Was Korruption ist

Wien 1945. „Stunde Null“. Die Stadt ist zur Hälfte ein Trümmerhaufen, das Volk hungert, die Schieber verdienen sich goldene Nasen und die Nazis sind plötzlich ehrbare Bürger geworden. Wer denkt da schon an Kulturförderung? Nun, Viktor Matejka, der erste Wiener Kulturstadtrat in der Zweiten Republik war damit beauftragt. Und tatsächlich schaffte er es einen kleinen Fonds einzurichten. In der Stadtregierung freute man sich sehr darüber (als man den Kommunisten 1949 aus dem Stadtsenat warf, bedankte sich Bürgermeister Körner noch einmal artig dafür), aber man wollte nicht so genau wissen, woher das Geld für den Kulturfonds eigentlich stammte.

Jahrzehnte später schilderte Matejka in einem Interview, wie er den Fonds dotierte: Mit Schmiergeld! Denn jene Kulturveranstalter, die sehr wohl Geld hatten und Events für die besseren Leute organisierten, brauchten vom Stadtrat bestimmte Genehmigungen. Und da hatte dieser ein kleines Kisterl, wo die Kulturveranstalter brav freiwillig einzahlten. Der Wiener Kulturförderungsfonds war geboren.

Wien 2019. Österreich ist stinkreich. Auf anderen Kontinenten schaut es aber oft nicht so gut aus. Da fördert ein Wiener Abgeordneter mit einem Verein Schulprojekte in Südafrika. Wo das Geld dafür herkommt, will man auch hier anfangs nicht so genau wissen. Dann aber doch! Der Verdacht: Das Geld könnte einen Gegenleistung für wohlwollende Interventionen für Bauprojekte in Wien sein.

Sind die Causen Matejka und Chorherr vergleichbar? Nun, bei Christoph Chorherr ist noch nichts erwiesen. Und was 1945 retrospektiv betrachtet sehr in Ordnung war, ist vielleicht 2019 nicht mehr ganz so koscher. Daß Chorherr nach Ende seines Mandats jetzt in der Baubranche tätig ist, ist auch nicht gerade hilfreich bei der Optik.
Nur: Wenn sich darüber ausgerechnet Parteien echauffieren, die erwiesenermaßen regelmäßig großzügige Spenden erhalten — und manche von ihnen nach dem Endbericht des letzten Eurofighter-Ausschusses noch einen gewissen Erklärungsbedarf für seltsame Geldflüsse haben — und dieses Geld definitiv nicht sozialen Zwecken zufließt, wirds ein wenig skurril.

Bernhard Redl

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