Nach Unten getreten – die Geschichte von Bernie

Bernie – sein wahrer Name spielt hier keine Rolle – steht meist auch früh auf. Immer dann, wenn er Arbeit hat. Was nicht immer der Fall ist.

Bernie ist nicht mit einem goldenen Löffel auf die Welt gekommen. Bernie hat auch nie das Theresianum besucht. Bernie flog auch noch nie zum Fotoshooting mit Donald Trump nach New York. Bernie benützt in Wien die Straßenbahn.

An diesem Februarmorgen verlässt er um 5:30 Uhr das Haus. Der kalte Wind bläst ihm ins Gesicht und schlägt hinter ihm krachend das Haustor zu. Bernie blickt kurz zum dunklem Himmel auf und sagt laut:“ Scheisse!“. Er knöpft die Jacke zu, zieht die Kapuze über den Kopf und stapft los. Auf dem Weg zur Arbeit trifft er einen Kollegen. Der klopft ihm freundlich auf die Schulter und meint:“ Bernie, heute wird es wieder richtig heavy .“ Bald darauf, treffen sie weitere Kollegen in einem Depot der MA 48, irgendwo in Wien. Nachdem sie ihre Arbeitsklamotten übergestreift haben und ihre Werkzeuge geschnappt haben, meint der Vorarbeiter:“ Auf geht’s, Burschen! Ohne uns wäre die Stadt schon längst in ihrem eigenen Dreck erstickt.“ Also ziehen sie los mit ihren Wagerln und Besen. Bernie und seine Kollegen sind „Umweltmitarbeiter“ der Gemeinde Wien, früher sagte man Straßenkehrer. Doch halt, irgendetwas stimmt an der Geschichte nicht ganz.

Bernie hatte es nie leicht im Leben. Sein Elternhaus war auch nicht das, was man in bürgerlichen Kreisen als ideal bezeichnen würde. Bernie entschied sich eine Ausbildung zum Allgemeinschlosser zu machen. Nachher hieß es, ab zum Bundesheer. Die Gesellenprüfung hat Bernie nie gemacht. Nach dem Militärdienst hat ihn der Lehrbetrieb nach der gesetzlichen Behaltefrist einfach rausgeschmissen. Bernie bewarb sich bei zahlreichen Schlossereibetrieben, die stellten ihn aber nur als Aushilfskraft bzw. Schlosserhelfer ein- Immer wieder wurde er gekündigt.

Bernies Beschäftigung bei der MA 48 hat einen Haken. Anders, als seine Arbeitskollegen ist er nicht bei der MA 48, also der Gemeinde Wien angestellt, sondern absolviert ein sogenanntes „Arbeitstraining“ des AMS. Diesem vierwöchigen Arbeitstraining soll ein „sechs monatiges befristetes Beschäftigungsverhältnis im Sozialökonomischen Betrieb als Wiedereinstiegshilfe in den regulären Arbeitsmarkt“ (Zitat aus den Unterlagen) dienen. Dieser „Sozialökonomische Betrieb“ ist ein Projekt der VOLKSHILFE.

Eigentlich hat Bernie nie damit gerechnet in so ein Loch zu fallen. Kurzfristige Arbeitsverhältnisse wechselten mit immer längeren Zeiten der Arbeitslosigkeit. Um dem Nichtstun zu entkommen, verdingte er sich als geringfügig bezahlter Tagelöhner bei der MA 48. So viel zum Thema in der sozialen Hängematte liegen! Schließlich heuerte er bei einer Leiharbeiterfirma im Süden von Wien an. Zeiten der Beschäftigung wechselten sich mit Zeiten der Arbeitslosigkeit ab. So manche Firma lockte ihn mit dem Angebot der Übernahme und Weiterbeschäftigung. Bernie machte sich immer wieder Hoffnungen. Er wurde enttäuscht und fühlte sich betrogen und belogen.

In den nächsten Tagen wird Bernie den auf sechs Monate befristeten Dienstvertrag bei VOLKSHILFE – SÖB unterschreiben. Vollmundig behauptet die VOLKSHILFE, „dass mit diesem Projekt die berufliche und soziale Rückkehr in das Arbeitsleben unterstützt werden soll.“ Wieder fühlt sich Bernie,gelinde gesagt, verarscht. Er wollte immer arbeiten, doch die Betriebe haben ihn immer wieder als „minderwertig“ ausgespuckt.

Und noch etwas versteht Bernie nicht: Während seiner Arbeit für die MA 48 soll er sich weiter aktiv bei anderen Firmen bewerben. Sein Misstrauen ist berechtigt, denn Mitarbeiter der MA 48 sagen immer wieder, dass die Chance auf eine Übernahme sehr gering sei.

Und dann kam der denkwürdige Tag an dem Bernie einen Arbeitsunfall hatte. Eine Metallplatte fiel auf seine rechte Hand. Seit dem kann er mit der Hand nicht mehr richtig zupacken und schwerere Gegenstände nicht mehr richtig halten. Also wieder AMS. Dort wird ihm eine Umschulung zum Haus- und Gebäudetechniker offeriert. Bernie ergreift die Gelegenheit beim Schopf, büffelt und lernt fast ein Jahr, schließt positiv ab. Dann die Ernüchterung: Firmen, die Haustechniker suchen, setzten eine Grundausbildung zum Elektriker bzw. Installateur voraus. Am Beginn der Umschulung war von Seiten des AMS keine Rede davon.

Während seines Dienstverhältnisses bei VOLKSHILFE-SÖB wird Bernie voraussichtlich 1 100 Euro verdienen. Er hat eine 35-Stunden Woche, er macht die gleiche Arbeit wie die „Umweltmitarbeiter“ der Gemeinde Wien. Bernie ist nicht blöd, er hat nachgefragt was die anderen Mitarbeiter so im Monat verdienen. Die nüchterne Antwort lautet, dass die Fixangestellten, inklusive aller Zulagen, mit mindestens 2 000 Euro im Monat heimgehen.
Wenn die Gerüchte stimmen sollten, sind rund 100 Leute über die VOLKSHILFE-SÖB bei der Gemeinde Wien beschäftigt.

Wer ist also diese ominöse VOLKSHILFE-SÖB ?

Auf www.wien.gv.at findet man folgenden Eintrag:
Unternehmenskooperation – Volkshilfe SÖB – Volkshilfe Wien Gemeinnützige Betriebs-GmbH. Die Tätigkeit wird wie folgt beschrieben: „Kommunale Dienstleistung (Stadtpflege, Straßenreinigung, Parkpflege, Marktbetreuung), Kooperation ISI, Kooperation Dyson Austria
Es werden Dienstleistungen, die öffentliche Träger bzw. Firmen auslagern, übernommen. Private Aufträge können jedoch nicht angenommen werden.“.
Die VOLKSHILFE-SÖB arbeitet also auf das Engste mit der Gemeinde Wien zusammen.

Wie gesagt, Bernie wird den Vertrag unterschreiben. Was bleibt ihm anderes übrig. Anderenfalls drohen finanzielle Konsequenzen durch das AMS. Die kann sich Bernie nicht leisten. Aber ihm droht, falls ihn die MA 48 nicht übernimmt, weiteres Ungemach. Das AMS wird das Arbeitslosengeld von seinem Letztbezug berechnen und, wenn alle Stricke reißen, auch den Bezug der Notstandshilfe. Der Weg in die Mindestsicherung scheint schon vorgezeichnet zu sein. Schaut so die Wiedereinstiegshilfe in den regulären Arbeitsmarkt aus?

Bernie ist keine fiktive Person. Bernie lebt in Wien, nur sein Name wurde geändert, zu seinem Schutz. Es gibt mit ziemlicher Sicherheit zehntausende wenn nicht hunderttausende Bernies in unserem Land. Ihre Biografien zeugen von der strukturellen Gewalt dieses Staates, um die Ungleichheit und die Chancenlosigkeit weiter zu zementieren. Die Bernies unseres Landes erwarten sich von diesem Staat und der Gesellschaft nichts mehr. Sie gehen oft nicht mehr zu den Wahlen, weil sie begriffen haben, dass sich für sie nichts ändern wird.

Kein Wunder also, wenn die Sozialdemokratie, diese stolze Arbeiterpartei, in den letzten Jahrzehnten immer mehr Wähler verloren hat. Für die Grünen waren ja die Anliegen der Arbeiter nie ein wirkliches Thema. Wen wundert es also, wenn die Abgehängten den blauen Rattenfängern nachlaufen. Bernie war und ist nicht dabei.

Sowohl die rot-grüne Wiener Stadtregierung als auch die Gewerkschaften werden sich folgende Fragen gefallen lassen müssen:
1.) Welche Überlegungen stecken dahinter, bisherige Gemeindeaufgaben an private Firmen oder Firmen, die zwischen AMS und Gemeinde Wien agieren, auszulagern?
2.) Was wollt ihr da einsparen? Lohnkosten, die zum Schaden der Beschäftigten führen?
3.) Woher kommt das Geld für die Beschäftigten von VOLKSHILFE-SÖB?

Diese Fragen mit üblichen rhetorischen Floskeln zu umschiffen wird einfach nicht genügen!

Werner Matheis

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