Wien muß Katalonien werden

Wir Wiener sind ja im Rest des Landes als arrogant verschrieen. Weil wir es angeblich immer besser wissen. Da ist was dran — wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut. Es ist ja aufglegt: Wenn man aus dem Süden von Niederösterreich nach Wien kommt, kann es sein, daß man die Ketzergasse überqueren muß. Die bildet am Rand von Liesing ein Stück der Landesgrenze. Deutlicher kann man es wohl nicht beschreiben, was Wien von seinem Umland trennt.

Ich habe es mir ja nicht vorstellen können: Wie kann ein Typ, der ausschaut, als käme er gerade von seiner Maturafeier, einer breiten Masse einreden, er wäre der Spitzenkandidat einer neuen Bewegung, die das Land in eine bessere Zukunft führen möchte. Noch dazu mit einer Wahlkampfästhetik politischer Führer der 30er-Jahre! Das ist doch nur irre, oder? Die Umfragen müssen einfach daneben liegen! Nein, lagen sie nicht. Ja, wir Wiener sind vielleicht nicht arrogant, aber zumindest ignorant gegenüber der Provinz. Wir kommen ja nur selten raus aus der Stadt und können uns einfach nicht vorstellen, wie die Leute jenseits der Ketzergasse ticken. Und dann können wir uns wohl auch nicht vorstellen, daß überhaupt irgendjemand auf die Idee kommen könnte, ÖVP zu wählen — so er nicht Generaldirektor oder Großbauer ist.

Ja, natürlich, auch in Wien haben Menschen ÖVP gewählt. Etwas mehr als 180.000 waren es. Aber sorry, bei einer realen Wohnbevölkerung von knapp zwei Millionen ist das rund jeder zehnte Volljährige, der da vor meiner Haustür rumwuselt.

Nein, die Leute im Rest von Österreich sind einfach ein anderes Volk. Wenn Michael Häupl meint, er möchte kein Rot-Blau als Führung des Staates wie er das bei sich im Land ja auch ausgeschlossen hat, reicht das nicht aus. Häupl sollte, anstatt sich bald von der politischen Bühne zu trollen, endlich das machen, was schon in der Ersten Republik verabsäumt worden ist: Auch für die Wiener das Selbstbestimmungsrecht der Völker einfordern. Häupl könnte die neue Bundesregierung höflich, aber bestimmt, auffordern, den Ballhausplatz zu räumen und sich in St.Pölten niederzulassen. Die würden wahrscheinlich sogar gehen — allen voran Sebastian Kurz, dem es sowieso extrem peinlich ist, ein gebürtiger Wiener zu sein und der das Landvolk doch eh viel lieber hat. Danach müßte Häupl nur noch sowohl die österreichischen als auch die ganzen anderen Staatsbürger in dieser Stadt zu Wiener Staatsbürgern machen und Neuwahlen ausschreiben, die der SPÖ wahrscheinlich wieder die Absolute und Rotgrün eine passable Zweidrittelmehrheit bescheren würden — siehe die Ergebnisse der Pass-egal-Wahl.

Der Bürgermeister sollte einfach der Puigdemont von Wien werden. Denn eines ist sicher: Kurz würde nicht einen auf Rajoy machen — der wäre froh, wenn er uns als Staatsbürger los ist. Vielleicht tät er sogar glauben, er tut uns was zu Fleiß, wenn er die Ausländer aus seinem Reich nach Wien abschiebt. Am Ende würde er wohl sogar behaupten, die Sezession wäre seine Idee gewesen.

Ja, dann wären doch alle glücklich und zufrieden. Aber auf mich hört ja wieder keiner.

Mario Czerny

[Aus akin 20/2017. Nebenbei: Sollte es bei den diversen Strafverfolgungsbehörden wider Erwarten doch ein paar Geisteszwerge geben, die das nicht verstehen: Ja, hier handelt es sich um Satire und es ist keine Aufforderung ein Bundesland von der Republik Österreich abzuspalten.]

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