Praterstraße: Begrünte Autobahn durch die Shopping Mall

[aus der Druckausgabe 17/2020]

Also so ganz unrecht hat Donald Trump eigentlich nicht mit seinen Waldstädten. Ja, vielleicht hat ihm der Gesalbte was von seiner Kindheit im Waldviertler Meidling erzählt und Trump hat sich das noch ein bisserl weiter gereimt, aber wenn man sich jetzt die geplante Neugestaltung der Praterstraße anschaut, kann man den Gedanken nicht so ohne weiteres für absurd erklären.

Der eigentlich unhaltbare Zustand auf dieser Straße ist ja nicht neu: Schon seit vielen Jahren wird über eine Umgestaltung diskutiert. Die Autofahrbahn hat etwas Autobahnartiges, auf dem Großteil der Strecke zwischen Aspernbrückengasse und Praterstern weist sie jeweils zwei Autospuren in beide Richtungen auf, während der Rest der Straße so gestaltet ist, daß es zu Konflikten zwischen Fußgängern und Radfahrern kommen muß — schon deswegen, weil sich Fußgänger vom Gehsteig Richtung Autoabstellplätze kommend und Radfahrer am Radweg nicht sehen können. Vom Beifahrer-Dooring einmal ganz abgesehen.

Jetzt aber soll das anders werden. Oder auch nicht. Denn plötzlich ist nicht mehr der Konflikt zwischen den Nichtmotorisierten das Problem, sondern es heißt: Wir brauchen „coole“ Straßen. Also Bäume. Also beauftragt man nicht Verkehrsplaner mit der Umgestaltung sondern Landschaftsarchitekten. Die drei Leiter des Planungsbüros haben ihren Abschluß alle auf der Boku gemacht. Die Folge: Noch mehr Bäume auf der Praterstraße. Der Radweg hingegen wird nur minimal verbreitert, die Sollunfallstellen mit Fußgängern bleiben: Die Unübersichtlichkeit durch Bäume, Beete, Schanigärten, Koloniakübel und Stadtmöblierung sowie die mangelnden Fallräume sorgen dafür. Die Autofahrer müssen auf einen von vier Streifen verzichten, das war es dann aber auch schon. Oder wie die „Radlobby Wien“ das formuliert: „Obwohl die Praterstraße keine Auto-Hauptstraße mehr ist, wird sie dennoch als solche gedacht. Drei (!) Fahrstreifen verleihen einen Autobahncharakter, obwohl laut Verkehrsuntersuchung nichtmal einer der zwei Fahrstreifen ausgelastet sein wird.“

Nein, so macht man die Stadt nicht netter für alle Nichtmotorisierten. Was da rauskommt ist nicht viel anders als die Mahü-alt, also die Mariahilfer nach dem U3-bedingten Umbau Anfang der 90er, nur halt plus mehr Bäumen und einem nach wie vor problematisch angelegten Radweg. Sprich: Die Praterstraße wird eine Einkaufsstraße mit begrünter Autobahn. Ich glaub, ich steh im Wald.

Bernhard Redl

Die Planungen sind hier zu bewundern: https://www.3zu0.com/presse/neugestaltung-praterstrasse/

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