Dumm, dümmer, am dümmsten*

Ursprünglich waren die Bürger von Schilda für ihre große Klugheit bekannt, weswegen die Könige und Kaiser dieser Welt sie als Ratgeber begehrten. Da sich ihre Stadt auf diese Weise langsam, aber sicher entvölkerte, ersannen die Schildbürger eine List: Sie stellten sich dumm, und das mit so großer Konsequenz, dass die Dummheit allmählich zu ihrer zweiten Natur wurde, für die sie alle Welt verlachte.

Nun ist Dummheit zwar keine sehr gute Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg, sie schließt ihn aber nicht grundsätzlich aus, weil manchmal auch die Dummen Glück haben. Und so gab es in der Geschichte von Schilda eine Epoche, in der es dieser Stadt besser ging als den meisten anderen ihrer Umgebung. Damals zogen viele Arme aus jenen Nachbargemeinden nach Schilda in der Hoffnung, dort leichter über die Runden zu kommen. Da aber die Schildbürger ihren Wohlstand nicht mit diesen Armen teilen wollten, stockten sie ihre Stadtmauern auf und verstärkten deren Bewachung.

Das führte dazu, dass immer mehr Arme vor den Toren der Stadt lagerten und auf Einlass drängten, was den Schildbürgern Angst machte. Da hatte ihr pfiffiger Jungbürgermeister eine Idee: Wir sind einfach noch nicht dumm genug, erklärte er seinen Mitbürgern. Wir müssen noch dümmer werden. Beschließen wir doch ein Gesetz, das alle Bürger unserer Stadt dazu zwingt, sich einmal pro Jahr ins Knie zu schließen. Dann will keiner mehr zu uns kommen, um Schildbürger zu werden.

Als seinem Vizebürgermeister diese Idee zu Ohren kam, wollte er nicht nachstehen und präsentierte einen Verbesserungsvorschlag. Wenn etwas so richtig dumm ist, erklärte er seinen Mitbürgern, dann muss es auch böse sein. Und so regte er an, dass die Schildbürger im Zuge ihres Selbstbeschädigungsrituals jeweils auch ihren Kindern ins Knie schießen sollten. Dieses Konzept entsprach nun genau der Geistes- und Gemütsverfassung des durchschnittlichen Schildbürgers, weshalb man den Bürgermeister und seinen Vize mit dem für wirklich unfassbare Dummheit reservierten, höchsten Orden Schildas auszeichnete und bei den drei nächsten Bürgermeisterwahlen mit überwältigender Mehrheit wieder wählte.

Die in den Augen ihrer Wähler geniale Taktik des Bürgermeisterduos konnte übrigens aus verschiedensten Gründen die Zahl der vor den Toren der Stadt lagernden Armen nicht vermindern. Die Schildbürger verstanden keinen dieser Gründe. Aber sie ließen sich deshalb keine grauen Haare wachsen, denn sie waren schon längst viel zu dumm, um nach den eigentlichen Ursachen ihrer Probleme zu fragen.

Karl Czasny

*Ende Mai 2018 machten die Experten aller Sozialhilfeorganisationen darauf aufmerksam, dass die zur Abschreckung von Flüchtlingen geplanten Kürzungen bei der Mindestsicherung vor allem Kinder aus einheimischen Familien treffen werden.

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