Patriotisches

Zum 8.Mai

„Der Österreicher hat ein Vaterland,
Und liebts, und hat auch Ursach, es zu lieben.“

(Schiller, Wallenstein)

„Dieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz auf sich sein. Man ist stolz in Europa: / Deutscher zu sein. / Franzose zu sein. / Engländer zu sein. / Kein Deutscher zu sein. / Kein Franzose zu sein. / Kein Engländer zu sein.“
(Tucholsky, Worauf man in Europa stolz ist)

„I werd narrisch! Krankl schießt ein zum 3:2!“
(Edi Finger live aus Cordoba)

„Ei äm from Ostria!“
(Reinhard Fendrich)

Österreichischem Patriotismus haftet immer etwas Komisches an. Also sowohl etwas Haha-Komisches als auch etwas ziemlich Seltsames.

Da ist mal diese Fahne mit ihrem blutrünstigen Entstehungsmythos. Der ist zwar historischer Unfug, aber das macht es nur noch schlimmer. Schon wenn der „Bindenschild“ wirklich durch die Abnahme eines Gürtels an einem ansonsten blutbesudelten Schlachtgewand entstanden wäre, müßte einem das Grausen vor so einer Herrschaft kommen. Aber daß man die Geschichte extra erfinden mußte, um auf derlei Bestialitäten dann einen Machtanspruch und eine Volksgemeinschaft zu gründen, ist schon der Gipfel der Abartigkeit.

Rot-Weiß-Rot hätte man daher spätestens mit der Republiksgründung entsorgen müssen. Aber nein, auch ohne imperialer Macht ist diese Fahne geblieben und somit schon ein bißchen lächerlich.

Mit der Hymne ist es nicht viel anders. Deren Melodie mußte man schon Mozart unterstellen, damit sie akzeptabel sein konnte, weil melodisch ist wirklich anders. Immerhin war sie ein Fortschritt, weil in der ersten Republik ist man bei der Haydn-Hymne geblieben — allerdings mit anderem Text. Oder besser im Plural: anderen Texten! Zeitzeugen berichteten, daß es bei offiziellen Anlässen eine ziemlich Kakophonie gegeben haben soll, weil da sang man zur Melodie wahlweise die Renner-Hymne, die Kernstock-Hymne, das Deutschlandlied oder Gott-erhalte, je nach politischer Präferenz. Und alle wollten die Lautesten sein.

Gut, was ist heute Österreich-Patriotismus? Und wie patriotisch darf man überhaupt sein? Neulich wurde eine Anti-Corona-Maßnahmen-Gegnerin festgenommen, weil sie eine Österreich-Fahne trug. Darauf war nämlich auch der Bundesadler und der steht nur den obersten Organen der Republik zu. Der einfache Bürger muß sich mit geierlosem Rot-Weiß-Rot begnügen. Ist auch klar, weil schließlich muß das ja einfach zu Basteln sein — als wir anno dazumal in der Volksschule Österreichfahnen malen mußten, hätten wir uns schön angschissen, wenn wir den Vogel einigermassen hätten hinbekommen müssen. (Es hält sich ja immer noch das Gerücht, in einer frühen Fassung der diesbezüglichen Rechtsnorm wäre gestanden, der Adler müsse „rotbezumpft“ statt „rotbezungt“ sein, aber das ist wahrscheinlich genauso ein Gschichtel wie das mit dem Bindenschild.)

Diese patriotische Indoktrination jedenfalls erfuhren wir zum „Tag der Fahne“, wie der Feiertag zum 26.Oktober genannt wurde. Diese Bezeichnung dürfte wohl dann deswegen irgendwann nicht mehr verwendet worden sein, weil viele Leute an Feiertagen sowieso eine Fahne hatten und man diesen weinseligen Volksbrauch nicht auch noch mit einer nationalstaatlichen Gloriole versehen wollte.

Wobei das mit dem Nationalen, dem Völkischen also, so eine Sache ist in Österreich. Der Österreicher als solcher tut sich ja generell schwer mit hündischer Verehrung seines Vaterlands, weil das mit dem Staatsvolk ist bei uns halt ein bisserl merkwürdig — Patriot ist man bei uns ja hauptsächlich aus Negation. Hierzulande ist man — siehe Tucholsky — stolzer Nicht-Deutscher. Das ist so ziemlich das einzige Nationenhafte, das wir anzubieten haben. (Und selbst das funktioniert nur teilweise, weil die Voralberger laut ihrer Landesverfassung darauf bestehen, ein souveräner Staat zu sein, der halt nur eher widerwillig die Gesetze, die da im fernen Wien beschlossen werden, akzeptiert.)

Dieses Nicht-Deutsche war aber nicht immer so die Nationsdefinition. In der Ersten Republik wollte man schon ein Teil Deutschlands sein, aber das wollten die Alliierten von Weltkrieg I nicht. In der Zweiten Republik war das dann aber schon recht praktisch, weil man nach Weltkrieg II den Alliierten dieses Krieges sagen konnte, daß man ja eh nie deutsch war und deswegen an allem unschuldig und das erste Opfer Hitlers. Auf diesem Schmäh baut die kuhäugige Glorifizierung unserer eher zufällig zustandegekommen Verwaltungseinheit immer noch auf.

Der Schmäh geht aber noch weiter: Patriotismus kann man zu Antifaschismus umschwindeln — die blöden Piefke haben da das Nachsehen: Mit Schwarz-Rot-Gold wedeln hat immer einen gewissen Hautgout. (Und das obwohl bekanntermaßen der Gröfaz ursprünglich nicht wirklich Deutscher war.)

So kann man halt in Wien unter Beteiligung von hohen Militärs ein Denkmal für Deserteure einweihen, weil die hier Geehrten eh von der Armee einer fremden Macht abpascht sind. Dazu kann man dann noch mit Rot-Weiß-Rot winken und sich demokratisch gut fühlen.

Bei der Gelegenheit kann man auch gleich noch was zudecken: Am 8.Mai feiern wir das „Fest der Freude“, den Tag der Befreiung! Befreiung von was jetzt genau? Vom Faschismus? Vom Nationalsozialismus? Nein, also eigentlich von der Oberherrschaft Deutschlands. Also da freuen wir uns, daß „Österreich“ wiedererstanden ist. Es war jenes Österreich, das zuletzt bestanden hatte als Schuschnigg im Radio sagte: „Mit einem deutschen Wort: Gott schütze Österreich!“ Da steckte dieses Land aber schon längst im Faschismus — nur halt im hauseigenen. Erst 17 Jahre später sollte wieder ein christlich-sozialer Politiker sagen können: „Österreich ist frei!“

Blöd halt, das zuerst die Nazis Österreich befreiten (von den Klerikalfaschisten), dann die Alliierten zuerst Österreich befreiten (von den Nazis) und dann Österreich gleich noch mal befreiten, diesmal von sich selber. OMG, nach dreimaliger Befreiung müssen „wir“ da aber schon sehr frei gewesen sein. Vor allem, wenn man bedenkt, daß in dieser neu gewonnen Triple-Freiheit einer Bundeskanzler war, der früher einmal der Chef der Niederösterreichischen Heimwehr und auch Minister unterm Kruckenkreuz gewesen war. Aber das mit dem Korneuburger Eid hat ihm eh nie getaugt, also war ja alles in schönster demokratischer Ordnung.

Man darf aber nicht undankbar sein! Stellt Euch vor, 1920 im Vertrag von St. Germain wäre kein Anschlußverbot gestanden. Dann hätte es 58 Jahre später keine österreichische Nationalelf gegeben. Und damit auch kein Österreich-Gefühl! Denn in Wirklichkeit wurde die österreichische Unabhängigkeitserklärung nicht 1945, sondern erst 1978 von einer Allparteienkoalition unterschrieben — einer Koalition aus Rapid, Austria und Wacker Innsbruck. Mit den Füßen! Und zwar in Cordoba.

Erst seit damals sind wir eine stolze Nation von Nicht-Deutschen! Weil das „Land der Berge“ ist ja wohl doch eher die Schweiz.

Mario Czerny

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