Das falsche Gewicht

Die Vorwürfe wegen Postenschacher und Falschaussagen sind eher nicht das, was uns Sorge bereiten sollte.
[aus akin 11/2021]

Jetzt ist es amtlich, Regierungsmitglieder dürfen im Ösi-Land in durchaus denkbaren auf sie zukommenden Gerichtsverfahren möglicherweise auch belangt werden, ohne dass für einen amtierenden Bundeskanzler daraus eine Perspektive entsteht, seinen Rücktritt zu erwägen. Rücktritt gibt es für Frauen mit Rechtschreibschwäche, nicht aber für Finanzminister mit Rechenschwäche. Bürgerliche Massenmedien halten den Kopf schief. Soweit die Nachrichtenlage.

Dabei erleben wir eine große Chance. Öffentliches Lügen bis zur Erkenntlichkeit zu entblößen ist zwar noch kein Stoff für Satire, aber es reicht für Häme und Spott. Amtierende Polit-Profis sehen sich damit konfrontiert, von staatlicher Seite her einen “Beschuldigtenstatus” führen zu müssen, da muss man doch sagen dürfen, dass das einem Freibrief gleichkommt für einfache Bürgerinnen und Bürger, für einfache Menschen.

Wenn “die da oben” alles dürfen, will ich keinen Brief ans Christkind mehr schreiben, dann will ich auch das dürfen, was mir Spaß macht, ohne Konsequenzen und ohne Scham. Ich will erläutern, worum es mir geht. Ich will “die da oben” nicht abkanzeln, (ich habe auch kein Recht auf das Recht) ich stelle der moralischen Entrüstung der bürgerlichen Massenmedien einen alternativen Entwurf entgegen. Ich will:

– mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwarz fahren, ohne von einem Kontrollorgan belästigt zu werden.
– dass die Polizei entwaffnet wird, weil die Gefahr groß ist, dass jemand, der Waffen trägt, diese zum Schaden anderer auch einsetzt.
– dass amtierende Politiker_innen statt Gesetze zu beschließen bei vollem Lohnausgleich zu Hause bleiben und richtig faulenzen.

Kein Witz: Ich halte die momentan hochgespielte Entrüstung für eine Farce.


Worum gehts eigentlich?

Im fetten reichen Österreich sind die Schlagzeilen voll von Kurz, Blümel und sonst wen, Titelseiten überschlagen sich mit Titelgeschichten. Man sei moralisch entrüstet. Dabei geht es um ein paar Posten, ausgestattet mit viel Geld, für nix. Wie erbärmlich. Schadenfreudige Stimmen kratzen am Image von Kurz und seinesgleichen.

Echt jetzt? Die Familien auf Lesbos sitzen im Dreck. Über den Spruch über die geschlossene Balkanroute brauchen wir schon lange nicht mehr zu lachen. Es berührt mich nicht, ob Posten und Dollars oder Euros von Reich zu Reich verschoben werden. Mich entsetzt nur eines. Dass dieses Spiel der Reichen, Schönen und Mächtigen den bürgerlichen Massenmedien mehr Wert ist als eine bedingungslose Anklage an alle politischen Verantwortlichen, die es zulassen, dass Kinder und ihre hilflosen Angehörigen von Ratten in Schlamm und Dreck angegriffen werden.

Als gelernter Österreicher, als gelernte Österreicherin muss uns der Postenschacher der aktuellen Polit-Akteure doch nicht so nahe gehen. Neu ist dieses Spiel nicht, Spiel ist ein bewußt gebrauchtes Wort. Die als Skandal hochgespielte Affäre um Blümel, Laptops, SMS und sonstiges verdrängt, dass vor unserer Haustüre ein Menschenrechtsverbrechen stattfindet. Ohne Aufschrei. Damit lassen sich auf Dauer leider keine Schlagzeilen füllen. Mit den Reichen und Schönen schon.

Offensichtlich wurde nicht nur die Erbärmlichkeit der politisch verantwortlichen Menschen, denn als solche sind sie zu benennen, offensichtlich wurde ihre Gewissenlosigkeit, ihre menschliche Kälte, ihre Gleichgültigkeit jedem menschlichen Leben gegenüber, ihr Egoismus, ihre Feigheit, ihre Bequemlichkeit in ihren warmen Häusern,
offensichtlich wurde, dass sie nicht begriffen haben oder nicht nachspüren können, dass jeder Mensch das Recht auf Leben hat, und das Recht darauf hat in Würde zu leben. Das bedeutet, dass jemand, der die Ressourcen hat, einen anderen Menschen aus den Dreck zu ziehen, diese auch einsetzen sollte.

Manchmal verstehe ich schon, warum manche Leute die nassen Fetzen auspacken wollen!

Guten Morgen, Welt!

rosalia krenn

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