Erinnerungen an die Matura

(aus akin 3/2022 Printausgabe)

Die neue Staatssekretärin Claudia Plakolm meint, die mündliche Matura wäre so wichtig, weil da die jungen Leute noch einmal beweisen könnten, was sie gelernt haben. Der Philosophieprofessor K.P. Liessman stößt in einem Kommentar in der „Kleinen Zeitung“ ins selbe Horn — implizit verbunden mit dem wohl nie aussterbenden ‚Diese heutige Jugend!‘: „Was bedeutet es, wenn die zukünftige Elite des Landes jeder Schwierigkeit aus dem Weg gehen möchte und gar nicht auf die Idee kommt, selbstbewußt und stolz zu verkünden, dass man bereit und fähig sei, eine mündliche Matura abzulegen, auch und gerade in herausfordernden Zeiten?“

Liessmann schreibt aber auch, daß es wahrscheinlich ehrlicher wäre, „auf die Matura überhaupt zu verzichten. Das Ende der Schullaufbahn könnte unspektakulär durch das Zeugnis der Abschlussklasse bescheinigt werden“.

Bei dem zweiten Zitat kann ich ihm nur Recht geben. Denn die Matura ist eine völlig unnötige Quälerei, es ist lediglich die Nachbildung eines Rigorosums auf vorakademischer Ebene, quasi eine strenge Feierstunde, ein Initiationsritus. Vor allem als solcher wurde sie ja auch bis vor Kurzem zelebriert. Denn eines ist schon klar: Matura macht man in einem Alter, wo man wirklich schon genug von der Schule hat. Man ist kein Kind mehr und will auch nicht mehr wie eines behandelt werden, sondern hinaus ins echte Leben als Erwachsener. Bei den AHS ist das zu bemerken, aber bei den fünfklassigen BHS erst recht. In den höchsten Klassen ist die Dropout-Rate enorm und wäre wohl noch höher, wenn diese Absetzbewegung nicht von vielen Lehrern erkannt würde, die versuchen, ihre Klassen noch bis zum Schluß beieinander zu halten.

Ich erinnere mich an meine Matura. Das war 1987 in der HtL für chemische Industrie Rosensteingasse. In der fünften Klasse wurde bereits sehr großzügig toleriert, wenn man mal nicht anwesend war, legte lediglich darauf Bedacht, daß nicht immer das Gleiche auf den „Entschuldigungszetterln“ steht, die wir als Volljährige ja schon selber unterschrieben. So war dann auch die mündliche Matura — geschoben bis zum Gehtnichtmehr. Unser Vorteil war aber auch, daß der anwesende Direktor einer anderen Schule als Kommissionsvorsitzender sowieso nichts kontrollieren konnte — er war Germanist und hatte von naturwissenschaftlichen Fächern genau keine Ahnung. Aber auch sonst wäre es wohl nicht anders verlaufen, denn auch er wußte, daß die mündliche Matura eine Feierstunde zu sein hat, wo die Schüler im Anzug und die Schülerinnen im Kostüm antanzen: Die Fragen sind großteils vorab bekannt und wenn der Prüfling trotzdem danebenhaut, naja, „dann laß ich mir was einfallen“, wie mein Prof für Anorganische Chemie das im Vorgespräch zur Matura dezent andeutete.

Ich weiß nicht, wie das heute in der Rosensteingasse ist, vielleicht immer noch so, weil halt eine Bundesschule mit eigenem Lehrplan, aber in der AHS gibt es jetzt die Zentralmatura. Plötzlich wurde zumindest der schriftliche Teil — bei dem ja bis dahin auch getrickselt Ende nie wurde — zentral kontrolliert. Das soll jetzt eine ernsthafte Überprüfung des Gelernten sein. Wer, bitte, braucht das? Da hat man sich vier oder fünf Jahre durchgequält, alle Prüfungen zumindest soweit bestanden, daß das „Klassenziel“ erreicht worden ist und soll dann, wenn es einem schon so dermassen reicht, den ganzen Quargel noch einmal herunterbeten? Weil um etwas Anderes geht es in unseren Schulen ja nicht — und nicht nur in unseren Schulen, also in den heutigen hierzulande, denn schließlich wußte schon Seneca, daß man nicht für das Leben, sondern für die Schule lernt.

Also bitte: Wenn wir schon nicht bereit sind, unsere Oberstufen so zu gestalten, daß am Ende gut informierte und selbstbewußte junge Erwachsene herauskommen, sondern weiterhin gut dressierte Spießbürger mit dem Ziel, sich auf den schon vielzuviel verschulten Unis zu Fachidioten ausbilden zu lassen, dann sollte man wenigstens auf dieses Relikt Matura verzichten. Oder wenigstens sie wieder zu einem lässigen Showevent zurückstufen. Vielleicht mit einer Eins im Fach „Politische Bildung“ versüßt, wenn die angehenden Prüflinge auf die Straßen gehen, um gegen den Klimawandel, Straßenbauprojekte oder die Matura selbst zu demonstrieren.

Bernhard Redl

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