetztiraden gegen ihren offensichtlichen Lieblingsfeind, Jean Ziegler, den sie als „Apologeten von Diktatoren, Terroristen und Vergewaltigern“ charakterisieren.

Tja. Die deutsche „Bild“ und die österreichische „Krone“ reproduzierten mit etwas Verspätung die Geschichte vom Vorsitz am Montag abend in ihren Online-Ausgabe. Blödsinn bleibt es trotzdem.

Bernhard Redl

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s