Hoch die Fahnen! Hurra! Hurra!

18.5.2021: Der Konflikt zwischen Juden und Palästinensern spitzt sich wieder einmal zu und Österreichs Regierung hisst israelische Fahnen zur Demonstration ihrer Solidarität mit Israel. Das erzürnt unter anderem den türkischen Staatspräsidenten Erdogan.


Erdogan verflucht den österreichischen Staat, da der scheinbar wolle, „dass die Muslime den Preis dafür zahlen, dass er die Juden einem Genozid unterzogen hat“. Dieser wenig sympathische Mann hat nicht ganz unrecht in seinem Zorn. Die historische Letztschuld am Konflikt zwischen Palästinensern und Juden liegt tatsächlich bei uns. Denn die Idee des Zionismus entstand hierzulande. Unmittelbaren Anstoß zur Publikation seines Buchs „Der Judenstaat“ erhielt der österreichisch-ungarische Journalist Theodor Herzl zwar durch die französische Dreyfus-Affäre, den Boden dafür bereitete aber unsere jahrhundertealte Tradition des Antisemitismus.

Wie alle Ideen war selbstverständlich auch die Idee des Zionismus ein Kind ihrer Zeit. Und da sie im Zeitalter des Kolonialismus entstand, war sie von kolonialistischem Geist geprägt. Dass diese Idee sich dann in den Dreißigern und Vierzigern des vorigen Jahrhunderts erfolgreich entfalten konnte, schließlich zur Basis eines von der Weltgemeinschaft anerkannten Staates wurde und dessen Selbstverständnis bis zum heutigen Tag mit kolonialistischen Tendenzen belastet, ist abermals zu einem guten Teil unser ‚Verdienst‘. Denn jetzt kommt der von Erdogan erwähnte Genozid ins Spiel, an dem wir Österreicher in vorderster Reihe und nicht bloß als Mitläufer beteiligt waren. Erst im Lichte der Holocaust-Erfahrung etablierte sich nämlich weltweit und vor allem im Judentum selbst die Überzeugung, dass eine dauerhafte Lösung der sogenannten „Judenfrage“ nur in einem eigenen, äußerst wehrhaften Staat bestehen könne, der sich im Zweifelsfall lieber auf militärische Gewalt verlässt, als das Risiko eines Zugehens auf seine Gegner zu wagen.

Doch die Geschichte meinte es offenbar gut mit uns Verursachern der humanitären Nah-Ost-Katastrophe. Denn schon vor einigen Jahren erteilte sie uns an einer ganz wichtigen Frontlinie zwischen Israel und seiner feindlichen Umgebung die Rolle des Gastgebers für diplomatische Friedensbemühungen. Es handelt sich dabei um die Wiener Gespräche über einen Atomdeal mit dem Iran. Sie haben im Jahr 2015 zu einem Atomwaffenabkommen geführt, das den Iran im Gegenzug gegen die Aufhebung von davor geltenden Sanktionen verpflichtete, sein Atomprogramm zu beschränken und keine Atomwaffen zu bauen. Das mittlerweile durch Trumps Querschüsse nahezu gescheiterte Abkommen soll nun gerettet werden durch Neuaufnahme der Wiener Gespräche. Eine wunderbare Gelegenheit für Österreich, als vorbildlicher neutraler Gastgeber einen winzig kleinen Wiedergutmachungsbeitrag zu leisten.

Und was tut die völlig vertrottelte heimische Diplomatie in dieser Situation? Man zieht Fahnen auf den Dächern des Bundeskanzleramts und des Außenministeriums auf, die für die iranischen Gesprächspartner und die gesamte muslimische Welt Symbole eines Besatzungsregimes sind. Weil man nicht begreift, dass der wichtigste Dienst, den Österreich aktuell für das wohlverstandene Interesse der jüdischen wie auch nichtjüdischen Bevölkerung Israels leisten kann, nicht in toxischen Solidaritätsgebärden besteht, sondern in besonnenem Spiel der Gastgeberrolle bei den Atomgesprächen.

Karl Czasny

Ein Gedanke zu „Hoch die Fahnen! Hurra! Hurra!

  1. Jetzt wird wegen dieser israelischen Fahne am Ballhausplatz Kurz der Einseitigkeit beschuldigt und so getan, als ob dort immer Ausgewogenheit gegeben hätte.
    Als vor vierzig Jahren Ende August 1981 eine Synagoge von palästinensischen Terroristen angegriffen wurde und Bundeskanzler Kreisky dafür die israelische Regierung verantwortlich machte, habe ich keinen Pieps von linken Österreichern gehört.
    Die AZ titelte damals „Kreisky: Die unnachgiebige Politik Israels schuld an den Exzessen“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s