Sommerrückblick, Teil 2

Über Dinge, die man im Urlaub vielleicht verpaßt hat. [aus akin 18/2019]

Mahnmal “DOCH VERGESSEN!”

Es gibt ein antifaschistisches Mahnmal in Österreich, daß man nicht sehen darf. Nein, das liegt nicht am Mahnmal selbst, sondern am Ort seiner Errichtung. Im August machte das Viertelfestival NÖ darauf aufmerksam und den versteckten Stein für drei Tage lang doch sichtbar — mit einer Ausstellung und einer “Performance mit Geschichten von Zeitzeugen und Musik”.

Der Hintergrund: Am 12. November 1995 wurde der Gedenkstein “NIEMALS VERGESSEN!” am Gelände des Flughafens Wien als Erinnerung an das Arbeitslager Wien-Schwechat 2, eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen, vom damaligen Verkehrsminister und gebürtigem Schwechater Viktor Klima enthüllt.

Und dann hat man es DOCH VERGESSEN, wie Adolf Ezsöl, der Initiator des Mahnmals, berichtete: “Die Flughafenleitung ordnete an, dass in Zukunft der Besuch der Gedenkstätte bei Flughafenbesichtigungen von Erwachsenen und Schülergruppen einzubeziehen ist, um auch den kommenden Generationen die unmenschlichen Aktivitäten des Naziregimes vor Augen zu führen. Leider wurde aus dem Vorhaben nichts, da das Gelände zum Hochsicherheitsgebiet bestimmt wurde und der Zutritt für Außenstehende unmöglich wurde.”

Vom 9. bis zum 11.August war es also möglich, im Zuge einer Kulturveranstaltung das Denkmal zu sehen. Aber nur, wenn man seinen Reisepaß mithatte, um durch die Sicherheitskontrollen zu kommen. Jetzt ist es wieder unzugänglich. O, du mein Österreich!

Veranstaltungsankündigung: https://www.schwechat.gv.at/de/aktuell/termine/2230/Viertelfestival-NOe-Niemals-vergessen

Videodoku: https://www.youtube.com/watch?v=yhuc1TLXLQQ

 

Ein Dichter nur für Liebhaber

Apropos: Manchmal erscheint auch die österreichische Kulturpolitik zum Vergessen. Vor allem, wenn es darum geht, ihren Auftrag zu vergessen. In der NZZ (!) erschien am 26.Juli ein bemerkenswerter Artikel von Paul Jandl. Da steht im Lead: “Vielleicht ist es die schönste Sprache der Welt, und vielleicht gibt es auch keine bösartigere und keine hinterlistigere.” Gemeint ist das Wienerische, das laut Jandl ebenfalls dem Vergessen anheim zu fallen droht. Vor allem dreht sich aber der Artikel um einen Dichter dieser Stadt, der im Kampf um den Erhalt dieser Sprache wohl einige Meriten hat. Und dem man von offizieller Seite wohl auch gerne vergessen möchte. Seit dessen Tod, so schreibt Paul Jandl, “scheint es um den Büchnerpreisträger und wienerischsten aller Poeten geradezu gespenstisch ruhig geworden zu sein. Einem Filmprojekt zum hundertsten Geburtstag … hat der immerhin mit Kultur- und Bildungsauftrag versehene Österreichische Rundfunk ganz offiziell eine Absage erteilt. In den sechziger Jahren, so heisst es launig in einem Brief, sei der Dichter ‘äusserst populär’ gewesen. ‘Aber das ist schon lange her und Lyrik heute lange nicht mehr so beliebt wie damals.’ Fazit: ‘Deswegen sind wir der Ansicht, dass Thema und Person nur mehr für Liebhaber, also eine recht kleine Gruppe, relevant sind.’”

Man will es nicht glauben, doch, ja, tatsächlich H.C.Artmann ist gemeint. Was denkt sich so ein ORF-Bürokrat eigentlich, wenn er einen derartigen Bescheid verfaßt? Welche Banausen läßt man in der größten Kulturanstalt des Landes so etwas schreiben. Der NZZ-Autor Jandl nimmt es teils gelassen, teils resignierend hin: “Was sollen sich die modernen Zeiten um modernde Poeten scheren! Und auch wenn sich die ‘recht kleine Gruppe’ plötzlich als ganzes Heer von in- und ausländischen Artmann-Liebhabern herausstellt, gibt diese Posse dem verkannten Kenner der österreichischen Seele postum recht. H.C. Artmann hat das Ungemütliche des Wiener Gemüts durchschaut wie kein anderer. Er hat die besten poetischen Miniaturen aus der Grundschlechtigkeit der Wiener gemacht. Weil er sie kannte. Weil er einer von ihnen war.”

Da ist es nur logisch, daß man den Deserteur von deutscher Wehrmacht und Wiener Gemütlichkeit nicht mehr kennen will. Schon deswegen, weil man im ORF die Österreicher im Allgemeinen und die Wiener im Besonderen schon seit vielen Jahren dazu erzieht, so zu sprechen, als wäre man bei der Berliner Synchron beschäftigt.

https://www.nzz.ch/feuilleton/den-wienern-kommt-das-wienerische-abhanden-ld.1498040


Auf dem Weg ins Neuland

Bleiben wir in Wien, aber steigen wir herab von der Höhe des Breitenseer Dichters in die Niederungen des Meidlinger Heilands, von der Poesie der 60er-Jahre ins immer blöder werdende 21.Jahrhundert!

Der Gesalbte sollte dank seiner Jugend eigentlich ein Digital Native sein, also jemand, der mit PCs und Internet großgeworden ist. Und dennoch stolpert er immer wieder über die “neuen” Technologien.

Was hätten wir denn da?

Im Juni verkündet der Lieblingsapostel des Altjungkanzlers, es gäbe gefälschte Emails von der ÖVP, die irgendwas mit Ibiza zu tun haben sollen. Den Inhalt darf aber niemand erfahren. Aber dank ein paar Screenshots könne man beweisen, daß sie nicht von der ÖVP sein könnten. Auf Twitter zerlegen aber ein paar Leute, die sich mit sowas wirklich auskennen, die Argumentationslinie — auch wenn man nicht viel gesehen hat, so ist klar, daß die IP-Adressen sehr wohl dem ÖVP-Server zugerechnet werden könnten. Mehr hört man dann nicht mehr darüber.

Im Juli wird die Schredder-Affäre bekannt. Im Zuge dessen spricht der Lieblingsapostel zuerst darüber, daß da auch ÖVP-Strategiepapiere hätten vernichtet werden müssen — weswegen Armin Wolf in der Zib2 etwas verwundert ist, wieso sowas im Bundeskanzleramt bearbeitet werde und nicht in der ÖVP-Zentrale. Wenig später meint der Apostel, es wären auch Krankenakten von Mitarbeitern auf den Festplatten gewesen — leider hat niemand nachgefragt, was die auf einer Festplatte des Arbeitgebers zu suchen haben.

Ende Juli twittert der beste Altkanzler aller Zeiten: “Es gibt Handlungsbedarf bei den Cloud-Services, denn die meisten Server stehen in Asien und den USA. Wir wollen eine Ö-Cloud schaffen, um die Datensicherheit der Menschen & Unternehmen in #Österreich zu gewährleisten.” Kurz darauf kommt der Antworttweet ausgerechnet von der nicht gerade ÖVP-fernen Wirtschaftskammer Wien: “Wir haben da was Tolles für Sie. Die von Ihnen geforderte Austrian Cloud gibt’s bereits, dank engagierter Wiener UnternehmerInnen.”

Dann kam der angebliche “Hack” — letztendlich eine Ablenkung von der Tatsache, daß da schon wieder interessante Macheloikes in der Geschäftsgebarung der ÖVP aufgetaucht sind. Einmal abgesehen davon, daß es jetzt schon sehr danach ausschaut, daß die ÖVP einfach fahrlässig mit einem Administratorpaßwort umgegangen sein dürfte, scheint die Glaubwürdigkeit der ÖVP schon schwer angekratzt, wie sogar Daniela Kittner im “Kurier” beschreibt. Der Punkt sei nämlich, daß der Obertürkise “überhaupt Experten braucht, die für seine Angaben Zeugnis ablegen; dass seriöse Journalisten und Politik-Beobachter wie Thomas Hofer es überhaupt für möglich halten, dass der ehemalige und wohl auch angehende Kanzler den Österreichern drei Wochen vor der Wahl so einen Schwindel auftischt.” Und der große Vorsitzende “sollte schleunigst wasserdichte Beweise liefern, (…), um alle Zweifel auszuräumen. Das ist der ÖVP-Chef sich selbst schuldig, aber vor allem haben die Österreicher ein Anrecht auf vollumfängliche Tatsachendarstellung.” Und das im Raiffeisenblatt!

Zuletzt verbreitet der Twitter-Account @volkspartei: “Wir haben als erstes Land flächendecken #5G ausgebaut. Wenn wir das fortsetzen, wird insbesondere der #ländlicheRaum davon profitieren. #NRW19”. “Der Standard” ätzte daraufhin: “Was stimmt: Südkorea ist das erste Land mit einem flächendeckenden 5G-Netz. In Österreich wurden bisher nur vereinzelte Pilotnetze von den Mobilfunkern gestartet.” In Linz und Pörtschach, die auch noch nicht für normale Nutzer freigeschaltet sind. Und weiter im Standard am 6.September: “Dass die Aussage Unsinn ist, hat man offenbar inzwischen auch bei der ÖVP bemerkt. Am Freitag war der Tweet gelöscht.”

Der Weg des österreichischen Moses ins gelobte Neuland hat erst begonnen.


Pinker Doppelpaß

Daß die NEOS ausgezeichnete Kontakte nicht nur zur (alten) ÖVP haben, sondern auch zu Journalisten wirtschaftsliberaler Zeitungen, ist bekannt. Man erinnere sich an den ominösen Beitrag in der deutschen “FAZ” im April 2013, wo eine eher jenseitige Schilderung der österreichischen Parteienlandschaft sich als früher Wahlwerbeartikel für die Pinken entpuppte. Jetzt liest man im “Standard” recht verdächtige Sätze: “Beate Meinl-Reisinger ist offenbar eine genaue Leserin des STANDARD. 39 Prozent wollen die Neos in der Bundesregierung, wiederholt die Neos-Chefin ein ums andere Mal eine Zahl, die sie einer Market-Umfrage in dieser Zeitung entnommen hat.” (2.9.) Das bezieht sich wohl auf einen Text mit dem fast wortgleichen Titel “39 Prozent wünschen sich Neos in der nächsten Bundesregierung” (22.7.) Und am 9.9. legt der Standard nach: “Koalition bedeutet Kompromiss – und das gefällt den Wählern einzelner Parteien erfahrungsgemäß nicht besonders. Am ehesten wird VP-Grünen-Neos eine Chance gegeben”. Denn da gibt es schon die nächste Market-Umfrage: “Welche Koalitionsvarianten sich die Österreicher wünschen” — das Ergebnis ÖVP/Grüne/NEOS bekommt die beste Note. Beide Market-Umfragen waren natürlich im Auftrag der Zeitung, alle drei Texte dazu stammen von Conrad Seidl.
Gut, das muß jetzt noch nichts heissen. Tatsache ist aber, daß die Initiative mit der Domain schwarzgruenpink.at immer noch online ist. Dort wurden — für die Regierung nach der Wahl 2017 — die schwarzen Granden Busek und Fischler als Testimonials angeführt, daß eine solche sogenannte “Dirndl-Koalition” doch verlockend wäre. Die beiden Organisatoren der Initiative waren “Moriz Piffl, Social Entrepreneur und Enkel des ÖVP-Unterrichtsministers Theodor Piffl-Percevic, und Golli Marboe, Journalist und Sohn des Ex-ORF-Intendanten Ernst Wolfram Marboe” wie der “Kurier” sie schilderte. Die stammen zwar aus ÖVP-Familien, seien aber selbst völlig parteiunabhängig, behaupteten diese. Allerdings: Wenige Monate nach dieser Initiativengründung wurde Golli Marboe als NEOS-Vertreter in den ORF-Stiftungsrat geschickt. Und Moriz Piffl machte mit zwei Geschäftspartnern in Wien ein Beisl (den mittlerweile schon wieder pleitegegangenen “G’schupften Ferdl”) auf — und das waren Sepp Schellhorn und Niko Alm, beide wohl eher doch sehr den NEOS zuzurechnen.

Laut Beate Meinl-Reisinger seien die NEOS die “einzige transparente und ehrliche” Partei. Naja. Und die halt irgendwie auch pinke Tageszeitung? Die machte 2016 massiv Werbung für Ingrid Felipe als Nachfolgerin von Eva Glawischnig als Grünen-Chefin — weil sie so gut mit der ÖVP kann. 2017 kam Felipe dann tatsächlich in diese Top-Position. Wenn die Grünen dann bei der Wahl nicht so abgestürzt wären, wäre genau dieser damals und jetzt von den NEOS anscheinend präferierten Dreier-Koalition nichts mehr im Wege gestanden. Aber das ist sicher alles nur Zufall…

Urlaubsredakteur: -br-. Nächste Woche gibts vielleicht noch einen dritten Teil.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s