EU-Wahl: Die Leiden des Liedermachers

Kurt Winterstein fühlt sich überfordert. Jetzt sind schon Generationen mit seinen Protestliedern aufgewachsen und ihm ist noch zu jedem Thema was eingefallen. Aber diesmal war der Wunsch nach einem motivierenden Kampflied aus seiner Feder doch etwas zu verwegen. Hier, als erneuter Versuch, eine Diskussion über das linke Verhältnis zur Europäischen Union anzufachen, seine Chronologie des Scheiterns:

(Aus akin 10/2019 –
Was dann doch noch daraus wurde,
kann man hier nachhören: https://youtu.be/vQTCeJ3WGRU)

 

Also ich krieg den Auftrag von Lilli, ein Demolied (also kurz, kräftig und aussageschwanger) zur EU-Wahl, also was für eine bessere EU, zu schreiben. Ich setze mich hin, kiefele und kiefele und irgendwie ist da eine Blockade, die ich nicht verstehe.
Dann passiert Entsetzliches: Ich lese im Buch von George Chondros “Die Wahrheit über Griechenland, die Eurokrise und die Zukunft Europas”, das mir die Schweinereien vom Friedensnobelpreisträger “Europa” so richtig wieder ins Gedächtnis ruft. Nicht sehr motivierend für ein begeisterndes EU-Lied!

Dann komme ich noch auf die verrückte Idee — weil mir momentan so gar nix einfällt — das Lied zur Europahymne zu schreiben. Na, was kommt raus, so eine Art Ballade, so richtig unbrauchbar für eine Demo.

Ich klimpere so vor mich hin und entdecke, dass sich der Rhythmus der Ode und von “Hänsel und Gretel” ziemlich ähnlich sind und versuche, dem Text die Schwere zu nehmen, indem ich ihn für die Melodie von “Hänsel und Gretel” adaptiere. So kann mensch ihn auch viel zynischer singen.

Dann kommt ein email von Thomas, der mir vorwirft, dass meine kritischen Bemerkungen im Lied möglicherweise den Nationalisten nützt, die die EU — natürlich mit anderen Argumenten — kritisieren und verdammen. Und jetzt wird es mir klar: Ich kann kein begeisterndes EU-Lied schreiben. Das wäre ein Verrat am griechischen Volk, an den Toten im Mittelmeer, an den Unterprivilegierten der ganzen Welt.

Fast erleichtert habe ich es dann aufgegeben, so ein Lied zu schreiben.

Oder doch nicht? Soll ich was texten mit Untergrenze für den Stundenlohn? Naja, als langfristige Utopie für die ganze EU auch akzeptabel, aber haben wir das nicht ansatzweise durch die Kollektivverträge zumindest in Österreich realisiert? Ja, das wird immer wieder durchlöchert, aber, naja, … und rutsche ich da nicht in die Falle, dass mensch unbedingt arbeiten können soll? Ist ja wirklich ein Blödsinn, dann schon eher bedingungsloses Grundeinkommen. Oder?
Also neue Liedfassung! Natürlich ist das ja schon in der “Internationalen” geschrieben, aber ich hoffe, dass wenigstens das aus meinem Liedtext hervorgeht, nämlich dass sich die Unterdrücker längst international organisiert haben und die Unterdrückten das eben auch so machen sollten.

Natürlich ist Europa nicht die ganze Welt und dieser Friedensnobelpreisträger verdient ganz schön an den Kriegen außerhalb der europäischen Grenzen, aber ich denke, dass es doch sinnvoll sein könnte, wenn sich die Wahlberechtigten in Europa klarmachen, dass sie nicht nur einfahren, wenn sie auf irgendwelche Fremde eine Hassangst entwickeln, sondern, dass sie auch einfahren, wenn sie anderen Nationen für ihr persönliches Unglück die Schuld geben. Und für mich geht es bei der Europawahl genau darum.

Und ich sehe die EU als eine Organisation, die mensch heftig kritisieren muss und sie zu stürzen irgendwie momentan nicht so auf der linken Agenda steht, eher auf der rechten.

Ja, ich bin der Meinung, dass Antirassisten und Antifaschisten die Kräfte im EU-Parlament wählen sollen, die dem Rechtsruck in Europa etwas entgegenzusetzen haben. Ich hab´s nicht so mit der Elendstheorie; es ist nicht so lange her, dass das total in die Hosen gegangen ist.

Und da steh´ ich armer Liedermacher zwischen lieben linken Leuten, von denen die einen verlangen, ein kurzes, daher total verkürztes Lied zum Demonstrieren für eine bessere EU zu schreiben, und im besten Sinn des Wortes radikalen Linken, wie dem Bernhard, denen die Reparaturversuche des Kapitalismus (mit menschlichem Antlitz?) auf die Nerven gehen.

Aber wenigstens kann man mir nicht unterstellen, dass aus meinem Text hervorgeht, dass die EU super sei.
So und das ist jetzt als vorläufig letzte Fassung dabei rausgekommen:


Mit Beethoven zur EU-Wahl

Ein Projekt des Friedens, das hat viele Menschen fasziniert, in der Zukunft alles meiden, was zu neuen Kriegen führt,
intensiver freier Handel, keine Zölle, war der Plan. Logisch, niemand zettelt Kriege gegen Wirtschaftspartner an.

Die EU hat in Europa viele Hoffnungen geweckt, und dann wurden die Mastricht-Kriterien ausgeheckt,
Kriterien, an die sich zu halten verpflichten musste jeder Staat, Kriterien, an die sich halt so mancher nicht gehalten hat.

Doch das wär´ das größte Übel nicht, es hat sich rausgestellt, was in dem Vertrag von damals, was bis heute schmerzlich fehlt.
Ein soziales Netz für alle, ja das hätt´ schon sehr genützt, ein Vertrag, der jeden in Europa vor Verarmung schützt.

Sozialkriterien, die fordern wir seit langem schon, beispielsweise eine Untergrenze für den Stundenlohn,
gleichen Lohn für gleiche Arbeit für die Frau und für den Mann, mit verschiedener Bezahlung fängt schon der Rassismus an.

Und so bleibt die Kluft bestehen, auch bei uns in Österreich, der Gegensatz, um den es geht, die Kluft zwischen arm und reich,
diese Kluft, die Ängste schürt bei uns und auch europaweit, aufzuheben diese Kluft, darum geht´s vor allem heut´.

Ach, es hat sich längst organisiert weltweit das Kapital, das ergibt Probleme, die sind nicht zu lösen national,
nicht Nationen steh‘n einander gegenüber in dem Streit um das Recht auf gutes Leben und um mehr Gerechtigkeit,

Ganz im Gegenteil es ist der Gegensatz in jedem Land zwischen arm und reich und dieser Streit ist weltweit altbekannt,
darum wachet auf ihr Völker und erkennt, worum es geht, es geht um den Kampf der Klassen nicht um Nationalität.

Ach das Hemd ist immer schon gewesen näher als der Rock, Nationalisten hetzen wieder geg´n den Sündenbock,
sei´s der Jude, sei´s der Moslem, sei´s die Linke hier im Land, sei´s die freie Presse, doch am besten zieht Asylant.

Wir sind in der Defensive, drum wird mensch bescheiden schon, ein Projekt der Linken war sie wirklich nie die Union,
Doch heut´ gilt´s den Rechtssruck zu bremsen und zwar rasch, sonst ist´s zu spät,
drum geht wählen gegen Hass und Angst, wählt Solidarität!

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