Was Journalismus ist – Kickl und der Normalzustand

Wenn sich jetzt alle aufregen, daß ein Minister versucht, Hofberichterstattung zu erwirken, fragt man sich doch, wieso die Massenmedien damit eigentlich ein Problem haben.

Danke, Herr Kickl! Der Großmeister der FPÖ-Propaganda hat noch nicht verstanden, daß die Medienarbeit eines Ministers anders funktioniert als in einem Wahlkampf als Parteisekretär. Nur deswegen fällt das jetzt so ungut auf. Denn es war bisher auch schon so, daß Polizeipressestellen eine gewisse politische Agenda verfolgt und bestimmte Medien resp. einzelne wohlmeinende Journalisten bevorzugt haben — das ist nichts Neues und meistens organisierten das hohe Beamte unterhalb der Sicherheitsdirektoren ganz von sich aus. Das Konzept der US-Streitkräfte, das man „embedded journalists“ nannte, wurde schon viel früher von so ziemlich allen Polizeien der Welt angewandt. Kickl war halt nur ein bisserl ungeschickt, besonders da er wohl aus persönlicher Gekränktheit über die Berichterstattung über sein Engagement als Gaulreiter auch den an sich immer recht polizeifreundlichen „Kurier“ mit auf die Liste der bösen Medien nahm. Damit kam natürlich so ganz generell der polizeiliche Pressedienst in Verruf. Und das ist doch recht erfreulich.

Allerdings blieb die Diskussion zu dem Thema ein wenig stecken und beschränkte sich in der Kritik bislang auf die Patschertheiten des blauen Ministers. Was wenig Beachtung fand ist die Tatsache, daß Polizeiberichte halt immer schon die wichtigste Grundlage dessen waren, was in den meisten Blättern so unter „Chronikberichterstattung“ läuft. Denn die Zeitungen (egal ob klassisch auf Papier oder online) hätten ohne polizeiliche Unterstützung kaum eine Möglichkeit, über Ereignisse aus dem Bereich der Kriminalität zu berichten — wer sollte sie denn auch über Polizeieinsätze jenseits von Demonstrationen oder anderen öffentlichen Events informieren? Das ist wohl auch einer der Gründe der medialen Empörung — nur wird dieser kaum benannt, sonst würde die Öffentlichkeit ja darüber informiert, daß dieser Teil der Berichterstattung eben wenig mit Journalismus, sondern mehr mit dem Abschreiben von Berichten einer Behörde zu tun hat.

Die recht ausführliche Auseinandersetzung mit dem Kickl-Mail (resp. des Mails eines Kickl-Unterläufels) im Mittagsjournal am Dienstag war da auch etwas seltsam. Nein, man verglich das nicht mit Polizeiberichtüblichkeiten früherer Minister, sondern mehrmals mit dem „Inseratenboykott“ Christian Kerns gegenüber „einer österreichischen Tageszeitung“. Nun, man brauchte sie nicht zu nennen, es ist allgemein bekannt, daß die Fellner-Kasperlpost damit gemeint ist. Nur, wie kommt man eigentlich auf diesen Vergleich? Kern hatte als SPÖ-Chef genug davon, von „Österreich“ ständig runtergemacht zu werden — was keine „kritische Berichterstattung“ war, wie das Herr Fellner gerne sieht —
und wollte in seiner Funktion als Wahlkämpfer keine entsprechenden Inserate mehr in „Österreich“ schalten. Das waren keine Regierungsinserate und Kern hat das auch nicht insgeheim verordnet, sondern ganz öffentlich gesagt, daß er keine Lust hat, ein Blatt finanziell zu unterstützen, nur um eine nettere Berichterstattung zu bekommen. Das war eine offene Geschichte und Fellner rächte sich auch bitterlich, indem er Sebastian Kurz zum Hero machte. Wie man das mit Kickls informationspolitischer Order vergleichen kann, ist wirklich nicht durch das Äquidistanzgebot des ORF-Gesetzes erklärbar.

Anders ist es aber schon erklärbar. Am Dienstag machte (neben einem Moschee-Aufreger) „Österreich“ mit „FPÖ-Chef trainiert 5 mal die Woche — Strache zeigt sein Workout“ auf. Über dieses Cover amüsierten sich viele in Social Media, war es doch auffällig, daß andere Blätter Kickls Order auf Seite 1 hatten. Was dabei untergeht: Der Bericht über Straches Leibesübungen (wo ihn natürlich niemand fragte, ob das in der Tradition seiner Wehrsportvergangenheit stehen könnte) stammt aus einer ORF-Sendung, die an Regierungspropaganda so ziemlich gar nichts zu wünschen überließ. Da ging es nämlich um den EU-Gipfel in Salzburg — die Sendung wurde letzten Sonntag, also nach dem Gipfel, um die Mittagszeit auf ORF2 ausgestrahlt. Da konnte man hören, welche Salzburger Promis für das Kulturprogramm sorgen, Salzburger Bürger ließ man in Straßeninterviews Verständnis bis Begeisterung für den Gipfel Ausdruck verleihen — und sogar ein paar Liebesbezeugungen für den Kanzler formulieren („Ich liebe Sebastian Kurz, was heißt: Verehren?; ich schätze ihn sehr!“) –, die Polizeimaßnahmen wurden bejubelt (inclusive der Polizeihunde) und dann gabs auch noch, ja, eben, einen fünfminütigen Bericht darüber, wie der Sportminister sich fit hält (inclusive Hanteltraining). Angesichts der Tatsache, daß bei diesem Gipfel sowohl politisch als auch organisatorisch so ziemlich alles schiefgegangen ist, was schiefgehen konnte — was hauptsächlich von ausländischen Medien berichtet worden ist — und die tolle Polizeiarbeit für extreme Wickel bei der Demo sorgte, war dieses knapp halbstündige „Europa Backstage“-Magazin Bericht so geartet, daß man sich schon fragt, wieso man sich hierzulande eigentlich für kritischer als in Orbanistan hält.

In Österreich ist es halt schon so, daß „kritischer Journalismus“ meist so aussieht, daß man darauf stolz ist, nicht ausschließlich Regierungspropaganda zu verbreiten. Herr Kickl ist da nicht wirklich das relevante Problem.

Bernhard Redl

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