Zahlenspiele

Wie jeden November stellen wir auch heuer auf Corona-Zeit um

Die Inzidenzen steigen und es ist im Herbst des Jahres 2 nach Corona wieder sehr beliebt auf steigende Kurven zu gucken. Also mache ich das auch wieder mal. Tatsächlich sind die Zahlen bedenklich: Am 31.Oktober hatten wir laut AGES eine 7-Tagesinzidenz von 331,8 an Infektionen, 265 Corona-Patienten lagen auf der Intensivstation, 1602 auf der Normalstation. Im gesamten Oktober sind 310 Menschen mit dem Virus verstorben. Das wirklich Erschreckende an diesen Zahlen ist: Sie sind vom Vorjahr, vom Oktober 2020. Sie ähneln sehr den Zahlen von heuer, nämlich 391 / 280 / 1164 / 348.

Und noch so eine Zahl: Am 31.Oktober 2021 lag die Infektions-Inzidenz bei den 18-59jährigen bei 219 — allerdings bei den vollständig Geimpften! Das ist in etwa der Wert aller Altersgruppen, bei dem letztes Jahr der zweite Lockdown ausgerufen worden ist. Da war aber noch niemand geimpft.
Ja, ich weiß schon, die Delta-Variante ist schuld und Geimpfte erkranken seltener schwer und so weiter und so fort. Aber trotzdem: Was heißt das für die Zukunft? Für die nächste Zeit bedeutet das wohl wieder Lockdown — entweder wie angekündigt nur für die Ungeimpften oder doch für alle. Sprich: Entweder werden die Ungeimpften zu Paria oder es gibt die Kollektivbestrafung wie beim Bundesheer — mit den auch beim Bundesheer üblichen Folgen für die wenigen Bösen, wegen denen alle anderen leiden müssen. So oder so, die FPÖ wird sich freuen.

Zuckerbrot und Peitsche

Die jetzt in Österreich in Kraft tretenden und die angekündigten Maßnahmen gehen schon sehr in die Richtung von Zuckerbrot und Peitsche: Wer sich brav impfen läßt, wird belohnt, wer nicht, wird bestraft — denn mit Infektionsschutz ist es nur mehr bedingt argumentierbar, siehe die Weiterverbreitungsrate auch durch Geimpfte. 3G am Arbeitsplatz hat ja sogar das erklärte Ziel, die Impfrate zu erhöhen. Die Tests macht man noch gleich ein bisserl umständlicher bis letztlich unpraktikabel — man führt eine soziale Impfpflicht ein, weil man sich vor einer expliziten fürchtet. Und mit den anderen Einschränkungen bekommt man auch gleich eine generelle Ausweispflicht dazu, da freuen sich Polizeistaat und private Datensammler.

Neoliberales Schulbeispiel

Entsolidarisierung ist auch das Mittel, über das man in Deutschland nachdenkt. Dort ist in mehreren Bundesländern schon beschlossen worden, daß es keine Lohnfortzahlungen für Ungeimpfte in Quarantäne mehr geben soll. Das liegt genau im Trend der Neoliberalen, die risikobehaftetes Verhalten mit Einschränkungen der Krankenfürsorge beantworten möchten. Wie sagte Karl-Josef Laumann, CDU-Landesgesundheitsminister von NRW: “Wer sich also die Freiheit herausnimmt, sich nicht impfen zu lassen, obwohl medizinisch nichts dagegenspricht, steht für die Folgen seiner Entscheidung selbst ein — nicht der Arbeitgeber, nicht die Solidargemeinschaft.” Ähnliche Forderungen haben wir schon für Raucher, Fettleibige und Risikosportler gehört — mit Corona allerdings geht das durch und es steht zu befüchten, daß das auch in den anderen Bereichen Schule machen wird. Und das versteht man dann unter “Solidargemeinschaft”!

Bezeichnend dabei ist aber auch die Meldung von Karl Lauterbach. Der immer für schärfere Maßnahmen eintretende SPD-Gesundheitssprecher hält von den jetzigen Beschlüssen nämlich gar nichts, weil die Infektion dann halt verschleiert wird, und bringt als Beispiel die USA, wo es keine bezahlte Quarantäne gibt: “Die erkrankten Menschen versuchen so durchzukommen. Das birgt zwei Risiken: Sie können andere anstecken und es drohen auch gesundheitliche Gefahren, wenn eine Corona-Erkrankung verschleppt wird.”

Und danach?

Was wird längerfristig passieren? Obige Zahlen sagen aus, daß es wohl noch viele Corona-Wellen geben wird. Covid wird wie die Grippe jedes Jahr im Herbst ausbrechen. Mittlerweile sind Dutzende Varianten des Virus dokumentiert und es wird bald neue hochansteckende Mutanten geben. Schon ist davon die Rede, daß demnächst nur mehr als vollständig geimpft gilt, wer den dritten Stich bekommen hat. So wird es auch bald ähnlich sein wie bei der Grippe, bei der jedes Jahr neue Kombinationspräparate eingesetzt werden gegen verschiedene Stämme. Was dort aber auch nur bedingt nutzt, weil man nicht alle Varianten erfaßt. Nur ist es halt so, daß wir mit der Grippe leben gelernt haben, anstatt sie zum Politikum zu machen. 2022 wird das Thema noch nicht vom Tisch sein, aber werden wir 2023, 24, 25 noch mit Masken und Impfpässen herumlaufen müssen und die Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte einteilen? Wenn es nach den Inzidenzen geht, wohl schon, das wäre nur konsequent. Aber wollen wir so eine Gesellschaft?

Bernhard Redl

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