Grüne Verkehrsrundschau

In Stadt und Land sind derzeit die Grünen in der Regierung zuständig für Verkehrspolitik. Die Richtung stimmt, aber der Weg ist manchmal halt ein bisserl holprig.
[aus akin-Druckausgabe 14/2020]

Es ist eh peinlich! Aber manchmal muß man sogar Herrn Doskozil rechtgeben. Es ist wirklich nicht verständlich, warum ein Pendler aus Mattersburg nach Wien für sein 1-2-3-Ticket 3 mal 365 Euro zahlen soll, sein Kollege aus Wiener Neustadt aber nur ein 2er-Ticket braucht. Man könnte es sogar noch weiter auf die Spitze treiben: Jemand der aus Vöcklabruck nach Linz pendelt, braucht überhaupt nur das Oberösterreich-Ticket für 1 mal 365 Euro — auf der Straße ist diese Distanz genausoweit wie Mattersburg-Wien(Zentrum). Wer von Korneuburg in die Wiener Innenstadt pendelt, zahlt doppelt soviel wie der Kollege, der von Favoriten nach Döbling muß. Ein Wiener, der bei den Entsorgungsbetrieben Simmering hackelt, zahlt halb soviel wie der, der bei der OMV in Schwechat arbeitet. Wer vom hintersten Waldviertel nach St.Pölten muß, zahlt einmal, der Kollege aus Wiener Neustadt hingegen zweimal — weil St.Pölten von dort vernünftig nur per Umsteigen in Wien erreichbar ist. (Aber aus dem hintersten Waldviertel pendelt sowieso niemand mit den Öffis nach St.Pölten, weil die Verbindungen so schlecht sind, daß man im günstigsten Fall dreimal so lange braucht, wie wenn man mit dem Auto unterwegs ist.)

Die Gestaltung der bisherigen Tarifverbünde, die sich an Regionen orientierten und nicht an Bundesländern, hatte ja durchaus ihre Berechtigung. Warum jetzt dieser Rückfall in das Abstellen auf historisch und oft eher zufällig zustandegekommene Verwaltungseinheiten wie Bundesländer? Nur weil das Burgenland aus einer Restlverwertung Westungarns entstanden ist, ist ein höherer Öffitarif hundert Jahre später nicht wirklich zu rechtfertigen. (Ja, ein eigener Landeshauptmann auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.)

Natürlich würde es für die meisten Pendler trotzdem billiger, auch wenn die Tarifgestaltung ein bisserl unfair ist. Nur: Es geht ja gar nicht darum, daß sich die Pendler etwas ersparen, sondern darum, daß sie auf das Auto verzichten. Und das erreicht man halt mit dieser Einteilung nicht ganz so optimal. Aber vielleicht kann man da nachbessern — selbst wenn diese Forderung mit dem unvergleichlich erdigen Charme des Herrn Doskozil übermittelt wird.

Autofrei dank Ausnahmen

Dafür wird der erste Bezirk jetzt autofrei. Verkündet zumindest die Wiener Vizebürgermeisterin auf allen Kanälen. Zeitweilig war jedes vierte oder fünfte Posting in meiner Facebook-Timeline diesen Inhalts, halbe-halbe bezahlte Werbeeinschaltungen oder begeisterte Mitteilungen meiner grünen Freunde dort. Weniger begeistert waren die nichtgrünen Reaktionen — weil es halt für jeden möglichen und unmöglichen Fall Ausnahmeregelung gibt, daß letztendlich übrigbleibt, daß eigentlich eh nur denen, die nicht in den ersten Bezirk fahren wollen, das auch verboten wird. Und selbst das möchte Bürgermeister Ludwig noch einmal überdacht wissen.

Aber Birgit Hebein ist vielleicht viel raffinierter als wir denken. Denn diese Ausnahmen sollen nicht öffentlich erkennbar gemacht werden, weil die Zusatztafel zum Fahrverbot dann zwei Meter hoch sein müßte, sondern lediglich im Amtsblatt. Damit wäre sichergestellt, daß niemand so genau weiß, was denn jetzt diese Ausnahmen sind — außer den wenigen Bewohnern des Ersten Bezirks, die dann sicher froh sind, daß sie jetzt für ihr Parkpickerl auch ganz viel Platz geboten bekommen, um ihre SUVs in der doch recht gebirgigen City abstellen zu können. Tja, und da wir aus Zeiten des Corona-Lockdowns wissen, daß Polizisten, wenn sie keine Ahnung von einer Verordnung haben, diese nach eigenen Gutdünken interpretieren, und deswegen die Verunsicherung total sein wird, werden sich ganz einfach weniger Menschen trauen, in den ersten Bezirk zu fahren. Auch so kann man natürlich Verkehrspolitik machen: Nicht trotz der vielen Ausnahmen, sondern gerade deswegen wird es in Hinkunft weniger Motorenbrummen in der City geben.

Nur was das Ganze bringen soll außer Symbolpolitik, wird die Vizebürgermeisterin wohl noch zu erklären haben. Denn der Autoverkehr innerhalb des Rings war bislang schon eher nicht so das ökologische Problem — quasi: Niemand wird bald jemanden kennen, der nicht mehr die Wollzeile als Abkürzung benützt, um vom Alsergrund in den Dritten zu kommen; weil so blöd auch bislang niemand war.

Und bis in Ausweitung der jetzigen Maßnahme die Hadikgasse oder die Triesterstraße autofrei (oder sowas ähnliches) sein werden, sind wir schon alle am Ende der Simmeringer Hauptstraße. Aber vielleicht kann man bis dahin wieder den 71er als Begräbnisstraßenbahn reaktivieren. Das wäre nicht mal eine der in Wien so ungeliebten Innovationen, sondern das Wiederauflebenlassen alter Traditionen. Das geht in dieser zum Sterben schönen Stadt doch immer.

Mario Czerny

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