Wir Aufgeklärten

Covid, die Impfung und Moses Mendelssohn

Ich habe ja auch — horribile dictu — Verschwörungstheoretiker unter meinen Freunden. Erstens, weil man halt manchmal Leute sympathisch findet, trotz oder vielleicht gerade weil sie anders denken, und zweitens weil ich gerne streite. Ja, manchmal ist es mühsam, wenn sie beispielsweise behaupten, die Covid-Impfung mache magnetisch, und man dann versuchen muß, den Begriff „Adhäsion“ zu erläutern. Aber immerhin sind das Leute, die zweifeln, wenn eine Autorität was behauptet. Natürlich ist es ein Problem, wenn sie andererseits Leute als Autorität ansehen, die keine Ahnung von dem haben, wovon sie reden, aber gut im Verkaufen sind. Aber da kann und muß man halt streiten.

Und daher kriege ich auch so manches Mail aus dieser Ecke. Und in einem stand folgendes Statement: „Wenn Impf-Werbung so oft wiederholt werden muß, dann steckt was anderes dahinter, nämlich Betrug. Allgemein ist es so, auf alles, was du brauchst, kommst du von selbst. Werbung braucht es, wenn dir was angedreht werden soll.“

Auch wenns wehtut, aber das ist ein Argument. Und dieses Argument wird tagtäglich untermauert. Es gibt derzeit kaum eine Nachrichtensendung im ORF, in der nicht darüber gejammert wird, daß die Impfquote zu gering ist. Wenn einmal ausnahmsweise Nichtmediziner zu diesem Thema interviewt werden, geht es nur darum, wie man die Impfverweigerer überzeugen könnte. Die Einschätzung dieser Impfverweigerer in den Massenmedien geht von Vollidioten über unsolidarische Ignoranten bis hin zu Verbrecher — glaubt man wirklich, daß man mit dieser Charmeoffensive Überzeugungsarbeit leisten kann?

Das Problem ist die Dogmatik der Impfkampagnen. Egal, wie gut oder schlecht, wie notwendig oder gefährlich die Impfungen auch seien, das von staatlicher Seite gezeichnete Bild ist katastrophal — und zwar nicht nur, was die Spaltung der Gesellschaft angeht, sondern auch, was eben dieses Kampagnenhafte angeht: „Despotismus von jeder Art reizt zur Widersetzlichkeit“ hat der Moses Mendelssohn einmal gemeint und das trifft es. Wer sich jetzt noch impfen läßt, muß das Gefühl haben, das nur wegen des öffentlichen Drucks zuzulassen. Das erzeugt ein Selbstbild, das man nicht mag. Das kann man dann rationalisieren und sublimieren, und meinen, man tue es, weil es doch vernünftig ist und trotz der Propagandamaschinerie. Aber der Grant bleibt doch. Jede einzelne ORF-ZiB erzeugt das Gefühl, daß einem da etwas — bildlich und buchstäblich — reingedrückt werden soll. Ob das richtig oder gerechtfertigt ist, stellt sich da als Frage gar nicht mehr. Sondern nur mehr, ob man gefügig und gehorsam gegenüber dem Staat und dem von ihm massiv fabrizierten „Common Sense“ ist. Und da wird es nicht wenige geben, die sich nicht impfen lassen, weil sie sich dann besser fühlen, wenn sie morgens in den Spiegel schauen.

Nebenbei: Mendelssohn zitiere ich nicht ganz ohne Hintergedanken: Der berühmte Satz stammt von ihm als kranken, aber immer noch hellwachen grantigen alten Mann, der sich über eine (zu seiner Zeit seiner Meinung nach) Raum greifende Philosophie beschwerte, die immer nur das (scheinbar) Rationale sehen wollte und alles andere als „Schwärmerey“ begriff. Zwischen damals und heute gab es aber nicht nur einen Sigmund Freud, wir sollten also inzwischen begriffen haben, daß ein dogmatischer Rationalismus —  noch dazu einer, der auf dem Stille-Post-Prinzip medialer Vermittlung basiert und nicht aus eigener Anschauung entsteht — ganz automatisch Widersetzlichkeit evoziert.

Mendelssohn war ein Aufklärer. Sein Kollege und Zeitgenosse Kant, den er schätzte und gleichzeitig kritisierte (er nannte ihn „alles zermalmend“), gab das Diktum aus: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Nun, angeblich ist die Aufklärung die Grundlage unserer modernen demokratischen Gesellschaft. Gerade die Verschwörungstheoretiker, aber auch viele andere skeptische Menschen halten dieses Banner hoch — während die Regierungen und Spießer dieser Welt es herunterreissen wollen. Der autoritäre Charakter feiert fröhliche Urständ — gerade mit dem Verweis auf Vernunft und Wissenschaftlichkeit. So sieht die veröffentlichte Meinung dann halt aber auch aus. Man behandelt die Impfverweigerer wie trotzige kleine Kinder. Und deswegen reagieren die auch so — eben trotzig.

Wenn diese hegemoniale Meinung dann auch noch von Politikern verbreitet wird, denen ganz allgemein keine Ehrlichkeit zugetraut wird — was ja nicht unbedingt jeglicher Grundlage entbehrt –, braucht man sich nicht zu wundern, daß manche Leute nur mehr Verbrecher in Politik und Massenmedien sehen wollen.

Als einziger Effekt dieser Kampagne bleibt dann nur noch, daß sich diese Leute abgewöhnen, sich die ZiB anzuschauen. Denn wer läßt sich schon gerne täglich beschimpfen?

Bernhard Redl

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