Katalonien und Slowenien

Ich finde linke Sympathien für die katalanischen Separatisten befremdlich. Das ist höflich ausgedrückt.

Die Katalanen werden seit geraumer Zeit weder unterdrückt noch diskriminiert. Sie haben ein weitreichendes Autonomiestatut und dürfen in Katalonien so katalanisch sein, wie sie wollen. Es liegt in den separatistischen Tendenzen also nicht das geringste emanzipatorische Moment, dessentwegen Linke eine im Kern nationalistische Bewegung unterstützen könnten.

Das kann man zum Beispiel mit den Kurden nicht vergleichen. Die werden außerhalb des irakischen Teils, wo sie einen de facto autonomen – aber nicht souveränen – Staat haben, nach wie vor diskriminiert und wenn’s schlimm kommt, unterdrückt und verfolgt. Auch im irakischen Kurdengebiet ist der letzte Massenmord an kurdischen Zivilisten erst 30 Jahre her. Man kann im kurdischen Nationalismus also etwas durchaus emanzipatorisches erblicken. Im katalanischen nicht.

Mich erinnern die Katalanen fatal an die Slowenen 1990 und 1991. Es geht ihnen wirtschaftlich besser als dem Rest des Landes. Das gibt ihnen das Gefühl der Überlegenheit. Sie dichten gleichzeitig den Mythos, der Rest Spaniens beute sie aus, und er tue das auch aus ethnischen Motiven heraus. Also, weil sie Katalanen seien. So müssten also die fleißigen Katalanen für die faulen Spanier schuften und zahlen.

Es ist der katalanische Separatismus auch keine sozial-emanzipatorische Veranstaltung. Auch nach einer Unabhängigkeit würde es ein kapitalistisch-marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem geben. Für einen Kommunisten oder Linkssozialisten sollte die Frage eigentlich nicht sein, ob er katalanische oder spanische Kapitalisten lieber hat.

Man kann die spanische Regierung und die spanische Verfassung – und vor allem die spanische Monarchie – ja ablehnen, wie man will. Eine ethnonationalistische Bewegung wie die Katalanen zu unterstützen um die spanische Regierung zu schwächen, rechtfertigt das in keinster Weise. Das ist den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Und es ist nichts als Ethnonationalismus, mit dem wir es hier zu tun haben. Wie sich der auswirkt, hab ich auf meinen mittlerweile zahlreichen Balkanreisen zur Genüge gesehen. Nun gehe ich nicht davon aus, dass es über den Aktivitäten der katalanischen Regierung zu einem Bürgerkrieg kommen wird oder im Fall einer Unbahängigkeit zu ethnischen Säuberungen. Aber ist der Ethnonationalismus mal ungehindert an der Macht, zerstört er bislang funktionierende Gemeinwesen und lähmt die Politik auf Generationen hinaus.

Ich finde auch das Vorgehen der spanischen Justiz und der spanischen Behörden nicht sonderlich überzogen. Das Verfassungsgericht hat das Unabhängigkeitsreferendum untersagt. Die katalanische Regionalregierung setzt sich in eigener Machtvollkommenheit darüber hinweg und bricht offen und stolz die Verfassung. Dagegen muss ein jeder Rechtsstaat mit aller Vehemenz vorgehen.

Würden in Katalonien Unterdrückung und Diskriminierung herrschen, müsste man den Verweis auf die Verfassung als lächerlich bezeichnen. Das ist nun mal nicht der Fall. Damit ist es mir unerklärlich, wie Linke Sympathien für die ethnopluralistischen Umtriebe hegen können.

Christoph Baumgarten

Ein Gedanke zu „Katalonien und Slowenien

  1. Hallo? Ein jeder Rechtsstaat „muss“(?)“mit aller Vehemenz“
    vorgehen? Leute daran hindern,ihre Stimme abzugeben,massiver
    Gewalteinsatz,und das soll okay und rechtsstaatlich sein?

    Ich glaube auch,dass die Katalanen null Grund haben,unabhängig
    sein zu wollen,viel weniger als z.B.die Schotten und viel,viel
    weniger als die Kurden – und die „Massnahmen“,die`s jetzt
    gegen die kurdische Region im Nordirak gibt,sind wirklich
    ganz arg!

    Grundsätzlich teile ich,was Nationalismus und Seperatismus
    betrifft,die Meinung vom Herrn Schopenhauer:Wer sonst nichts
    zu bieten hat,auf das er stolz sein könnte,ist halt überzeugter
    Nationalist – eigentlich armselig,aber irgendwas brauchen manche
    Leute offenbar für ihr nicht vorhandenes Selbstwertgefühl –
    da brauche ich „nur“ an Norbert Hofer denken(Brrr!),der ja
    die Europ.Menschenrechtskonvention durch „nationale Freiheits-
    Konventionen“ mit einem „Recht auf Heimat“ „ersetzen“ will!

    Gerhard Lehner

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