Zahlenspiele (II)

Jedem seine Statistik
[aus akin 9/2020, 15.April]

Mittlerweile wissen wir offiziell, wie in Österreich „Corona-Tote“ gezählt werden. Seit 2.April ist auf der Homepage des
Gesundheitsministeriums endlich das Eingeständnis zu lesen, daß jeder der stirbt und bei dem eine Infektion mit SARS-CoV-2 nachgewiesen worden ist, als Covid-19-Toter gezählt wird. Das ficht die Berichterstattung darüber allerdings auch weiterhin nicht an – fast immer wird erläutert, soundsoviel Menschen seien AN Corona verstorben, auch wenn sie Krebs im Endstadium hatten.

Eine nicht unspannende Zahl veröffentlichte jetzt die Österreichische Kardiologische Gesellschaft: Im Monat März wären deutlich weniger Herzinfarkt-Patienten zu behandeln gewesen. Statt der durchschnittlich rund 1000 Fälle wären es in diesem Monat nur 720 gewesen, obwohl man sich eigentlich eher einen Anstieg erwartet hätte. Erklärungsversuche für dieses Phänomen gibt es mehrere, einer davon wäre, daß „man allenfalls schwer an Covid-19 erkrankte Patienten, deren Todesursache möglicherweise ein Herzinfarkt war, in den vergangenen Wochen nicht als Herzinfarkt-Patienten registriert hat“ wie Bernhard Metzler, Generalsekretär der Gesellschaft, erklärte. Ein weiterer Grund könnte laut Metzler aber auch sein, daß Patienten nicht rechtzeitig die Rettung rufen, weil sie unter den jetzigen Bedingungen nicht ins Spital wollen. Auch recht lustig sind die Ergebnisse zweier amtlicher Stichproben. Die erste wurde unter symptomlosen Beschäftigten in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Supermärkten durchgeführt: 6 von 1161 Getesteten waren infiziert (Veröffentlichung am 2.April). Die zweite Studie untersuchte ohne Zielgruppenorientierung 1544 Menschen und fand wieder 6 Infizierte. Das SORA-Institut, das die Studie statistisch begleitete, resümierte, dies bedeute „dass die Prävalenz von COVID-19 in österreichischen Haushalten mit 95%-iger Wahrscheinlichkeit zwischen 0,12% und 0,76% liegt“ (Testzeitraum: 1.4. bis 6.4., Veröffentlichung 10.4.). Mit anderen Worten: Es sind sehr wenige. Das haben wir aber schon aus der ersten Studie gewußt. Genaueres weiß man nicht, weil man mit so einem Sample keine seriöse Statistik betreiben kann.

Schweiz

Sind es deswegen wenige, weil die Maßnahmen gegriffen haben? Wir hören jetzt oft auch Zahlen aus anderen Ländern, aber nur selten welche aus der Schweiz. Dabei wäre das naheliegend. Die Bevölkerungszahl ist ähnlich, zum gleichen Zeitpunkt gab es die ersten nachgewiesene Infektionen, so ziemlich die gleiche Maßnahmen wurden zum gleichen Zeitpunkt wie in Österreich verordnet. Die allgemeine Gesundheit, das Gesundheitsystem und die Verteilung des Reichtums sind ähnlich, lediglich die Krankenversicherung ist in der Schweiz eher schlecht. Beides sind alpin geprägte mitteleuropäische Industrinationen. Ein manifester Unterschied besteht in der höheren Bevölkerungsdichte der Schweiz, das wird aber ausgeglichen durch kleinere Ballungsräume. In der Schweiz gibt es aber dreimal so viele Todesfälle von Infizierten. Wieso? Großzügiger als die Österreicher kann man wohl kaum Corona-Tote zählen. Kann es sein, daß ganz andere Parameter relevant sind, als die, die man versucht mit Kontaktbeschränkungen zu beeinflussen? Nein, das kann nicht sein und deswegen schauen wir uns die Schweizer Zahlen lieber nicht an.

Als Vergleich bietet sich aber auch die USA — dort ist vieles anders als in Österreich und der Schweiz. Angekommen dürfte das Virus dort auch schon früher sein. Anscheinend schnalzen die Todesraten in den USA jetzt in die Höhe: Über 20.000 sollen es derzeit schon sein. Gut, auch hier ist die Frage, wie die Corona-Toten gezählt werden. Aber wenn die Zahlen ähnlich erhoben wurden, dann gibt es in den vielgeschumpfenen Staaten eines Donald Trump pro Kopf nur die Hälfte an Toten in der Schweiz. Wie geht denn das zu?

Wenn da die notorischen Impfgegner auf den Plan treten und sagen, daß es dort viele Tote gibt, wo Grippedurchimpfungsrate hoch ist, ist das wahrscheinlich Unfug – die glauben ja immer, daß Impfungen nur eine Verschwörung der Pharmaindustrie sind. Dennoch können sie eine Menge Beispiele von Korrelationen von Grippeimpfungsraten und offiziellen Coronatodesraten aufzählen. Natürlich suchen die sich genau die Länder aus, wo es zusammenpaßt. Aber es ist nicht weniger seriös als die Vergleiche, die in den Massenmedien gezogen werden.

Italien

Nein, es braucht endlich seriöse Übersterblichkeitsstatistiken, um ein klares Bild zu bekommen. Wirklich valide können solche Daten natürlich erst im Überblick über mehrere Monate sein, aber bei einem signifikanten Anstieg könnten auch kurzfristigere Angaben helfen.

Einen ersten Ansatz dazu gab es bereits aus Italien. Sollte man meinen. Man sieht in einer Graphik, die jetzt durch Social Media auf und ab verbreitet wurde, ab Anfang März die allgemeinen Todesraten in ausgewählten Kommunen sprunghaft ansteigen im Vergleich zu den gemittelten Daten der 5 Jahre davor – ein Zusammenhang mit Corona ist also zu vermuten und das enorme Ausmaß gut erkennbar (1). Doch dann sieht man sich die Zahlen genauer an. Und da relativiert sich so einiges – was die Autoren des dazugehörigen Artikels übrigens auch selbst tun, nur daß sie halt eine unseriöse Graphik gebastelt haben. Denn prima vista sieht es so aus, als hätte sich die Zahl der Todesfälle am 18.März 2020 gegenüber einem durchschnittlichen 18.März der vergangenen Jahre verzehnfacht. Allerdings nur deswegen ist dieser Eindruck auf den ersten Blick gegeben, weil der untere Bereich der Graphik abgeschnitten worden ist und die Grundlinie bei 300 Toten und nicht bei 0 liegt. Es bleibt, daß die tägliche Todesrate sich lediglich verdreifacht hat: Knapp über 1000 Todesfälle 2020 stehen etwa 370 im 5-Jahresschnitt dieses Tages gegenüber. Gut, eine Verdreifachung ist auch noch heftig. Aber die Vergleichszahlen sind halt auch nicht ganz koscher: Durch die Durchschnittsangabe der 5 Jahre davor wurden auch sämtliche Spitzen in diesen Jahren nivelliert und damit unsichtbar. Und da gibt es eine Zahl vom 12.Jänner 2017: Da starben in diesen ausgewählten Gemeinden 592 Personen an einem Tag. Damals gab es eine besonders bösartige Grippewelle in der Region. Der Peak vom 18.3.2020 ist also plötzlich nicht einmal mehr doppelt so hoch wie der bisherige traurige Rekord der vorhergehenden 5 Jahre. Wenn man dann noch bedenkt, daß es sich hier nur um eine Untersuchung von etwa einem Achtel der italienischen Kommunen handelt (wobei angenommen werden muß, daß hier die am Stärksten von Corona in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinden untersucht worden sind, eine genaue Angabe darüber fehlt in diesem Artikel), relativiert sich das Ganze noch ein weiteres Mal.

Was man daraus schliessen könnte, wäre: Covid-19 ist nach diesen Zahlen eine Erkrankung, die tatsächlich erkennbar gefährlicher ist als die Grippe, aber eben nicht so gefährlich wie die Pest.

Aber man kann natürlich auch andere Statistiken verwenden, wenn die einem besser konvenieren. Das ist wohl eine Geschmacksfrage.

Bernhard Redl

(1)
https://www.youtrend.it/2020/04/03/coronavirus-dopo-codogno-in-italia-si-e-iniziato-a-morire-molto-di-piu/

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