Bitte nur bequeme Promis!

(Glosse aus akin 1/2022)

Neulich habe ich auf Facebook einen Kommentar gelesen: „Geh bitte, die [Anm.: Nina Proll] hat ja wirklich zu allem eine Meinung.“ — und dies war nicht der erste Kommentar in diese Richtung.

Ist es nicht das, was eine Grundlage der Demokratie, einer Republik der Freien und Gleichen ist? Mündige Bürger:innen, die zu allem eine eigene Meinung haben, und diese auch äußern!

Ist das nicht das Wünschenswerte für eine offene und pluralistische Gesellschaft, daß nicht alle dieselbe Meinung teilen müssen, und auch ihre abweichenden Meinungen frei und offen äußern, ohne deswegen Repressionen einer Obrigkeit fürchten zu müssen?

Schon vor der jetzigen Krise traute sich laut einer Umfrage in Deutschland ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr, offen ihre Meinung zu sagen, aus Furcht vor negativen Folgen im Berufs- oder gesellschaftlichen Leben. Ein alarmierendes Signal für eine Demokratie. Die Reaktionen auf die Äußerungen von anderen Künstler:innen und Prominenten zu den staatlichen Maßnahmen während der C-Krise haben diesen Zustand wohl kaum verbessert.

Bei konformen Äußerungen und anderen Gelegenheiten stört man sich nicht daran, daß sich prominente Nicht-Experten an Kampagnen beteiligen, oder z.B. Personenkomitees zur Unterstützung von Kandidaten bei Wahlen bilden, und ihren gesellschaftlichen Einfluß zu nutzen versuchen. Also geht es offensichtlich nur darum, der ‚Gegenseite‘ das zu verwehren, was man selber als Mittel einsetzt oder der ‚eigenen Seite‘ zugesteht. Klingt nicht gerade nach fairem und freiem Wettbewerb der Ideen, was die Demokratie doch sein soll.

Seit den Gracchen im antiken Rom fürchtet man den Einfluß prominenter Abweichler auf die Bevölkerung, warnt vor Populismus und ermahnt (wie Angela Merkel) ‚die Massen‘, nur der Regierung zu glauben. Ich glaube, wir brauchen uns um die Orbanisierung keine Sorgen mehr machen — mich erinnert das schon beinah an den Ostblock.

Natürlich nicht direkt, was die Umstände des politischen Lebens und die Konsequenzen für Diversanten betrifft — da sind wir im Westen selbstverständlich viel subtiler — aber es ist das gleiche Grundprinzip: Man vertraut nicht darauf, daß sich die besseren Argumente, die intelligentere Lösung, die Weisheit durchsetzt, sondern greift aufgrund der eigenen Befürchtungen, die Anderen könnten überzeugender sein, zu Manipulation, Diskreditierung und Diffamierung Andersdenkender, und versucht die Verbreitung ihrer Ansichten einzuschränken. Man löscht Beiträge und Kanäle, sperrt Accounts oder gleich Journalisten ein, kündigt Bankkonten, streicht ganze Fernseh- und Radiosender und droht deren Personal mit staatlicher Repression. Alles im Europa dieses Jahrtausends geschehen.

Vielleicht ist es das, was Adorno (voraus)gesehen hat, als er vor der Rückkehr des Faschismus in der Maske der Demokraten gewarnt hat. — Wir werden aus Angst vor einer Niederlage zu dem, was wir vorgeben zu bekämpfen.

Markus Auer

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