Wir fürchten uns zu Tode

“Ich sag ihnen gleich, wies ausgehen wird: Sie werden sterben!” Mit diesem Satz begann vor vielen Jahren ein Kabarettprogramm von Gunkl. Und er setzte fort: “Ja, ist so. Ich werde auch sterben. Wir werden alle sterben. Ich könnte jetzt natürlich sagen: ‘Nein, Sie werden schon nicht sterben’. Aber, naja…” Damit hatte Gunkl sein Publikum gepackt — denn er erwischte es bei der eigenen Lebenslüge, bei der Verdrängung der Sterblichkeit. Und da muß man dann einfach lachen, allein schon, damit diese Tatsache erträglicher wird.

Ja, wir werden alle sterben. Früher oder später. Wir wollen alle jung bleiben bis ins hohe Alter, mindestens bis zum 100.Geburtstag. Wenns hoch kommt, wollen wir “in Würde altern”. Aber eigentlich… Elias Canetti hat irgendwo mal gemeint, es gäbe keine größere Beleidigung für das Menschsein als den Tod. Und uns Wienern sagt man ja nach, wir hätten ein amikales Verhältnis zum Sensenmann. Die Religiösen hingegen fürchten sich alle nur vor der Hölle (oder einer Wiedergeburt als Regenwurm oder sowas). Aber es ist halt alles Chimäre — wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß wir uns alle vor dem Tod fürchten. Canetti hatte schon recht: Der Tod ist eine bodenlose Frechheit!

Wir wollen ihn einfach nicht wahrhaben. Deswegen diese verrückte Gesundheitsindustrie, deswegen die Drogenpönalisierung, deswegen die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden — alles könnte uns umbringen und dann sterben wir an der Furcht, daß wir sterben könnten. Dabei ist diese Angst völlig unbegründet. Denn wir sterben sowieso. Alle! Die Frage ist nicht einmal so sehr: wann — sondern ob wir vor dem Tod auch noch ein Leben gehabt haben. Nachher kommt nämlich nix — auch wenn uns das die Religionen alle einreden wollen.

Was das alle mit Corona zu tun hat? Nun, kein Mensch fürchtet sich vor der Grippe. Da will auch niemand die halbe Welt unter Kuratel stellen. Interessanterweise bringt die Grippe aber weltweit jedes Jahr Millionen Menschen um — doch diese Krankheit kennen wir. Ist ein bisserl wie der Autoverkehr, an dem viele Menschen sterben. Auch den kennen wir und das nehmen wir gelassen hin. Was die Grippe angeht, so sterben da üblicherweise nur Leute, die sowieso todkrank sind. Die Zahl der Erkrankungen ist natürlich viel höher als die der Todesfälle — je nach Saison rotzen und husten und fiebern allein in Wien pro Jahr zwischen 150.000 und einer Viertelmillion Menschen wegen einer Influenza oder wegen eines grippalen Infekts. Die symptomlosen Infektionen sind aber noch um einiges höher. Weil das jedoch in jeder Saison neue Virenstämme sind, sind wir auch jedesmal aufs Neue nicht dagegen immun.

Was ist also der Unterschied zu Covid-19? Möglicherweise ist der aktuelle Corona-Virenstamm etwas aggressiver. Nach wie vor gibt es da bei den Fachleuten unterschiedliche Meinungen. Aber das wäre ja noch kein Grund für die Hysterie. Erinnert Ihr Euch noch an Vogel- und Schweinegrippe? Da waren auch alle fürchterlich aufgeregt und das nicht weniger als es jetzt bei Corona war, solange der Virus noch nur im fernen China sein Unwesen trieb. Nur haben diese damaligen Viren es halt nicht bis Europa geschafft. Aber auch da war es vor allem die Angst vor dem Unbekannten. Die Sensationspresse blies die Verbreitung und Tödlichkeit auf bis zum Geht-nicht-mehr, weil das große Gruseln sich halt gut verkauft. Es war damals wie heute eine fremde, eine neue Gefahr. Irgendwann war in diesen Tagen aber auch der Politik klar, daß von ihr Handeln gefordert wird. Und die Politik handelte wie die Stimmung im Volk war. Ob dieses Handeln tatsächlich wissenschaftlich fundiert war, ist fraglich. Das ist ja sonst auch nicht immer der Fall. Verkaufen muß es sich lassen, das ist nicht anders als bei der Presse. Eine Politik, die jetzt nicht hysterisch wird, ist keine Politik, die dem common sense entspricht. Wenn die Hysterie aber global wird, dann kommt das heraus, was wir jetzt gerade sehen: Planetare Panik!

Kaum jemand stellt die Frage nach der sogenannten Übersterblichkeit — also der Zahl an Toten, die es mehr gibt durch eine bestimmte Todesursache. Die Frage ließe sich auch jetzt noch gar nicht beantworten, denn das ist eine Statistik, die man erst über einen längeren Zeitraum erstellen kann. Damit macht man aber auch keine Schlagzeile und kaum jemand will sich mit der Tatsache auseinandersetzen, daß in Österreich sowieso knapp 100.000 Menschen jedes Jahr sterben. Das tun nur die Statistiker und die schützen sich vor dieser Wahrheit damit, daß es für sie einfach nur trockene Zahlen sind, die sie mit der Zahl der Geburten gegenrechnen können.

Mittlerweile ist bekannt, daß die hohe Sterblichkeit in Italien darauf beruht, daß dort alle Corona-Infizierten, die sterben, als Corona-Tote vermerkt werden. Kann es sein, daß die italienischen Spitäler auch überlastet sind, wenn eine schwere Grippewelle übers Land fegt? Wir wissen es nicht, weil da gibts keine Reportagen darüber. Wieviele der Berichte über die katastrophale Situation in Italien fußen alleine auf Berichten über die katastrophale Situation? Es gibt zuwenig Ärzte? Ja, aber vielleicht auch deswegen, weil sich auch viele Ärzte davor fürchten und die Infizierten gar nicht behandeln wollen. Wir sehen Militärkonvois mit Leichen in Südtirol — ja, das ist kein Fake, aber warum werden die Leichen so behandelt? Vielleicht deswegen, weil man sich vor den toten, noch infektiösen Körpern fürchtet als wäre es die Pest?

Hier geht es schon auch um sich selbstverstärkende Effekte. Das ist so wie mit dem Klopapier: Menschen fürchten, das Klopapier könnte in der Krise ausgehen. Also bunkern sie Klopapier. Deswegen geht das Klopapier aus. Die Hamsterkäufer haben also recht gehabt. Oder?

Im Ernst: Muß man sich nicht auch die Frage stellen, wieviele Menschen zusätzlich durch die Maßnahmen gegen das Virus sterben werden? Wieviele zusätzliche Suizide wird es geben? Wieviele Frauen zusätzlich werden von ihren Männern erschlagen werden, weil diese ausrasten, weil sie kein Ventil mehr haben? Wieviele Pflegebedürftige werden die Patschen strecken, weil ihre Pfleger aus Osteuropa nicht mehr einreisen können? Wieviele mit anderen Krankheitssymptomen werden nicht mehr ärztliche Hilfe beanspruchen, weil das jetzt so kompliziert ist, und dann bspw. an Krebs sterben, weil dieser zu spät erkannt worden ist? Wieviele “Tötungen in Notwehr” durch die Polizei wird es geben, weil von ihnen drangsalierte Menschen ausrasten? Und werden wir das überhaupt wenigstens nachträglich erfahren, angesichts des Umstandes, daß es wegen Ausgangssperre und message control keine unabhängige Beobachtung solcher Vorgänge gibt?

Nachher, wenn es nicht so viele Corona-Tote gegeben haben wird, wie die Apokalyptiker prophezeit hatten, wird es heissen, daß nur die rigiden Maßnahmen uns gerettet haben.

Dabei haben die uns nicht gerettet. Egal, wie tödlich das Virus wirklich ist. Denn wir sind numal verdammt und werden alle sterben — siehe Gunkl. Ob wir vorher aber gelebt haben, scheint offensichtlich uninteressant zu sein. Und das nicht nur in Zeiten von Corona.

Oder wie man ihn Wien sagt: Z’ Tod gfurchten is a gsturm.

Bernhard Redl
(akin-Druckausgabe 8/2020)

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