Ich fühle mich geschmeichelt

Gedankenspiele in der Quarantäne.

Von Karl Czasny.

Ich stehe derzeit in meinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr. Damit zähle ich zu jener privilegierten Bevölkerungsgruppe, um derentwillen man nun die globalisierte Ökonomie in eine Weltwirtschaftskrise schickt, die sich gewaschen hat. Danke, ich fühle mich geschmeichelt! Darüber hinaus bin ich ziemlich erleichtert, weil langsames Ersticken eine der schlimmsten für mich vorstellbaren Todesarten ist und sich nun meine Chance erhöht, nicht schon demnächst auf diese Weise mein Löfferl abzugeben. Denn durch die jetzt getroffenen Maßnahmen kann die Verlaufskurve der Pandemie vermutlich so deutlich gestreckt werden, dass jederzeit genügend Intubationsgeräte vorhanden sind.

Dann fällt mir ein, dass derselbe Herr Kurz, der jetzt mich und viele andere SeniorInnen vor dem Erstickungstod bewahrt, ohne mit der Wimper zu zucken, tausende Flüchtlinge (im Vorjahr waren es 1.900) im Meer ersticken (sprich: ersaufen) lässt, weil andernfalls angeblich ein für unseren Staat nicht verkraftbarer Migrantenzustrom droht. Und abermals fühle ich mich geschmeichelt. Wie unglaublich hoch muss der Wert meiner Person sein, wenn die nur mehr verhältnismäßig kurze Spanne des mir noch verbleibenden Lebens um so viel schützenswerter ist als das potentiell noch sehr lange Leben eines in ein Flüchtlingsboot steigenden Kindes.

Noch meditiert meine rechte Gehirnhälfte über diese Werterelation, als die linke schon wieder mit neuen Berechnungen beginnt. Die gehen davon aus, dass künftig womöglich alle paar Jahre eine Pandemie über die Welt fegt und der Staat jedes Mal die Spendierhose anziehen muss (Stichwort: „Whatever it takes“), was nur möglich sein wird, wenn er sich entsprechend hoch verschuldet. Weil aber die berühmten „Märkte“ allzu hoch verschuldete Staaten so gar nicht mögen, wird man dann wohl wieder rigorose Sparprogramme im Sozialsystem starten, um für die nächste Pandemie gerüstet zu sein. Keine besonders rosigen Aussichten für das Leben zwischen den Pandemien …

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