Was muß Satire?

Das Zitat Tucholskys, wonach Satire alles dürfe, ist ja schon ziemlich ausgelutscht. Vor hundert Jahren hat er das geschrieben und da muß man sich dann fragen, ob das heute überhaupt noch angemessen ist. Muß man nicht heute da ganz andere Maßstäbe an den Tag legen und die Satire in die Pflicht nehmen?

Denn: Was muß Satire? Das ist wohl in unserem Jahrhundert die richtige Fragestellung! Auch Satiriker*innen sind heute angehalten, das ihre für ein gedeihliches Miteinander zu tun!

Kurt Tucholsky verstand „Satire“ auch noch viel brutaler. An anderer Stelle schrieb er, daß „es überhaupt für den Kämpfer nicht darauf ankommt, Distanz zu halten, sondern zu kämpfen – deshalb ist der Satiriker ungerecht. Er kann nicht wägen – er muß schlagen“. Gehts noch? Das ist einfach nicht akzeptabel, schließlich ist es doch des/der Satiriker*in wichtigste Aufgabe, Ungerechtigkeit zu benennen und nicht zu verallgemeinern! Und das vor allem in fried- und liebevoller Manier. Um etwa die gleiche Zeit schrieb Alfred Polgar, Satire sei wie das Pistolenschießen, wo man auch etwas höher zielen müsse, als man treffen wolle, weil es einem die Hand beim Schuß nach unten verreisse. Ja, was sind denn das für Vergleiche, sind wir denn im Krieg? Nein, in Zeiten, wo uns der Friede alles ist und Gewalt niemals ein Mittel sein darf, können wir diese veralteten Literaturmodelle nicht mehr akzeptieren.

Wenn einstens Jonathan Swift vorschlug, man könne das Elend der Armen lindern, in denen man ihnen zeige, wie sie ihre Neugeborenen schmackhaft zubereiten können, um damit statt einen unnützen Esser zu haben, endlich wieder einmal selbst eine reichhaltige Mahlzeit auf den Tisch bringen zu können, so war das wohl in jenen rohen Zeiten verortet, in denen Swift lebte. Wenn hingegen heute im Rahmen dieser unsäglich dummen #allesdichtmachen-Kampagne ein Ulrich Tukur vorschlägt, man solle auch die Supermärkte zusperren, damit wir alle verhungern und so das Corona-Virus keine Chance habe, dann erschreckt das doch die Leute! Und überhaupt wäre so ein Maßnahme illegal! Ja, er hat es wohl „satirisch“ gemeint, aber darüber kann man nicht lachen. In Krisenzeiten kann man sich doch nicht über überlebensnotwendige Maßnahmen lustig machen und sie bekämpfen! Schließlich sind diese Verordnungen demokratisch zustande gekommen und wer das nicht akzeptiert, scheint wohl zu glauben, er stünde über dem Gesetz! Satire darf doch nie so antidemokratisch sein, Mehrheitsbeschlüsse der Volksvertreter in Frage zu stellen!

Generell kann und muß man von Satire auch verlangen, daß sie nicht einfach alles niedermachen dürfe, sondern sie muß auch konstruktiv sein und Vorschläge machen, wie es besser ginge. Natürlich ist Kritik notwendig in einer Demokratie, aber diese Kritik muß auch maßvoll sein. Ebenso hat Satire auch lustig zu sein – man muß darüber lachen können! Aber #allesdichtmachen oder eine Lisa Eckhart sind einfach nicht lustig und erbaulich, sondern erzeugen nur schlechte Stimmung und Krawall!

Ja, auch politisch korrekt muß Satire heute sein! Was da alles heute als „Satire“ bezeichnet wird, sind in Wirklichkeit Hassbotschaften und gehören auch so – mittels Boykott und Gerichten – geahndet.

Unsere heutige europäische Gesellschaft ist viel sensibler geworden, wir sind verletzlicher und einfühlsamer. Und das ist gut so! Wenn sich auch nur ein Mensch betroffen und beleidigt fühlt, dann ist das schon einer zuviel. Auch die Freiheit der Kunst hat ihre Grenzen!

Tucholsky hat ja auch später selbst erkannt, daß man mit Hass nicht die Gesellschaft verbessern kann, indem er schrieb: „Küßt die Faschisten, wenn ihr sie trefft!“ Das ist der richtige Weg der Liebe und der gewaltfreien Kommunikation.

Lebte Tucholsky heute noch, würde er daher wohl, seiner Verantwortung bewußt, schreiben: „Was muß die Satire? Alles!“

Ceterum censeo: Unterstützt alle die Corona-Maßnahmen der deutschen und der österreichischen Bundesregierung! Und bleibt gesund!

Mario Czerny

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